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Wie viel Silicon-Valley-Spirit brauchen wir in Deutschland?

Benedikt Plass-Fleßenkämper 09.05.2017

Wie könnte Deutschland so innovativ und flexibel wie das Silicon Valley werden, dabei aber eigene Stärken beibehalten? Um diese und andere Fragen drehte sich die Podiumsdiskussion Future of Work: How can Germany be a Leader in the Digital Economy? auf der re:publica 2017.

Ist das Silicon Valley innovativer als Deutschland? Rund zwei Drittel der Besucher des re:publica-Panels Future of Work: How can Germany be a Leader in the Digital Economy? sind jedenfalls dieser Meinung, wie kurz vor Beginn der Veranstaltung per Umfrage mit Handheben festgestellt wurde.

Heißt das, dass deutsche Unternehmen unbedingt den kalifornischen Startup-Spirit aufgreifen müssen? Oder ist das der falsche Weg? Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, der US-Buchautor und Journalist Steven Hill, Anna-Katharina Alex, Gründerin und Geschäftsführerin des Curated-Shopping-Startups Outfittery und Moderator Max Neufeind vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales kamen auch nach einer Stunde Diskussion leider zu keiner eindeutigen Lösung. Doch sie arbeiteten gemeinsam einige Aspekte heraus, wie ein moderner Arbeitsmarkt in Deutschland tendenziell aussehen könnte.

Gleich zu Beginn entmystifizierte Steven Hill die magische Aura, die Startups aus dem Silicon Valley umgibt: Sieben von zehn jungen Unternehmen scheitern, neun von zehn machen keinen Gewinn. Zudem würden Startups den Sozialstaat ruinieren, da sie oft ihre Mitarbeiter schlecht bezahlen, so Hill. Überhaupt gebe es in den USA sehr viele prekäre Jobs, zum Beispiel Teilzeitarbeiter und Freelancer. In Deutschland sähe die Situation noch besser aus, da die Bundesrepublik den Mittelstand als „Rückgrat der Wirtschaft“ habe.

Fährt Deutschland mit seinem Mittelstand so gut, dass es doch keinen Startup-Spirit braucht? Nein, so die einhellige Meinung der vier Panel-Teilnehmer. Zum Beispiel möchte Anna-Katharina Alex gar nicht, dass ihr Startup mal zum Mittelstandsunternehmen wird. Sie wolle nicht wie 100 Jahre alte Firmen das bewahren, was sie schon immer getan habe, sondern mit Outfittery „innovativ und disruptiv agieren, um Dinge anders zu machen“. Sie denkt: Das Mindset eines Startups passt absolut nicht mit dem eines mittelständischen Unternehmens zusammen.

Hill plädierte dafür, dass beide Arbeitsweisen verschmelzen müssten. Er bezeichnete diese Idee als „Rocket Mittelstand“ – in Anlehnung an den Berliner Inkubator Rocket Internet. Die zentrale Frage in seinem Buch Die Start-up-Illusion und auch bei der Diskussionsrunde: Wie kann man aus flexiblen, aber schlecht bezahlten Startup-Jobs schließlich gut bezahlte, sichere Jobs machen? Hills Lösung: Unternehmen, die Teilzeitarbeiter oder Selbstständige beschäftigen, sollten in ein spezielles Sozialsystem einzahlen. Dieses muss den Mitarbeitern Flexibilität und Sicherheit gewährleisten. Damit könne nach Hills Ansicht vermieden werden, dass beispielsweise dem Sozialsystem hunderte Millionen durch sogenannte Clickworker (Selbstständige, die auf Freelancer-Plattformen ihr Geld verdienen) verloren gehen.

Zwar müssen soziale Probleme gelöst, zugleich aber auch alte, starre Strukturen aufgebrochen werden – darüber waren sich Hassel, Hill und Alex einig. Wenn ein Angestellter ein guter Teamleiter sei, dann müsse er diese Position auch in Teilzeit ausüben können – das sei derzeit aber nicht möglich. Auch das konservative Denken, dass Männer in Vollzeit arbeiten, Frauen wegen der Kindererziehung nur in Teilzeit, sei überholt, aber noch nicht am Arbeitsmarkt angekommen.

Aber wie kann Deutschland nun führend in der digitalen Wirtschaft werden? Auf die Frage aus dem Veranstaltungstitel gab es am Ende keine echte Antwort, weil sich das Panel primär um Arbeitsmarktpolitik drehte, aber kaum andere Dinge beleuchtet wurden.

WIRED ist Medienpartner der re:publica 2017 und berichtet hier vom 8. bis 10. Mai live von der Konferenz in Berlin.

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