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Nach Shitstorm: Roland Tichy arbeitet nicht mehr für Xing

Niklas Wirminghaus, Gründerszene 09.01.2017

Als Protest gegen das rechtslastige Online-Magazin von Xing-News-Herausgeber Roland Tichy hatten zahlreiche Nutzer ihre Konten gekündigt. Nun hat Tichy reagiert.

Shitstorm mit Konsequenzen: Der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche, Roland Tichy, gibt seine Herausgebertätigkeit für das Hamburger Karriere-Netzwerk Xing auf. Hintergrund ist die massive Kritik an einem am Freitag auf Tichys rechtslastigem Online-Magazin Tichys Einblick erschienenen Beitrag, in dem „grün-linke Gutmenschen“ als „geistig-psychisch“ krank bezeichnet wurden.

Der Artikel des Publizisten Jürgen Fritz (Titel: „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“) hatte für eine Welle der Empörung gesorgt, zahlreiche Nutzer kündigten in sozialen Netzwerken an, ihre Xing-Accounts zu kündigen. Als einer der ersten kritisierte TLGG-Kreativdirektor und Ex-SPD-Wahlkampfstratege Mathias Richel das Netzwerk, das Tichy im Oktober 2015 für den Aufbau des Debattenmagazins Xing Klartext als Herausgeber geholt hatte.

Tichy reagierte noch am Samstag und löschte den betreffenden Beitrag. Die Begründung: Der Text „hätte hier nicht erscheinen dürfen“, denn „Unterstellung von Pathologie ist für [Tichys Einblick] keine politische Diskussionsbasis“. Der Shitstorm ebbte damit aber nicht ab, am Sonntag war #Xing bei Twitter das stärkste Trending Topic. Wie viele Nutzer ihre Accounts als Protest über das Wochenende gekündigt haben, ist unklar. Die Anzahl der Kündigungen bewege sich „aktuell im normalen Bereich“, erklärte ein Sprecher gegenüber Gründerszene.

Am Montag schließlich zog der Xing-Herausgeber die Konsequenzen aus der Debatte und gab bekannt, von seinem Posten zurückzutreten. Hintergrund sei „eine Kampagne gegen mich und meine publizistischen Aktivitäten“. Obwohl er den kritisierten Beitrag entfernt und sich dafür entschuldigt habe, habe er sogar Morddrohungen erhalten. „Des weiteren startete eine massive Kampagne gegen Xing. Das kann ich nicht akzeptieren und gutheißen.“

Der Image-Schaden für das börsennotierte Unternehmen dürfte aber bereits beträchtlich sein. In Hamburg dürften sich einige die Frage stellen, ob es die richtige Entscheidung war, Tichy als Herausgeber zu holen und gleichzeitig dessen Aktivitäten mit der „liberal-konservativen Meinungsseite“ (Eigenbeschreibung) zu tolerieren. Der Spiegel bezeichnete den Blog einmal als Teil einer großen Koalition von „Salonhetzern“, die „in der Kanzlerin wahlweise eine Frau, die fortlaufend deutsches Recht breche, nicht mehr zurechnungsfähig sei und eine Diktatur errichtet habe“ sehe. „Verachtung und Hass“ stünden dort auf der Tagesordnung.

Xing hatte bis heute immer jede Verantwortung für Tichys publizistische Aktivitäten von sich gewiesen. „Der Blog ist Privatvergnügen von Herrn Tichy“, hieß es vor einem Jahr. Xing Klartext sei „eine unabhängige Redaktion und politisch liberal“. Schon damals hatten einige Nutzer ihre Konten wegen des umstrittenen Herausgebers gekündigt.

Am Montag schrieb das Hamburger Unternehmen, dass es „Roland Tichy, seiner journalistischen Kompetenz und seinem Verständnis für Publishing im Internet viel zu verdanken“ habe. Xing Klartext erfreue „sich großer Beliebtheit“ und sei „ein großer Erfolg“. Man nehme die Rücktrittsentscheidung „mit Respekt zur Kenntnis“.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene.
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