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„Augmented Reality und autonome Roboter werden verschmelzen“

Dominik Schönleben 27.10.2016 Lesezeit 6 Min

Der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling gilt als einer der Begründer des Cyberpunk-Genres und als Prophet des technologischen Fortschritts. WIRED hat mit dem Futuristen über Augmented Reality gesprochen und ihn gefragt, ob er auch wie Elon Musk glaubt, dass wir nur in einer Simulation leben.

Während seiner Rede auf der Augmented-Reality-Konferenz AWE Europe 2016 in Berlin verkündet der Science-Fiction-Autor und Futurist Bruce Sterling, dass seine Arbeit beendet ist: „Wenn du in der Talsohle der Rezession angekommen bist, dann hat der Hype alles getan, was er tun kann. Dann braucht man keinen Science-Fiction mehr.“ Auch zur Zukunft der Augmented Reality (AR) gäbe es deshalb nichts mehr zu prophezeien. „Ich kann euch nicht vorhersagen, ihr seid schon hier“, sagt Sterling zu den anwesenden AR-Entwicklern und Startup-Gründern.

Trotz Spielen wie Pokémon Go ist der erste Hype um Augmented Reality längst vorbei – laut dem Gartner Hype Cycle erreichte die Technologie ihren Höhepunkt zwischen 2010 und 2011. Doch wie bei fast jeder Technologie beginnt der eigentliche Reifeprozess erst nach dieser Talfahrt und nach dem anfänglichen Hype. Genau an diesem Punkt steht AR jetzt.

Vor allem Risikokapitalgeber wüssten, sagt Sterling, dass man durch das richtige Investment jetzt das große Geld machen könne. Wenn man früh in das Facebook oder Google der Augmented-Reality investiere, ein Unternehmen, das später alle anderen hinter sich lässt und den Markt mit seinem Produkt dominiert.

Dieses Produkt wird keine Brille sein, glaubt Sterling. Denn die seien wie Handtücher: einfach da und notwendig, aber austauschbar. Nicht die Hardware-Bauer, sondern diejenigen, die menschliche Erlebnisse in AR übertragen, werden im Zentrum dieser zukünftigen Industrie stehen, erklärt Sterling den anwesenden AR-Startups und verkündet dann etwas, dass doch ein wenig wie eine Prophezeiung klingt: „Ihr könnt Facebook wie eine Dampfmaschine aussehen lassen.“


Bruce Sterling ist Futurist, Science-Fiction-Autor und gilt als einer der Begründer des Cyberpunk-Genres

Nach seiner Keynote spricht Bruce Sterling mit WIRED darüber, welche Rolle große Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon für die Zukunft der Augmented Reality spielen werden und warum die Technologie mehr ist als einfach nur ein Filter, der mit einer Brille über die Realität gelegt wird.

WIRED: Sie werden gern als Prophet der Augmented Reality bezeichnet. Gefällt ihnen dieser Titel noch immer?
Bruce Sterling: Ich habe mich daran gewöhnt. Viele Menschen nennen mich Futurist oder Wahrsager, natürlich hört sich das nach Blödsinn an – und das ist es auch. Niemand kann die Zukunft vorhersagen.

WIRED: Augmented Reality scheint zum Greifen nahe, brauchen wir überhaupt noch mehr Visionen von dieser Zukunft?
Sterling: Nein, genug ist genug. Ein Hype beinhaltet auch immer überzogene Erwartungen und das führt zu überzogener Enttäuschung. Wenn du eine Stimmungskrise hast – so wie jetzt – dann brauchst du jemanden, der eine positive Zukunft voraussagt. Ich bin Schriftsteller, darin bin ich gut. Ich bin Künstler und kein Wissenschaftler, ich erkenne die psychologischen Bedürfnisse der Menschen.

WIRED: Augmented Reality ist also gerade auf dem Weg nach unten?
Sterling: Absolut!

WIRED: Aber es geht irgendwann wieder nach oben?
Sterling: Natürlich. Der Hype ist nur für die normalen Menschen vorbei. Risikokapitalgeber werfen genau jetzt riesige Mengen Geld darauf. Sie wissen: Wenn man im Tal der Depression ist, dann kann man anfangen viel Geld zu verdienen. Man findet erst jetzt heraus, wofür diese Technologie überhaupt gut ist.

