/Business

Wie schlimm steht es um SoundCloud?

Karsten Lemm 13.03.2017

Der Berliner Musikdienst SoundCloud braucht frisches Geld – oder einen Käufer. Doch laut einem Medienbericht kann das Startup sich im Falle eines Verkaufs auf deutlich weniger Millionen einstellen als erhofft. Neben zweifelnden Investoren und dem Abgang von Topmanagern ist es die nächste Hiobsbotschaft innerhalb kurzer Zeit.

Unter den Startups der Berliner Tech-Szene gehört SoundCloud zu den unbestrittenen Stars: 2007 von den Schweden Alexander Ljung und Eric Wahlforss gegründet, zählt der Musikdienst heute nach eigenen Angaben mehr als 175 Millionen regelmäßige Nutzer und besitzt eine Bibliothek von gut 130 Millionen Songs – mehr als Spotify, Apple oder Amazon. Beeindruckende Zahlen, doch bei aller Popularität hat SoundCloud noch keinen Cent Gewinn gemacht – und könnte auch im Falle eines Verkaufs deutlich weniger Geld einbringen als erhofft.

Wie Recode unter Berufung auf anonyme Quellen berichtet, würde SoundCloud bei einem Exit keinesfalls die 700 Millionen Dollar erzielen, mit denen Investoren es noch vor wenigen Jahren bewertet haben. Stattdessen könnte das Unternehmen sogar bereit sein, jedes Angebot anzunehmen, das über seinem aktuellen Gesamtinvestment von 250 Millionen Dollar liegt, mutmaßt eine der Quellen. 

Nicht die erste Hiobsbotschaft für SoundCloud der vergangenen Monate: Obwohl die Firma erst im Juni 100 Millionen Dollar eingesammelt hat (darunter 70 Millionen von Twitter), suchen die Gründer schon wieder frisches Kapital. Andernfalls, so hieß es vor kurzem in der Financial Times, könnte SoundCloud noch in diesem Jahr das Geld ausgehen.

Zu den Finanzproblemen kommen personelle Sorgen in der Chefetage: Gleich zwei Topmanager haben das Startup kürzlich verlassen – der operative Chef (COO) Marc Strigel und Finanzdirektor Markus Hader. Beide hätten sich dazu entschieden, „nach fünf Jahren neue Herausforderungen zu suchen“, erklärte SoundCloud in einer Stellungnahme gegenüber WIRED. Der Schritt der beiden Manager stehe jedoch nicht im Zusammenhang mit der Suche nach Geld, so die Firma. Man spreche im Gegenteil nun wieder mit Investoren über eine Kapitalspritze.

Noch immer ein Wachstumsmarkt: Musik-Subscriptions bei Streaming-Anbietern. Doch welcher Anbieter profitiert am Ende am meisten?

Das sei aber „typisch für die meisten Startups von unserer Größe und in unserer Phase des Wachstums“. Von Verzweiflung könne keine Rede sein – auch wenn die Financial Times einen Investor anonym mit der Aussage zitiert: „SoundCloud bettelt um Geld, aber ich werde ihnen jetzt keins geben.“ Mit 700 Millionen Dollar sei die verlangte Bewertung deutlich zu hoch. Das Zitat ließ wiederum SoundCloud schäumen, es sei „überraschend und enttäuschend für eine Zeitung mit gutem Ruf“, dass sie sich auf eine einzige anonyme Quelle verlasse, „um eine unkorrekte Geschichte über SoundCloud zu erzählen“.

Unbestritten ist, dass SoundCloud mit der gleichen Herausforderung kämpft wie andere Streaming-Dienste auch: Einerseits müssen die Anbieter für jeden Song, der abgerufen wird, Musiker und weitere Rechte-Inhaber bezahlen. Auch wenn es dabei nur um Bruchteile von Cents geht, wird das bei Milliarden von Klicks sehr schnell sehr teuer.

Das sind die User von SoundCloud.

Andererseits sind die meisten Musikfans weiterhin nicht bereit, ein Abo abzuschließen. Allein mit Werbe-Einnahmen aber „können die Streaming-Dienste keine Gewinne erwirtschaften“, erklärt Karol Severin, Analyst beim Medien-Marktforscher Midia Research – dafür seien die Lizenzzahlungen zu hoch. Also bemühen sich die Anbieter, Gratis-Nutzer in zahlende Kunden zu verwandeln, oft mit Hilfe von Rabatten, die den Preis deutlich unter die üblichen zehn Euro im Monat drücken.

Die Strategie könnte Erfolg haben und in diesem Jahr weltweit fast 45 Millionen neue Abonnenten locken, schätzt Midia in einer aktuellen Studie. Das würde einen dramatischen Anstieg auf insgesamt fast 147 Millionen Streaming-Abonnenten bedeuten.

Für SoundCloud wird die entscheidende Frage dabei sein, wie viele Musikfans die Berliner für ihr Bezahlangebot SoundCloud Go gewinnen können. Severin ist skeptisch: SoundCloud sei vor allem deshalb so populär geworden, weil der Dienst sich von Anfang an als Gratisplattform für experimentierfreudige Musikliebhaber präsentiert habe, erklärt der Analyst.

Jahrelang durften Amateur-DJs ihre Remixe hochladen, ohne dass SoundCloud als erstes nach den Rechten fragte. Die Gründer selbst sahen ihren Dienst in den Anfangsjahren vor allem als Community-Plattform: Sie wollten um Musik herum eine ähnliche digitale Gemeinde aufbauen, wie es YouTube für Videos und Instagram für Fotos gelungen war, berichteten Ljung und Wahlforss im Dezember bei einem Auftritt in der Berliner Factory.

Erst als die wachsende Popularität die Aufmerksamkeit der Musikstudios erregte, fing die Firma an, Lizenzen auszuhandeln. Die Mischung aus offiziellen Titeln, Remixen, Podcasts und anderen Tonaufnahmen beschert SoundCloud eine beispiellose Fülle an Inhalten. „SoundCloud hat mit seinem Gratisdienst ein einzigartiges Musikangebot geschaffen“, lobt Severin. Zugleich aber passe ein traditioneller Streaming-Dienst wie SoundCloud Go nicht zu den Erwartungen der Fangemeinde, argumentiert der Midia-Analyst.

Daten des Marktforschers zeigten, dass viele Nutzer bereits für rivalisierende Dienste wie Spotify und Deezer zahlen und vorwiegend zu SoundCloud kommen, wenn sie anderswo nicht finden, was sie suchen. Lediglich die Kataloge der großen Musikfirmen in SoundCloud einzubinden und plötzlich Geld zu verlangen gehe deshalb an den Bedürfnissen der Fangemeinde vorbei, argumentiert Severin: „User sind auf der Suche nach einem Extranutzen, zusätzlich zu den Diensten, für die sie bereits zahlen.“

Das Publikum, das SoundCloud anspreche, sei ungewöhnlich musikbegeistert, aber auch vorwiegend in Nischen zu Hause. Nicht die beste Voraussetzung, zahlende Kunden für einen Mainstream-Service zu finden. Um das Problem zu lösen, müssten die Gründer viel „Bereitschaft zum Experimentieren“ zeigen, glaubt Severin. „Keine leichte Entscheidung angesichts finanzieller Engpässe – aber wenn sich nichts ändert, dürften die Herausforderungen nur noch größer werden.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 13.02.2017 und wurde um zusätzliche Informationen erweitert.

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden