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Helfende IT-Firmen in Puerto Rico lassen den Staat alt aussehen

Johnny Haeusler 11.10.2017 Lesezeit 3 Min

Google unterstützt mit seinem Loon-Projekt den Wiederaufbau des Mobilnetzes in Puerto Rico und Tesla will mit Batteriefarmen die Stromversorgung dort sichern: Tech-Firmen helfen im Katastrophenfall. Unser Kolumnist findet das gut. Auch wenn der Umkehrschluss lautet: Regierungen tun zu wenig.

Okay, das kam gar nicht so gut an, wie Mark Zuckerberg kürzlich die Oculus Developer Conference beworben hat: Um anzudeuten, wobei es bei der Konferenz für Entwicklerinnen und Entwickler von VR-Inhalten gehen solle, „beamte“ sich Zuckerberg nebst Kollegin Rachel Franklin mal eben per VR-Technologie nach Puerto Rico. Mitten in vom Hurrikan Maria verwüsteten Gebieten staunten die beiden über die „Magie“ der Technologie und fanden, dass sich alles „ganz echt“ anfühlte und alles ganz schön überschwemmt war. Bevor sie dann ihre VR-Brillen wieder abnehmen konnten.

Als „geschmacklosen PR-Auftritt“ bezeichneten das sogar viele nicht gerade als geschmacksinteressiert bekannte Tech-Magazine und schüttelten den virtuellen Kopf.

Aber: Zuckerberg hatte die Lage in Puerto Rico natürlich nicht ignoriert, sondern auch tatkräftig geholfen. Nicht nur durch eine Spende in Höhe von 1,5 Millionen Dollar, sondern auch durch technische Unterstützung des Roten Kreuzes durch Facebooks Bevölkerungsdaten.

Und auch Google, beziehungsweise Alphabet, packt beim Wiederaufbau in Puerto Rico mit an. Mit dem „Project Loon“, bei dem gasgefüllte Luftballons Internet-Anbindung in ansonsten schwer vernetzbare Gebiete bringen sollen, könnte in Puerto Rico eine digitale Grundversorgung wiederhergestellt werden.

Doch nicht nur das Internet soll wieder funktionieren, auch das Stromnetz muss wieder in Gang gebracht werden. Auftritt Elon Musk, der darüber nachdenkt, wie Teslas Batteriefarmen Puerto Ricos Energieversorgung sicherstellen könnten. Dass derweil die Produktion des Modell 3 etwas langsamer läuft, macht den Investoren bei diesen Aussichten anscheinend weniger aus. Denn für sie könnte sich ihr finanzieller Einsatz ob der neuen Möglichkeiten noch mehr lohnen.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es  an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Elon Musk und auch Alphabets Project Loon haben nämlich soeben neue Geschäftsbereiche entdeckt: Katastrophengebiete, die mit den zunehmenden Folgen des Klimawandels verstärkt ins Blickfeld geraten. Selbst wenn diese nur als Fallbeispiele, als Proof of Concept dienen, könnte sich die Sache auf Dauer rechnen.

Gutes tun und dabei noch tolle PR abstauben und Geld verdienen – ein Modell, das noch gar nicht so lange funktioniert in den USA, wo man sich genauso wie hierzulande eigentlich darüber einig war, dass in erster Linie der Staat für Katastrophen- und Umweltschäden aufkommen sollte. Und nicht privatwirtschaftliche Unternehmen mit möglicherweise ganz anderen Interessen.

Doch das hat sich in den Vereinigten Staaten nach und nach geändert seit den Blamagen der Bush-Regierungen in Florida nach dem Hurrikan Andrew 1992 und Katrina in New Orleans 2005. Und noch einmal mehr, seitdem US-Präsident Trump öffentlich erwägt, die staatliche Unterstützung von Versicherungen gegen Überschwemmungen in den Gebieten zu kürzen, in denen die Wahrscheinlichkeit eben dieser Gefahren höher ist.

Wenn der Staat versagt oder zu langsam ist, dann wird die Hilfe der Unternehmen dankend angenommen. Und so erscheinen plötzlich Google, Tesla und Facebook wie rettende Superhelden und lassen den Staat ziemlich alt aussehen.

Das ist letztlich nicht die beste Lösung, Regierungen müssten vielmehr in die Pflicht genommen werden, notfalls auch unterstützt werden dabei, ihren ureigenen Aufgaben nachzukommen. Übernehmen Firmen diese Aufgaben, verschiebt sich zu viel. Doch im Angesicht der aktuellen US-Regierung muss man darüber vielleicht sogar froh sein. Und dennoch darauf hoffen, dass sich der Trend nicht auch in Deutschland fortsetzt. Denn die nächste Überschwemmung hierzulande sollte nicht von MyMüsli bewältigt werden.