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„Jung heißt unerfahren“: Wie Venture-Kapitalgeber über Frauen sprechen

Juliane Görsch 18.05.2017

Wissenschaftler der Harvard Universität haben analysiert, wie Risikokapitalgeber über männliche und weibliche Unternehmer reden. Das Ergebnis: Vorherrschende Geschlechterklischees sind noch immer ein Grund, warum Frauen weniger Förderungen bekommen.

Sie ist „gutaussehend und geht leichtsinnig mit Geld um“, er ist ein „hochkompetenter Visionär mit Geld zum Investieren“. Aussagen, die klingen wie aus dem Baukasten für Geschlechterklischees sind in den Entscheidungsgremien von öffentlichen Venture-Kapitalgebern in Schweden an der Tagesordnung. Das haben Wissenschaftler der Harvard Universität herausgefunden, als sie über einen Zeitraum von zwei Jahren die Entscheidungsfindung bei der Vergabe von staatlichem Beteiligungskapital untersuchten.

Von 2009 bis 2010 haben Malin Malmström, Jeaneth Johansson und Joakim Wincent die Auswahlgespräche aufgezeichnet, die zur Vergabe von staatlichem Risikokapital an schwedische Unternehmerinnen und Unternehmer führten. In den 36 Stunden an Gesprächen und 210 transkribierten Seiten zeichnete sich dabei ein deutliches Ergebnis ab, wie die Autoren der Studie in ihrer Pressemitteilung schreiben: „Das ursprüngliche Ziel unserer Arbeit war es, den Prozess finanzieller Entscheidungen zu untersuchen [...] und nicht, einen Gender-Diskurs zu führen. Doch als wir unsere Daten ausgewertet haben, ist uns der Gender-Diskurs regelrecht ins Auge gesprungen, was uns dazu bewogen hat, die Daten genauer zu betrachten.“

Die Attribute, mit denen die fünf männlichen und zwei weiblichen Venture-Kapitalgeber die Bewerberinnen und Bewerber beschrieben, unterschieden sich radikal zwischen Männern und Frauen. Bis auf ein paar Ausnahmen wurden die Fähigkeiten, das Know-How und Kompetenz von Frauen unterschätzt und relativiert. Männer dagegen wurden überwiegend als visionär, kompetent und erfahren eingeschätzt.

„Viele der jungen Männer und Frauen wurden auch als solche bezeichnet. Aber während die Jugend bei Männern als erfolgsversprechend angesehen wurde, wurde sie Frauen als Unerfahrenheit ausgelegt,“ schreiben die Wissenschaftler. Gleichsam war die Begeisterungsfähigkeit bei Männern ein Zeichen ihrer Kompetenz, während Frauen als leichtsinnig dargestellt wurden.

Männern und Frauen wurden komplett unterschiedliche Eigenschaften zugesprochen

Was das für die Gleichberechtigung von Unternehmerinnen und Unternehmern und die Gesellschaft als Ganzes bedeutet, liegt für die Autoren der Studie auf der Hand: Klischeevorstellungen haben sich direkt darauf ausgewirkt, wer die Fördergelder bekommen hat und wer nicht. Die 26 Gründerinnen bekamen im Durchschnitt nur 25 Prozent der geforderten Summe, die 99 Männer dagegen 52 Prozent. Auch der Anteil der Frauen, deren Pitch komplett abgelehnt wurde, war größer als bei den Männern. Fast 53 Prozent der Frauen bekamen gar keine Finanzierung, bei den Männern lag der Anteil bei 38 Prozent.

Gerade staatliches Venture Kapital ist eine wichtige Säule in der Finanzierung von Startups und Innovationen. Von 2007 bis 2013 wurden in der EU etwa 3,6 Milliarden Euro an staatlichem Beteiligungskapital an kleine und mittlere Unternehmen vergeben.

Vorherrschende Geschlechterklischees, so die Wissenschaftler, seien einer der Gründe, warum Gelder immer noch vorrangig an Männer vergeben werden und sich Frauen von vorn herein weniger um Fördermittel bewerben. In Schweden sind zwar schon ein Drittel aller Unternehmer weiblich, trotzdem bekommen sie nur 13 bis 18 Prozent der Fördergelder.

In Deutschland lag der Frauenanteil bei Startup-Gründern 2016 bei lediglich 13,9 Prozent. Die Harvard-Wissenschaftler fordern daher, dass Entscheidungsträger darauf achten sollen, nicht in Geschlechterklischees zu denken. „Gender-Vorurteile bergen das Risiko, dass nicht in das Unternehmen mit dem größten Potenzial investiert wird. Und das ist nicht nur für Unternehmerinnen, sondern die gesamte Gesellschaft schädlich,“ heißt es im Fazit.

Die teilnehmenden Geldgeber in der Harvard-Studie reagierten auf das Ergebnis höchst unterschiedlich. Ein Teil fühlte sich schuldig, Vorurteile am Leben gehalten zu haben, andere stritten jegliche Verantwortung ab oder reagierten mit Ärger auf die Ergebnisse. Wieder andere äußerten aber auch ihre Erleichterung darüber, dass endlich über Gender-Stereotype transparent gesprochen wird.

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