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Speechagain ist eine KI-gestützte Stottertherapie

Kim Richters 27.02.2018 Lesezeit 3 Min

Speechagain will mit seiner Onlineplattform Menschen helfen, die Schwierigkeiten haben, flüssig zu sprechen. Seit kurzem ist das Unternehmen auch in den USA vertreten.

Stottern ist oft mit Scham verbunden: Viele Betroffene ziehen sich aus sozialen Situationen zurück, weil sie Probleme mit der Aussprache haben. In Deutschland sind es etwa 800.000 Menschen, die nicht flüssig sprechen können. Kann ein Softwareprogramm ihnen helfen?

Das jedenfalls glaubt Alexander Wolff von Gudenberg. Der Arzt hat ein digitales Sprechtraining für Stotternde entwickelt hat. Gudenberg stotterte früher selbst und stieß nach jahrelanger Suche in Israel auf eine Software, die ihm mit der sogenannten Fluency-Shaping-Methode half, flüssig zu sprechen. Dieses Verfahren vermittelt dem Betroffenen eine weiche Sprechart, die ihm helfen soll, Kontrolle über die eigene Aussprache zu erlangen. Wolff von Gudenberg entwickelte die Methode unter dem Namen Kasseler Stottertherapie (KST) für den deutschen Markt weiter, wo sie seit 1996 von Therapeuten angewendet wird. Bislang soll die Therapie, die auch in den Leitlinien für ärztliche Behandlung empfohlen wird, so 3.000 Stotterern geholfen haben.

Das Speechagain-Team mit Gründer Alexander Wolff von Gudenberg (l.) und Head of Product Johanna Joch (3. v. r.)

Mit dem Onlineportal Speechagain baut Wolff von Gudenberg nun auf dieser Stottertherapie auf. Die Software, das aus elf Lektionen mit Übungen besteht, analysiert die Sprache des Nutzers mithilfe von Künstlicher Intelligenz und gibt individuelles Feedback. Gemeinsam mit dem Berliner Company Builder Digital Health Factory hat Wolff von Gudenberg 2016 das hinter der Onlinetherapie stehende Unternehmen Digithep gegründet.

Während Speechagain in Deutschland bereits als Teil der Behandlung am Institut der Kasseler Stottertherapie genutzt wird und eine erste Nutzung gemeinsam mit einem Therapeuten stattfindet, testet das Unternehmen seit kurzem eine Version in den USA, bei der es keinerlei Therapeuten-Kontakt braucht. „Die Qualität einer herkömmlichen Stottertherapie variiert stark und ist vom Therapeuten und dessen Therapiemethode abhängig“, wirbt Johanna Joch, Produktchefin und Managing Direcor der US-amerikanischen Holding. Speechagain gebe objektives Feedback, das genauer sei als „das menschliche Ohr“. Doch Joch räumt auch Nachteile des Programms ein. „Der Patienten-Therapeuten-Kontakt mit allen sozialen Elementen – vor allem Empathie – ist mit Speechagain nicht umzusetzen“, sagt sie.

Während hierzulande laut Joch die Krankenkassen für Speechagain zahlen, so lange es teil der Kasseler Therapie ist, werden Nutzer in den USA 79 US-Dollar im Monat für die Nutzung zahlen müssen. Für das Startup ist die lückenhafte Gesundheitsversorgung der Amerikaner ein Vorteil. „Die Bereitschaft, Geld für die eigene Gesundheit auszugeben, ist im internationalen Vergleich in den USA deutlich höher, dabei ist das Preisniveau für Gesundheitsdienstleistungen eines der höchsten weltweit“, erklärt Joch. Therapiestunden könnten sich viele Menschen dort nicht leisten, Sprachtherapeuten gebe es zudem nicht viele. „Speechagain ist für die Nutzer eine finanziell günstigere Alternative zur klassischen Stottertherapie mit Therapeuten“, sagt sie. Die Beta-Version von Speechagain will das junge Unternehmen bereits im kommenden Monat veröffentlichen, einige Monate später soll Launch der Vollversion folgen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene
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