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Christopher Poole verlässt 4chan

Michael Förtsch 22.09.2015

Das „dunkle Herz des Internets” hat einen neuen Besitzer. Denn Christopher Poole hat nun tatsächlich das umstrittene wie legendäre Image-Board 4chan verkauft. Und zwar an Hiroyuki Nishimura.  

Es ist tatsächlich passiert. Vor acht Monaten hatte Christopher Poole, besser bekannt unter dem Namen moot, angekündigt, sich von 4chan zurückzuziehen. Schrittweise hat der 27jährige bereits über die vergangenen Monate hinweg die Kontrolle über das im Oktober 2003 gestartet Image-Board an drei anonyme Moderatoren übertragen.

Zwar hätte ihn sein einstiges High-School-Projekt berühmt gemacht aber auch mit Sorgen beladen, denn zeitweise hatte er tausende US-Dollar Schulden. Vor allem aber den stetig neuen Kontroversen um den Meme- und Skandal-Brutkasten, durch den abseits von Katzenbildern auch Fotos von nackten Promis und Kinderpornos laufen, wollte er sich nicht länger stellen. Nun hat Poole 4chan verkauft, wie er am Vorabend des 21. September öffentlich machte.

Hiroyuki ist der Urgroßvater all dessen.

Christopher Poole, Gründer von 4chan

„Ich bin glücklich, ankündigen zu können, dass Hiroyuki Nishimura, besser bekannt als der Gründer von 2channel, meinen Platz als Eigner von 4chan einnimmt”, hatte Poole auf der Nachrichtensektion des Forums verkündet. Der Name des Japaners dürfte im Westen nur wenigen geläufig sein. Doch war es einst Hiroyuki Nishimuras auf Anime und Mangas fixiertes Image-Board 2channel — im Japanischern ni channeru —, das Poole gleichsam mit der 2channel-Kopie Futaba Channel zu 4chan inspirierte.

Die bereits seit 1999 bestehende Seite gilt mit über zehn Millionen Besuchern täglich als Japans einflussreichste Online-Community und Nishimura als Pionier und prägende Figur der asiatischen Netzkultur. „Hiroyuki ist buchstäblich die einzige Person auf der Welt, die genauso viel, wenn nicht sogar noch mehr Erfahrung darin hat, eine große anonyme Gemeinde von Millionen von Menschen zu führen”, sagte Poole der New York Times. „Er ist der Urgroßvater all dessen.”

Zahlt eine Telefongesellschaft Geld, wenn jemand über ihre Leitungen Leute bedroht?

Hiroyuki Nishimuras, Besitzer von 4chan

Bereits 2011 sollen die beiden Netzikonen in engen Kontakt getreten und Freunde geworden sein. Ganz unumstritten ist der bekennende Badeschlappen-Liebhaber Hiroyuki Nishimuras jedoch nicht. Er gilt als fähiger Manager und Administrator aber ebenso als „Bad Boy des japanischen Internets”. So prahlte der 38jährige vor Jahren gerne damit, dass er zwar dutzende Freiwillige beschäftige, aber er der einzige sei, der mit 2channel Geld verdiene.

Zudem verweigerte er die Zahlung mehrer Strafen, die gegen ihn wegen 2channel verhängt worden waren. „Zahlt eine Telefongesellschaft Geld, wenn jemand über ihre Leitungen Leute betrügt oder bedroht?”, war seine Rechtfertigung. Aktuell arbeitet er als Chefredakteur der japanische Ausgabe des angesehenen Magazins Variety.

Entsprechend dem Ruf von Nishimura nahmen die 4chan-Nutzer die Ankündigung des Besitzerwechsels mehrheitlich gelassen und scheinen zuversichtlich, dass keine Restriktionen oder Einschränkungen der „besonderen Kultur” von 4chan zu befürchten sind. „Moot weiß schon, was er tut”, „Lieber einen halbseidenen Japaner als Führer als irgendeine schmierige Internetbude”, „Moot war eh kaum hier.” und „Na endlich! Mehr Manga-Titten!”, kommentierten einige 4chan-Nutzer. 

Nur wenige Stunden nach dem Chef-Wechsel machte eine Attacke mittels der Bilderseite Imgur den 4chan-Usern zu schaffen, die sie ungewollt statt einzelnen Bildern gleich hunderte laden ließ. Zwar scheint die Ankündigung von Pooles Abgang der Anlass für diesen Angriff gewesen zu sein, aber ein gezielter Racheakt war die Aktion offensichtlich nicht. 

Für welchen Betrag Poole seine Seite abgegeben hat, soll geheim bleiben. Auch, welche Pläne Nishimura-san für das „dunkle Herz des Internets” genau vorsieht, wird derzeit noch nicht preisgeben. „Ich bin stolz, den Platz von Mr. Poole als Besitzer von 4chan einzunehmen”, verkündete der Japaner nur kurz, der 2channel bereits 2009 verkauft hatte.

Er wolle 4chan wachsen lassen, weiter entwickeln und natürlich die Community unterstützen. Christopher Poole ist optimistisch, dass seine Gründung ohne ihn besser dran sei. „Mit den richtigen Ressourcen eröffnen sich viele Gelegenheiten, die ich nie erkundet habe”, hofft der Amerikaner

Was für den 4chan-Gründer nun ansteht, bleibt abzuwarten. Bereits zwei Mal ist er mit dem Start neuer Projekte, nämlich Canvas und DrawQuest, gescheitert. 

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