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StartupDiaries / Die Kehrseiten des Digitalen Nomadentums

Tim Rittmann 30.04.2015

Drei Berliner fahren in einem Land Rover ein halbes Jahr lang durch Südamerika. Im Gepäck: ihre Firma. Ihr Ziel: Kolumbien. Der Auftrag: Die boomende Startup-Szene des Halbkontinents porträtieren — und natürlich Geld verdienen. WIRED Germany begleitet sie in den kommenden Wochen dabei.

Wer auf der berühmtesten Suchmaschine der Welt nach Bildern zum Begriff „Digital Nomad“ stöbert, wähnt sich plötzlich auf der Online-Version des Neckermann-Katalogs. In loser Reihenfolge zu sehen: Mann am Strand vor Sonnenuntergang mit Laptop. Auch schön: Leger gekleideter Mittzwanziger am Pool mit MacBook auf Liegestuhl. Oder: Frau mit Sonnenbrille (und Laptop) auf Beifahrersitz von Strand-Buggy. Der absolute Stockfoto-Overkill geht aber so: Mann untenrum in Badeshorts, obenrum mit Jacket, Hemd und Krawatte, vor sich, na logo, ein Laptop, bäuchlings auf Surfbrett. Im Meer. Mit Laptop.

Der Mythos des unkaputtbaren Büros mit Allradantrieb hat eine Delle bekommen

Fabian Dittrich kommt es da sauer hoch. „So ein Quatsch“, meckert er. „Am Strand ist es viel zu hell, da kannst du deinen Laptop-Screen gar nicht richtig sehen. Und der ganze Sand geht ins Getriebe und dein Laptop geht über den Jordan.“ Der Berliner nimmt das überraschend humorbefreit, gut drauf ist er nicht, und das hat gleich zwei Gründe. Grund Nummer Eins: Der Land Rover, mit dem Dittrich und seine zwei Kollegen Vin Tran und Dominic Brasnovneau den halben südamerikanischen Kontinent durchquert haben, über Stock und Stein und Wüstengrund, steht aufgebockt in einer Werkstatt in Quito, der ecuadorianischen Hauptstadt. Der Mythos des unkaputtbaren Büros mit Allradantrieb hat definitiv eine Delle bekommen.

Grund Nummer Zwei: Auch Dittrichs Motor stottert. Seit zehn Tagen liegt er mit hohem Fieber im Bett, hat keine T-Shirts mehr zum Wechseln, dafür aber Herpes an der Lippe. Zum Arzt geht er nicht. Beste Zeit, ihn zu den Schattenseiten des digitalen Nomadentums zu befragen. „Man ist einsam“, hustet er, während im Hintergrund ein majestätischer Donner durch die Anden grollt. In Quito ist es dieser Tage nämlich kalt und gewitterig. „Man gehört zu den fünf Prozent, die nicht wirklich teilnehmen am Leben der anderen, weil man einen ganz anderen Rhythmus hat. Sonntags ist genau wie montags. Die Freude, die normale Leute am Freitagabend empfinden, kann man nicht mehr so richtig teilen.“

Das digitale Nomadentum ist kein Schicksal, sondern Lifestyle.

Die normalen Leute, dazu gehören auch die Eltern und Freunde, die einem ständig sagen, man solle doch jetzt wieder vernünftig werden, und man weiß nicht, ob sie einfach keine Ahnung haben, oder irgendwie doch ganz richtig liegen. Und da wären noch die scheinbar banalen Dinge: „Ergonomie ist ganz wichtig. Wenn du wirklich in der Hängematte arbeitest, so als Nomadenstereotyp, dann brennt dir der Rücken nach 20 Minuten weg. Ich arbeite ständig im Auto, das ist fast genauso schlimm.“

Digitale Nomaden sind keine Obdachlosen. Das nur so zur Erinnerung.

Sie schlafen mal hier, mal da, aber aus freien Stücken. Es ist nicht ihr Schicksal, sondern ihr Lifestyle. Und die logistischen Nachteile des unsteten Lebens auf fremden Kontinenten – die ewige Suche nach einer funktionierenden Netzanbindung, die abbrechenden Telefonkonferenzen, der geringe Umsatz, den man mit Freelance-Jobs generieren kann – das alles sind First World Problems 2.0. Aber an Fabian Dittrich nagt es. Er ist krank, seit fast einem halben Jahr unterwegs und sehnt sich nach etwas Normalität: „Einen Kumpel einladen, Bier trinken und einen Film gucken, ein bisschen Routine, das fehlt alles.“

Die Südkoreanerin Do Youjin dreht gerade „One Way Ticket“, eine Dokumentation über Digitale Nomaden, die sie für alle frei verfügbar ins Netz stellen will. Sie hat sich vorgenommen, kein Loblied auf die tollen Hubs im nordthailändischen Chiang Mai zu singen, sondern Nomaden zu porträtieren und in ihrem Film auch den negativen Seiten Raum zu geben. Die zählt sie in ihrem Blog auf. Viele Traveler haben Probleme mit dem Visum. Es gibt Konflikte zwischen den Nomaden und den Einheimischen. Ein spezielles, ziemlich ekelhaftes Problem vieler südostasiatischer Länder ist Sextourismus und Prostitution. Einer ihrer Blogpost enthält Screenshots englischsprachiger Guides, die ihren VIP-Mitgliedern Tipps für das Nachtleben in Chiang Mai, Pattaya oder Bangkok geben. Deren potentielle Zielgruppe: Expats, die ihre Arbeit mit nach Thailand genommen haben.

Viele glauben, das Digitale Nomadentum kann ihr Leben verändern wie eine magische Pille.

Ihr Projekt erregt in ihrem Heimatland Korea, das für besonders hierarchische Firmenstrukturen bekannt ist, großes Interesse. Junge Menschen löchern sie mit Fragen, wie man ein digitaler Nomade wird, welche ersten Schritte man unternimmt. In einem Blogeintrag mit der alles erklärenden Überschrift: „Let’s stop selling the digital nomad lifestyle as a miracle cure and instead expose its reality“ schreibt sie: „Viele glauben, das Digitale Nomadentum kann ihr Leben verändern wie eine magische Pille.“

Fabian Dittrich kennt diese Hoffnung. „Ich glaube, die Psychologen nennen das Impact Bias oder Kognitive Verzerrung. Das ist die menschliche Tendenz, Ereignisse, die in der Zukunft liegen, überzubewerten. Man denkt, wenn man erst einmal unterwegs ist, wird alles gut. Wird’s dann aber nicht.“ Fabian Dittrich, Vin Tran und Dominic Brasnovneau werden bald wieder aufbrechen, es geht nach Medellin, ins Start-Up-Mekka Lateinamerikas. Es wird vorläufig die letzte Station sein, bevor die drei Gründer zurück nach Berlin fliegen. Dort warten dann ihre Freunde mit Bier und Filmen. Ein schöner Gedanke, der hilft gegen die Kälte, die Gewitterwolken und das Heimweh.  

In der letzten Folge „Startup Diaries“ stellten sich die Nomaden die Frage, wo man in Lateinamerika am besten gründen kann.