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So krempeln Sharing-Dienste die Stadt Helsinki um

Benedikt Plass-Fleßenkämper 27.06.2017 Lesezeit 4 Min

Autos stehen die meiste Zeit des Tages ungenutzt herum, verstopfen die Straßen und benötigen viele Parkplätze. Nicht in Helsinki. Wie Sonja Heikkilä mit „Mobility as a Service“ die Stadt umkrempelt, erklärt sie im Interview. Spoiler: Es geht viel um Kooperationen.

In Finnlands Hauptstadt Helsinki soll bis zum Jahr 2025 niemand mehr ein eigenes Auto brauchen – so die Vision von Sonja Heikkilä, die WIRED bereits vor einigen Monaten kurz vorgestellt hat. 2014 verfasste Heikkilä an der Aalto-Universität ihre Masterarbeit mit dem Titel Mobility as a Service – A Proposal for Action for the Public Administration, Case Helsinki, die von der Stadtverwaltung von Helsinki unterstützt wurde.
 
Mittlerweile arbeitet die 27-Jährige beim finnischen Finanzdienstleister OP, der auch im Bereich Mobilität sehr aktiv ist. Ein Produkt von OP: OP Kulku, ein Service für Elektroautos, bei dem Kunden E-Mobile von Tesla, Mercedes-Benz oder BMW mieten können – Wartung, Abschleppdienst, Vollkaskoversicherung und Komplettreinigung inklusive.

Stichwort BMW: Seit Ende Mai kooperiert OP mit DriveNow, dem Carsharing-Angebot von BMW und Sixt. Seit kurzem sind in Helsinki für Carsharing-Interessierte 150 neue BMW verfügbar, weitere Wagen sollen hinzukommen. Doch DriveNow ist nicht das einzige derartige Angebot in der finnischen Hauptstadt, auch CityCarClub, gonow!, EkoRent und Shareit Blox Car buhlen um die Gunst der Einwohner, die auf ein eigenes Auto verzichten können.

Warum zog es das deutsche Unternehmen trotzdem in den hohen Norden? „Helsinki ist eine sehr moderne Stadt mit einer hohen Affinität zum europäischen Lifestyle und mit einem großen Bedarf an individueller Mobilität“, erklärt Geschäftsführer Nico Gabriel diesen Schritt gegenüber WIRED. Wenn es nach Sonja Heikkilä geht, soll Helsinki sich zur automobilen Shareconomy wandeln. 

Sonja Heikkilä gehört zu den führenden Köpfen in Finnland, die „Mobility as a Service“ möglichst schnell voranbringen möchten

WIRED: Sie wollen Helsinki bis zum Jahr 2025 frei von privaten Autos machen. Warum?
Sonja Heikkilä: Die Idee hinter dem Konzept des Mobility as a Service ist, dass Menschen kein eigenes Auto besitzen müssen, um die Freiheit der Mobilität genießen zu können. MaaS soll die gleiche Mobilität ermöglichen, wie wenn man ein eigenes Fahrzeug besitzen würde, indem verschiedene Arten der Fortbewegung wie Bikesharing, Carsharing, öffentliche Verkehrsmittel oder Taxis miteinander verbunden werden.

WIRED: Was muss sich bei der Autonutzung verändern?
Heikkilä: Autos können „as a Service“ benutzt werden, nämlich als Taxis, Carsharing-Fahrzeuge, Pool-Fahrzeuge oder Mietfahrzeuge. So werden sie viel effizienter eingesetzt. Es ergibt sich die Möglichkeit, dass Autos nicht nur von einer Person oder einer Familie genutzt werden, sondern von mehreren Menschen. Es profitieren viele von einem Auto, ohne es besitzen zu müssen.

WIRED: Welche Vorteile bringen Autos „as a Service“ noch?
Heikkilä: Autos werden weniger als fünf Prozent ihrer Lebenszeit genutzt, es gibt also viele freie Kapazitäten. Wir finden heraus, wie man diese Kapazitäten nutzen kann. Am Ende haben wir weniger Fahrzeuge auf den Straßen und wir benötigen weniger Parkplätze. Und wenn die Autos mehr genutzt werden, können sie schneller durch neue, sicherere und umweltfreundlichere Modelle ausgetauscht werden.

WIRED: Sind die Einwohner von Helsinki bereit für diesen mobilen Umbruch?
Heikkilä: Die Menschen akzeptieren diese neue Form der Mobilität. Für die Bürger bedeutet MaaS, dass sie freier entscheiden können, wie sie sich fortbewegen möchten. Ein Beispiel: Letzten Sommer wurde von der Stadt Helsinki ein Bikesharing-Angebot gestartet. Seitdem ist Bikesharing total angesagt.

DriveNow von BMW ist nicht der einzige Carsharing-Anbieter in Helsinki, aber einer der größten

WIRED: Wie macht man Carsharing attraktiv?
Heikkilä: Das Wichtigste beim Carsharing ist die Verfügbarkeit: Die Nutzer müssen die Gewissheit haben, dass sie immer ein Auto haben können, wenn sie eines benötigen. Das Ziel ist es, dass ein Fahrzeug immer in Fußgehreichweite ist.

WIRED: In Helsinki gibt es bereits mehrere Carsharing-Anbieter. Warum kam kürzlich noch DriveNow dazu?
Heikkilä: Die Verfügbarkeit beim Carsharing muss ähnlich gut wie bei einem eigenen Auto sein – das wollen wir mit der Kooperation erreichen. DriveNow betreibt aktuell in Helsinki eine Flotte mit 150 Fahrzeugen, die einfach mit anderen Mobilitätskonzepten kombiniert werden können. Sie können beispielsweise mit dem Fahrrad zum Supermarkt fahren und dann mit vollen Taschen mit dem Carsharing-Auto wieder heim. Unterm Strich sorgen die verschiedenen Anbieter dafür, dass die Mobilitätsangebote als Gegenkonzept zum eigenen Auto verbessert werden.

Fahrrad, Bus, Carsharing? Apps wie „Tuup“ geben den Nutzern verschiedene Möglichkeiten, um von A nach B zu kommen

WIRED: Mit Apps wie Whim oder Tuup können Nutzer verschiedene Mobilitätsangebote wie Bikesharing und Carsharing miteinander verbinden. Sind hier schon alle Angebote perfekt verzahnt?
Heikkilä: Nein. Einige Carsharing-Anbieter sind schon in die Apps integriert, aber noch nicht alle.

WIRED: Die meisten angebotenen Carsharing-Fahrzeuge besitzen gewöhnliche Verbrennungsmotoren. Warum keine Elektroautos?
Heikkilä: Wir möchten in Zukunft mehr E-Autos anbieten. Dieses Vorhaben hängt noch vom Ladestationen-Ausbau in Helsinki ab.

WIRED: Wie sieht die weitere Zukunft der Mobilität aus? Wird es wirklich – wie prognostiziert – in wenigen Jahren Robotertaxis geben?
Heikkilä: Autonom agierende Taxis wird es auf jeden Fall geben. Wir haben ja in Finnland bereits autonom fahrende Busse. Ich denke, die Zukunft bringt eine nahtlose Mixtur aus verschiedenen Mobilitätskonzepten.