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Snapchat auf Identitätssuche zwischen Politik und Kamera

Elisabeth Oberndorfer 03.11.2016

Mit dem neuen Namen Snap Inc. ist das einstige Messaging-Startup Snapchat auf dem Weg, ein erwachsenes Technologieunternehmen zu werden. Berichterstattung zur anstehenden Präsidentschaftswahl soll dafür ein wichtiger Meilenstein sein. WIRED hat das fünf Jahre alte Unternehmen in Los Angeles besucht.

Es riecht nach Gras und Bier in der Gasse in Venice Beach, wo sich Snapchat angesiedelt hat. Unweit der berühmten Strandpromenade mit dem Muscle Beach hat das Startup seine Mitarbeiter im Hauptquartier untergebracht – nur wenige Gehminuten von dem Beach House entfernt, in dem die Messaging-App groß wurde. Das Schild mit dem Snapchat-Logo ist dort nicht mehr zu sehen. Und auf der hölzernen Eingangstür in einer Seitenstraße der Promenade weist nur die Gravur „Snap Inc.“ darauf hin, dass hier ein 20-Milliarden-Dollar-Unternehmen arbeitet.

„Wir sehen uns als Camera Company“, wiederholt Shannon Kelly das, was ihr Chef Evan Spiegel in den vergangenen Monaten immer wieder gegenüber der Presse betont hat. Das, was sie Unternehmenssprecherin über die aktuellen Geschehnisse bei Snap – wie Snapchat mittlerweile offiziell heißt – erzählt, klingt allerdings eher nach einem Medienunternehmen.

Seit Monaten ist das hauseigene Redaktionsteam damit beschäftigt, Inhalte zur US-Präsidentschaftswahl aufzubereiten. In der Politik-Show Good Luck America spricht US-Präsident Barack Obama an diesem Dienstag – eine Woche vor dem Wahltag – nochmals seine Unterstützung für die demokratische Kandidatin Hillary Clinton aus. Am 8. November werden Redakteure und Kuratoren in den ganzen USA verstreut Live-Stories für die Snapchat-App produzieren.

Eine Evolution von der schmuddeligen Video-App für Jugendliche zu einem Unternehmen mit dem Mut, eigene Hardware zu bauen

Wie diese journalistische Offensive ins Konzept von Snap passt? „Wir machen alles mit Fokus auf die Kamera“, sagt Kelly. Das Team betreibe eine bild- und videolastige Content-Produktion, die auf mobile Endgeräte zugeschnitten sei. Schlagzeilen wie „Snapchat wird immer mehr zum Fernsehen“ sind angesichts dessen nicht weit hergeholt. Stellenangebote deuten zudem darauf hin, dass das Startup noch weitere Formate plant. Der erste Versuch, eine Comedy-Serie zu produzieren, floppte mit Literally Can’t Even im vergangenen Jahr. Stattdessen will Snapchat nun die Polit-Berichterstattung ausbauen und sucht Journalisten.

Die Versuche von Facebook, Snapchat-ähnliche Elemente in seinen Apps zu kopieren, sieht man dabei gelassen. Mit seinen 1500 Mitarbeitern will CEO Evan Spiegel der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein. Innovation muss dabei nicht immer hochtechnologisch sein. Bei der kürzlich vorgestellten smarten Sonnenbrille Spectacles hat das neue Hardware-Labor bewusst nur eine Funktion integriert: natürlich eine Kamera. Spiegel bezeichnet die Brille gar als „Spielzeug“. Im Herbst kommt sie in limitierter Stückzahl auf den Markt, vorerst nur in den USA.

Einen Termin für den Handelsstart gibt es laut Kelly aber noch nicht. Im Gegensatz zu anderen Tech-Unternehmen wie Google und Facebook beschäftige man sich in Venice derzeit kaum mit Virtual Reality. „Eher mit Augmented Reality. Unsere Filter und Linsen sehen simpel aus, aber da steckt viel Arbeit mit Gesichtserkennung und räumlicher Berechnung drin“, sagt sie.

Für die App Snapchat, derzeit noch das Hauptprodukt der Firma Snap, sind Werbung und Content-Partnerschaften die wichtigste Einnahmequelle. Den ausgewählten Medienpartnern will der Betreiber künftig einen festgelegten Betrag für die Werbeplatzierung zahlen und dafür die Vermarktung exklusiv erledigen.

Neben den USA, Kanada und Australien hat das kalifornische Startup seit Beginn des Jahres seine Aktivitäten in Europa verstärkt. In London hat Snapchat ein Büro, in erster Linie für Werbepartnerschaften. In Paris ist die App seit Sommer mit einem kleinen Team vertreten. Pläne für eine Expansion nach Deutschland gibt es derzeit eigenen Angaben zufolge nicht. Das Team beobachte aber, dass immer mehr deutsche Politiker die App nutzen.

Wenn ich verstehe, wie man mit Snapchat umgeht, dann werdet ihr es auch schaffen, wählen zu gehen

Barack Obama

Die vergangenen fünf Jahre waren für Snapchat eine Evolution von der schmuddeligen Video-App für Jugendliche zu einem Unternehmen mit mehreren Geschäftsbereichen und dem Mut, eigene Hardware zu bauen. Spätestens seit First Lady Michelle Obama einen eigenen Account hat, hat Snapchat sein schlechtes Image verloren. Über Gründer Spiegels frauenfeindliche E-Mails aus seiner Studienzeit spricht heute auch niemand mehr, zu unbekannt war der CEO noch, als sie durchsickerten.

Der neue Firmenname, den das Startup seit September trägt, ist ein weiteres Indiz dafür, dass Snapchat erwachsen geworden ist – und feuert die Gerüchteküche um einen baldigen Börsengang an. 25 Milliarden Dollar soll Snap bis März 2017 wert sein, vier Milliarden Dollar wolle das Unternehmen noch einsammeln, berichten Insider. Snap selbst schweigt wie immer zu den Spekulationen. Stattdessen konzentriert sich die selbsternannte „Camera Company“ auf den nächsten großen Meilenstein, die Berichterstattung am US-Wahltag.

Von einem weiterem Grundprinzip verabschiedet Snapchat auf dem Weg zum börsennotierten Konzern ebenfalls: Die Vergänglichkeit nach 24 Stunden werden immer mehr aufgelockert. Die 150 Millionen täglich aktiven Nutzer können ihre Snaps in Memories speichern, und die Good-Luck-America-Show mit Obama ist 48 Stunden abrufbar. „Wenn ich verstehe, wie man mit Snapchat umgeht, dann werdet ihr es auch schaffen, wählen zu gehen“, appelliert der Präsident in die Snapchat-Kamera.

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