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Eine KI gegen die Filterblase der Wissenschaft

WIRED Editorial 29.09.2017 Lesezeit 3 Min

Oftmals erfahren Wissenschaftler erst viel zu spät von neuen Forschungsergebnissen in ihrer Disziplin. Bei der Masse an Publikationen fällt es oft schwer, alles im Blick zu behzalten. Der Münchner Computerlinguist Ramin Assadollahi will mit einer Künstlichen Intelligenz (KI) Wissenschaftlern einen besseren Überblick über ihr Forschungsfeld verschaffen.

Nicht nur Social-Media-Nutzer, auch Wissenschaftler leben in einer Filterblase. So wie die Fehltritte von Donald Trump es nur selten in die Timelines seiner Fans schaffen, kann es auch sein, dass etwa ein Alzheimerforscher erst spät von einer neuen, vielversprechen­den Behandlungsmethode erfährt. Denn aufgrund der Masse der Publikationen lesen viele Wissenschaftler vor allem Studien oder Artikel von ihnen vertrauten Kollegen, andere lassen sie aus. Auf dem aktuellen Stand der eigenen Disziplin zu bleiben, ist richtig Arbeit.

Hier soll die künstliche Intelligenz ansetzen, die Ramin Assadollahi mit seiner Münchner Firma ExB (External Brain) entwickelt hat: „Nicht einmal in ihrem Kernfeld schaffen es Wissenschaftler, die Arbeit und Forschung all ihrer Kollegen zu verfolgen“, sagt der promovierte Hirnforscher und Computerlinguist. 870.000 medizinische Texte wurden allein 2016 auf Medline, der staatlichen Forschungsdatenbank der USA, registriert. Tendenz: steigend. Selbst wer jeden Tag eine Studie liest, schafft in seinem Leben gerade mal 8.800, rechnet Assadollahi vor. Sein „Cognitive Workbench“ benanntes Programm soll sich durch diese Textberge an Publikationen wühlen. 

Die erste praktische Anwendung der KI entstand in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftsverlag Springer Nature: Die Cognitive Workbench generiert Kurzzusammenfassungen, die Lesern komplexe Fachartikel aus Medizin und Pharmazie schnell und einfach zugänglich machen. Schon 17.000 Ärzte haben das Programm genutzt.

„Es handelt sich dabei nicht um einen Schnelllesemechanismus, sondern um eine zusammenklickbare Intelligenz“, sagt Assadollahi. Anstatt wie Google einfach nach Keywords zu suchen, erfasst die Cognitive Workbench den Zusammenhang eines Textes. Durch Dropdown-Menüs und Slider können Forscher einstellen, wonach sie die Texte filtern wollen. Auch offene Fragen können Assadollahis KI gestellt werden. Ein Beispiel: „Welche Substanzen könnten für Alzheimer verantwortlich sein?“ Bereits bekannte oder offensichtliche Antworten können die Nutzer ausblenden.

Auf Wunsch zeigt die Cognitive Workbench an, wie sich das Interesse an einem bestimmten Thema im Lauf der Zeit verändert hat und welche Hypothesen bereits abgeklopft wurden. Solche Erkenntnisse sollen Wissenschaftlern helfen, zu erkennen, welche Forschungsfragen es wert sind, sie weiter zu verfolgen. Gleichzeitig können Nutzer so auf Fakten oder Untersuchungen stoßen, die dem produzierten Wissen in der eigenen Bubble widersprechen.

„Im Kern bauen wir eine Verstehmaschine“, sagt Assadollahi, der zuvor schon an ähnlichen Ideen gearbeitet hat. Ursprünglich hat er ExB im Jahr 1999 gegründet, um einen persönlichen Sprachassistenten zu entwickeln – mit der Idee war er ein paar Jahre zu früh dran. Danach programmierte er die weltweit erste Software, die voraussagen konnte, welche Wörter Handy-Nutzer als Nächstes eintippen würden. Die verkaufte er 2010 an Nokia, den damaligen Marktführer.

Mit der Cognitive Workbench will Assadollahi jetzt IBMs Super-KI Watson herausfordern: „Bei jedem Kunden, mit dem wir sprechen, war IBM schon“, sagt er. Eine Super-KI kann theoretisch jede strukturierte Aufgabe bewältigen, wenn sie nur genug Zeit in ihr Training investiert – egal ob sie Schach spielen soll oder Krebszellen erkennen. Alles nur eine Frage der Spezialisierung. Die Universal-KI, als die Watson gerne bezeichnet wird, gibt es noch lange nicht. So kann auch ein kleines Unternehmen wie ExB mit rund 50 Mitarbeitern eine KI entwickeln, die in ihrem Gebiet zum Sherlock Holmes wird – statt zum Watson.