WIRED: Wofür den zum Beispiel?
Sterling: Ich denke, dass es mit Robotern zu tun haben wird. Es wird eine Überschneidung zwischen autonomen Robotern und visuellen Augmented-Reality-Systemen geben. Maschinen wie AlphaGo sind eigentlich visuelle Systeme, die Muster erkennt. AlphaGo spielte nicht deshalb so gut Go, weil es die Regeln kennt, sondern weil es die visuelle Position der Steine auf dem Brett wahrnimmt. Es ist ein neurales Netz, das auf der Suche den siegreichen Spielzügen alles filtert und siebt. Es ist nicht offensichtlich, dass in diesem Bereich Augmented Reality ins Spiel kommt, aber ich erwarte das.


WIRED: Augmented Reality gibt unserer Welt also nicht nur eine zweite Schicht, sondern es geht auch darum, dass wir bestimmte Dinge besser wahrnehmen?
Sterling: Bei Augmented Reality geht es nicht um Hardware, Software, Leistung oder ein bestimmtes Gerät, sondern um Erlebnisse und die menschliche Wahrnehmung. Experience-Design ist schwer zu verstehen, aber es wird der Schlüssel zum Erfolg von Augmented Reality sein. Ich benutze ungern den Begriff Disruptionspotenzial, aber das ist es, was AR kann, und was andere Computer-Technologien nicht können.

WIRED: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Augmented und Virtual Reality (VR)? Das eine ist real, das andere fake?
Sterling: Es gibt keinen technischen Unterschied. Es ist entweder eine komplette Augenbinde oder eine partielle Augenbinde. Die Unterschiede liegen vor allem in der Kultur, weil die VR-Leute selten mit den AR-Leuten sprechen. Sie grenzen sich gerne voneinander ab.

WIRED: Was bedeutet diese Technologie für den Alltag der Menschen?
Sterling: Augmented Reality wird sich zu etwas entwickeln, für das wir noch keine Worte haben. Wir werden nicht einfach die Realität virtualisieren, denn dadurch verändert sich die Realität. Wenn man in einer Augmented-Reality-Welt ist, will man die echte Welt nicht vergessen, sondern sie kontrollieren.

WIRED: Werden große Unternehmen wie Google und Facebook den Markt nicht einfach zwischen sich aufteilen?
Sterling: Das hängt davon ab, wie sie glauben, dass AR ihnen helfen kann. Die fünf großen Technologie-Unternehmen haben unterschiedliche Geschäftsmodelle: Bei Google geht es um Suche und Werbemöglichkeiten, bei Facebook um Marketing mithilfe von Überwachung, bei Microsoft um die Dominanz des eigenen Betriebssystems in Unternehmen, bei Apple um hochprofitable Highend-Gadgets und bei Amazon um Logistik. Wenn Amazon etwa AR benutzt, dann für Drohnen oder für Menschen, die sich um das Verladen der Pakete kümmern. Diese Unternehmen werden AR nutzen, um ihr eigenes Geschäftsmodell zu perfektionieren.

WIRED: Wird es trotzdem ein Tesla der AR geben, dass neu dazukommt und alle aufmischt?
Sterling: Ja, irgendwann werden auch Google, Facebook, Microsoft, Apple und Amazon ihre verdiente Strafe bekommen. Für Nokia endete alles ziemlich schnell, Samsung könnte unter dem Problem mit den Akkus kollabieren. Fünf große Unternehmen sind einfach zu viel. Auf lange Sicht werden sie scheitern und durch technologische Weiterentwicklungen obsolet werden. Sie können sich glücklich schätzen, wenn sie so lange durchhalten wie das Fernsehen.

WIRED: Was halten Sie von der Idee, die zum Beispiel Elon Musk geäußert hat, dass wir in einer Simulation leben?
Sterling: Das ist einfach Schwachsinn. Das ist Hippie-Blödsinn.

WIRED: Nicht einmal ein interessantes Gedankenspiel?
Sterling: Das entspricht ziemlich genau der Denkweise von Philipp K. Dick. Wenn du das glaubst, hast du einen Knall.

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