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Konzerne brauchen flache Hierarchien und neue Führungsstile

Nikolaus Röttger 26.05.2017

Man lebt nur einmal – diese Erkenntnis wirkt sich auch auf das Verhältnis von Unternehmen und ihren Mitarbeitern aus. Im Interview erklärt Personalberaterin Constanze Buchheim, warum ein neuer Führungsstil her muss und wie es gelingt, verantwortungsvoll mit der Lebenszeit von Kollegen umzugehen. Stichwort: „Vision und Werte“.

Dieses Interview erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im Juni 2017 und ist Teil des Zukunft-der-Arbeit-Specials in dieser Ausgabe. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

Constanze Buchheim ist mit ihrer Personalberatung i-potentials auf Mitarbeitergewinnung im digitalen Zeitalter spezialisiert. Sie fordert: Führungskräfte müssen aufhören, in erster Linie auf Prozesse zu achten, und ihren Mitarbeitern mehr vertrauen.

WIRED: Frau Buchheim, wie verändert die Digitalisierung die Anforderung an Chefinnen und Chefs?
Constanze Buchheim: Zwei Punkte sind wichtig. Erstens: Beschönigen funktioniert nicht, das Internet sorgt für Transparenz. Früher konnten Firmen mit Marketingbudgets Bewerber anziehen – sogar dann, wenn die Chefs katastrophal waren. Heute fliegt so etwas dank Plattformen wie Kununu, Glassdoor, LinkedIn oder Xing auf. Jeder Missstand kommt raus.

WIRED: Der zweite Punkt? 
Buchheim: Geschwindigkeit wird zum Faktor im Wettbewerb um die Besten. Ich rate Firmen: Benutzt keine komplizierten Bewerbungs-Tools, begeistert mit schnellen Reaktionen und Entscheidungen. Leider sind Konzerne zu langsam. Ich bin so desillusioniert, dass wir bei i-potentials wirklich überlegen, nur noch Wachstums- und Familienunternehmen zu betreuen. Die sind schneller und wissen, wer zu ihnen passt.

WIRED: Warum sind Konzerne zu langsam?
Buchheim: Seit Jahrzehnten wird auf Effizienz und Kostenoptimierung geachtet, darum ist alles in Konzernen auf Prozesse ausgerichtet. In der Digitalisierung zählt etwas anderes: Was ist das beste Ergebnis? Erst nachrangig wird überlegt, wie man dorthin kommt. So entstehen kreative Lösungen. Das erwarten Kunden und auch Mitarbeiter.

Man findet für ein einfaches Problem keine Lösung, weil niemand Verantwortung übernimmt

Constanze Buchheim

WIRED: Haben Sie ein Beispiel? 
Buchheim: Ein großes Unternehmen war auf der Suche, wir hatten einen Top-Kandidaten. Ich habe ihn zu den Gesprächen auf Vorstands­ebene begleitet. Die Firmenzentrale: ein glänzender Turm, alles strotzt vor Status und Geld. Wir fahren in die oberste Etage – und als Ers­tes wurde gesagt: „Wir können Ihnen kein Wasser anbieten, wir haben vergessen, eine Kostenstelle einzurichten.“ Das ist Prozessorientierung. Man findet für ein einfaches Problem keine Lösung, weil niemand Verantwortung übernimmt.

WIRED: Ich vermute, der Kandidat hatte keine Lust mehr?  
Buchheim: Man bekommt sofort starke Zweifel! Warum wurde nicht Wasser gekauft oder Leitungswasser besorgt? Jede Lösung wäre besser gewesen, als den Status quo zu akzeptieren. Wir hätten das Gespräch an der Stelle abbrechen können. Die Rolle, um die es ging, erforderte genau ein anderes Denken. Es geht ja nicht mehr darum, ob Firmen einen Bewerber wollen, sondern ob dieser das Unternehmen will. 

WIRED: Ihr Tipp für gute Führung?  
Buchheim: Wir brauchen einen Führungsstil, den ich Companionship nenne. Ein System der limitierten Freiheit. Das alte Chefdenken war ja immer: Der Manager hat das Wissen und gibt den perfekten Prozess von A nach B vor. Das funktioniert nicht mehr. Es verändert sich alles im Drei-Monats-Takt. Niemand weiß mehr alles. Darum: Chefs sollten in einem Erwartungsgespräch den Rahmen setzen sowie Vision und Werte vermitteln. Dann haben die Mitarbeiter die Freiheit, den besten Weg zum Ziel zu finden. Wobei sie natürlich nicht allein gelassen, sondern begleitet werden. 

WIRED: Führungskräfte sollen loslassen?  
Buchheim: Nur so schaffen sie es, die Mitarbeiter heute zu motivieren. Sie wollen Freiraum. Sie wollen sinnstiftend arbeiten, sich einbringen. Zudem bleiben Unternehmen nur so agil genug, um auf Veränderungen schnell zu reagieren. Denn am Ende führen, um ein abgedroschenes Bild zu benutzen, viele Wege nach Rom. Nur wer selbst losläuft, findet vielleicht eine Abkürzung. 

WIRED: Das setzt viel Vertrauen voraus.  
Buchheim: Richtig. Und vertrauen kann man nur, wenn man mit Menschen arbeitet, die Entscheidungen auf ähnlichen Prinzipien treffen. Wir brauchen daher echte Werte, die das ermöglichen, keinen Marketing-Bullshit. Führung entscheidet sich noch stärker im Recruiting. Wir müssen auf Überzeugungen und Arbeitsweisen der Kandidaten achten statt auf Fachwissen, dessen Halbwertszeit ohnehin begrenzt ist. Das Verrückte ist: Beim Einstellen konzentrieren wir uns auf Fachwissen; wir entlassen aber wegen der vermeintlich soften Faktoren. „Weil es irgendwie nicht passt.“ Verrückt! Chefs müssen zu Beginn fragen: Wie muss jemand sein, damit ich ihm blind vertraue? 

WIRED: Was heißt das für die Mitarbeiter?  
Buchheim: Sie müssen mehr Verantwortung übernehmen, sich fokussieren und ihre Zeit managen. Das wollen die meisten auch. Das bedeutet nicht, dass Führung obsolet wird. Nur: Das Prinzip Yolo – You only live once – wird zwar oft einer jungen Generation nachgesagt. Es ist aber längst Motiv von allen. In der Wohlstandsgesellschaft ist die knappste Ressource die Lebenszeit. Mitarbeiter achten genau darauf, welchem Chef und Unternehmen sie diese schenken. 

WIRED: Sie sehen Digitalisierung also vor allem als ein Kulturthema? 
Buchheim: Ja, Digitalisierung erfordert vor allem eine Veränderung im Mindset. Klar, Geschäftsmodelle und Technologien müssen angepasst werden, das ist Voraussetzung für einen nachhaltigen Wandel. Aber die Kultur ist der wichtigste Hebel für die Attraktivität eines Unternehmens. Wie ich sagte: Digitalisierung macht alles transparent, bis zu dem Punkt, wie jeder Manager führt. Die Fragen für Bewerber lauten darum immer: Wird diese Firma verantwortungsvoll mit meiner Lebenszeit umgehen? Und begegnen mir die Verantwortlichen auf Augenhöhe? 

Hinweis in eigener Sache: WIRED unterstützt mit dem WIRED Campus Firmen und Einzelpersonen dabei, die digitale Transformation zu gestalten. Hier erfahrt ihr mehr zu unserem Programm. 

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