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Wird der Exit von MySugr Österreichs Startup-Szene ankurbeln?

Elisabeth Oberndorfer 04.07.2017

Der Schweizer Pharmakonzern Roche übernimmt die Diabetes-App MySugr. Es ist der erste große Exit in der österreichischen Startup-Branche seit zwei Jahren. Trotzdem hat sich die Community in den vergangenen Monaten stark weiterentwickelt. 

Die Trockenperiode in der österreichischen Startup-Szene ist vorbei: Nach Runtastic und Shpock vor zwei Jahren steht jetzt der nächste große Exit fest: Das Health-Startup MySugr geht zu 100 Prozent an den bisherigen Investor Roche. Wie viel der Schweizer Pharmakonzern für die Diabetes-Management-App zahlt, wird nicht kommuniziert.

Der Investor Hans Hansmann spricht in Medien vom bisher größten Deal im Digital-Health-Bereich in Europa. Schätzungen zufolge soll Roche zwischen 70 und 80 Millionen Euro für das 2012 in Wien gegründete Unternehmen zahlen. Zum Vergleich: Die Lauf-App Runtastic ging für 220 Millionen Euro an Adidas, der mobile Flohmarkt Shpock für 200 Millionen Euro an das norwegische Medienhaus Schibsted. 

Der Exit dürfte also wesentlich kleiner ausfallen, dennoch bringt der Verkauf von MySugr wieder Schwung in die österreichische Gründer-Community, die sich vorwiegend auf die Hauptstadt Wien konzentriert. Das Unternehmen bleibt eigenen Angaben zufolge in Österreich und will die Belegschaft in den kommenden zwei Jahren von 47 auf 200 Mitarbeiter erhöhen.

Das MySugr-Gründerteam: Gerald Stangl, Frank Westermann, Michael Forisch und Fredrik Debong

Auch Runtastic und Shpock blieben nach dem Verkauf an ausländische Konzerne in Österreich und investieren weiterhin in Arbeitsplätze. Bei der Eröffnung des neuen Runtastic-Büros waren im Mai kurz vor der Bekanntgabe der Neuwahlen zwei Spitzenpolitiker zu Besuch: SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern und der neue ÖVP-Vizekanzler Sebastian Kurz. Beide gelten als Startup-affin, Jungunternehmer werden wohl deshalb bei der Nationalratswahl am 15. Oktober eine wichtige Zielgruppe für die ehemaligen Koalitionspartner.

Kanzler Christian Kern im Februar beim Stammtisch der „Austrian Startups“, der Interessensvertretung der österreichischen Startups

Kanzler Kern, der davor als Vorstandschef der Österreichischen Bundesbahnen erste Startup-Kooperationen initiierte, brachte die Anliegen der Gründer und Investoren bei seinem Amtsantritt im Mai 2016 auf die Prioritätenliste der Regierung. Im Herbst 2016 segneten die Regierungspartner ein Startup-Paket mit Senkung der Lohnnebenkosten für neue Unternehmen und mehr Geld für staatliche Förderbanken ab. Im Frühling 2017 ging die Große Koalition weitere Initiativen wie die Schaffung von regionalen Startup-Clustern und einer Risikokapitalprämie an. Beide Maßnahmen sollen trotz der Auflösung der Koalition noch im Parlament finalisiert werden.

Auch ohne die staatliche Hilfe haben sich die Investments in österreichische Startups besonders in diesem Jahr erhöht. Waren in den vergangenen Jahren sechsstellige Finanzierungsrunden üblich, werden mittlerweile fast wöchentlich Millionen-Investments kommuniziert. Die Stadt Wien versucht sich indes als europäischer Startup-Hub zu etablieren. Mit WeXelerate startet im September ein neuer Accelerator mit engen Verbindungen zu den österreichischen Industriekonzernen.

In dessen Advisory Board sitzt übrigens Eveline Steinberger-Kern, die Ehefrau des Kanzlers und Unternehmensberaterin. Ein weiteres Startup-Zentrum, „Talent Garden“, musste seine Eröffnung von Sommer auf nächstes Jahr verschieben. Die oberösterreichische Industriestadt Linz hat in einer alten Tabakfabrik erst im Juni den Campus „Factory300“ eröffnet, damit Gründer auch außerhalb Wiens einen zentralen Ort der Zusammenkunft haben. 

Trotz der jüngsten Initiativen ist auffallend, dass alle drei großen Exits der vergangenen Jahre im Ausland passierten. Und das, obwohl inzwischen sowohl Großkonzerne als auch mittelständische Unternehmen den Austausch mit jungen Technologieunternehmen suchen. Mit seinem Startup-Paket versprach Kanzler Kern vergangenes Jahr 1000 zusätzliche Neugründungen und bis zu 15.000 neue Arbeitsplätze bis 2020. Ein ambitioniertes Ziel, das voraussetzt, dass auch die Gründer der verkauften Startups ihr Geld in den Wirtschaftsstandort Österreich investieren. Das Gründerteam von Shpock etwa zog sich Anfang des Jahres aus der Geschäftsführung zurück und unterstützt seither junge Startups als Angel-Investoren. Die Gründer von MySugr sind in der Community ebenfalls seit Jahren gut vernetzt und könnten diesem Beispiel folgen. Insofern profitiert auch das österreichische Unternehmertum von den internationalen Deals.

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