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Eine Parabel über Geld, Wahnsinn – und Saft

Benedikt Plass-Fleßenkämper 05.09.2017 Lesezeit 3 Min

Die Menschen hassen es, Saft von Hand zu pressen. Sie hassen es, Safttüten von Hand zu öffnen. Sie hassen es, den letzten Spuckrest aus dem Tetrapack herauszuquetschen. Anders lässt sich kaum erklären, dass sich eine automatische Fertigtütensaftpresse ganze 18 Monate lang auf dem Markt hielt. Eine Presse, die ursprünglich 700 Dollar gekostet hat. Das zugehörige Startup ist jetzt pleite – und unser Autor hat eine (nicht ganz ernstgemeinte) Streitschrift für das Unternehmen verfasst.

Tief im Innern eines jeden Menschen sitzt dieser Wunsch nach dem Nutzlosen. Er veranlasst uns immer wieder, Dinge zu tun oder zu kaufen, die keinen Sinn ergeben. So werde ich nie verstehen, warum man mit dem Auto zum Fitnessstudio fährt, um sich erst dort auf ein Laufband zu stellen. Warum in aller Welt brauche ich eine spezielle Schere für Zitronenscheiben, oder einen Halter für Topfdeckel? Ich nenne das gerne den Tchibo-Fleck (Raten Sie, wo es den Topfdeckelhalter gerade zu kaufen gibt).

An diesen Tchibo-Fleck glaubten viele, als das US-Startup Juicero vor 18 Monaten seine außergewöhnliche Maschine vorstellte. Ich fand sie toll, und nicht nur ich: Das Unternehmen überzeugte namhafte Geldgeber wie Google und Campbell Soup. Sie ließen sich zu einer Fördersumme von insgesamt saftigen 120 Millionen Dollar hinreißen. Da musste Großes zu uns durchsuppen, mit Tchibo hat das nichts zu tun!

Investoren fragen ihre Unternehmer ja gerne nach dem Use-Case – nach diesem einen wichtigen Mehrwert, der ihr Produkt in einer übersättigten Gesellschaft rechtfertigt. Ich frage mich, wie die Juicero-Gründer an dieser Stelle wohl argumentiert haben. Vermutlich in etwa so: „Dumme Frage?! Hochwertige Safttüten, die ihr nicht selbst ausdrücken müsst?! Pfeif auf die Angel Investoren, wir wollen gleich das Venture Kapital, Baby! Ach ja, und pack noch 700 Dollar vom Endkunden obendrauf!“ Absurd, aber hey irgendwie auch toll (sage wieder nicht nur ich, sondern auch Medienberichte).

Aber der Markt ist hart, und Journalisten noch härter. In Tests und beim Kunden kam Juicero (aus mir unerfindlichen Gründen) nicht an. Vor ein paar Monaten kam deshalb die Preissenkung. Nur noch 399 Dollar, und damit plötzlich ein echtes Schnäppchen! Immerhin, so gab auch Juicero-CEO Jeff Dunn in einem Blog-Beitrag zu, sei der eigentliche Clou der Maschine nicht das Pressen des Saftes, sondern die Fernsteuerung und die automatisierte Bestellung der Saftpakete. Total das Internet-of-Things-Produkt aus der Industrie 4.0!

Die Juicero-Pakete enthalten durchschnittlich knapp 230 Gramm Saft.

Aber am 1. September 2017 dann der Schock – Juicero gab die Einstellung seiner Maschine bekannt. Und das, obwohl das Startup mehr als eine Millionen Saftpakete verkauft hat (deren Angaben, nicht unsere). Was ist passiert? Investigativ-Reporter sind passiert!

Bloomberg hatte herausgefunden, dass man die Saftpakete auch ganz leicht mit der Hand ausdrücken kann. Mehr noch: Die menschliche Hand ist zudem noch wesentlich schneller als das maschinelle Pendant, schreiben die Reporter. Das braucht nämlich ganze zwei Minuten zum Ausquetschen der Tüte. Dass fünf dieser Tüten im Wochenpaket bei Juicero noch zusätzlich 30 Euro kosteten, hat bestimmt keine Rolle gespielt.

Bis Ende des Jahres können Käufer ihren Juicero noch zurückgeben. Das hätte ich nicht angeboten. Immerhin, die Auslieferung der Saftpakete wurde bereits eingestellt. Wer noch Saftpakete hat, bleibt jetzt darauf sitzen. Ohne Juicero müsst ihr sie mit der Hand ausdrücken, ihr törichten, undankbaren Wimpel.