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Essen auf Rädern direkt aus dem Internet

Karsten Lemm 10.01.2018 Lesezeit 4 Min

Obst, Kaffee und Milch kaufen wir meist noch im Supermarkt. Neue Konzepte wie das vom Startup MyEnso, sich Lebensmittel zeitnah liefern zu lassen, sollen uns das Tütenschleppen abgewöhnen.

Irgendwo zwischen Äpfeln, Blumenkohl und Nutella, zwischen Würstchen, Haferbrei und Kartoffelchips muss ein Vermögen liegen. Ein Geschäft, das noch niemand richtig in die Digitalwelt übertragen hat.

Denn für Nahrungsmittel geben Deutsche 195 Milliarden Euro im Jahr aus – mehr als für jede andere Produktkategorie. Im E-Commerce dagegen spielen Ess­waren eine so geringe Rolle, dass sie statistisch zusammen mit Seife und Hundefutter erfasst werden. Solche Artikel für den täglichen Bedarf kamen 2016 auf einen Online-Umsatz von 3,4 Milliarden Euro. Schaut man ausschließlich auf Lebensmittel und Feinkost, wird gerade mal ein Prozent der Einnahmen übers Internet verdient.

Zusammen mit Drogerieartikeln fallen Lebensmittel in die Kategorie „Fast-moving consumer goods“ (FMCG) – die im E-Commerce schneller wächst als alles andere.

Was läuft da schief? „Der Online-­Supermarkt funktioniert bisher nicht, weil er das schlechtere Einkaufserlebnis bietet“, sagt Thorsten Bausch, Mitgründer des Bremer Startups MyEnso. Liegt im Geschäft die Gurke neben der Tomate, wird sie im Internet womöglich zwischen Proteinshakes und Schokokeksen präsentiert. Fällt es im Supermarkt leicht, den Einkaufskorb zu füllen, verlangt online jedes Produkt neue Klicks und Such-Eingaben.

Tante Emma schlägt zurück!

Thorsten Bausch

„Sie kriegen keine Inspiration, Sie werden nicht geführt!“, schimpft Bausch, ein 55-jähriger Marketing-­Veteran, der gern in Ausrufezeichen spricht. Der Gegenentwurf zum gängigen Modell, den Bausch und sein Partner Norbert Hegmann, 44, sich ausgedacht haben, setzt da an, wo Rewe Online und Amazon Fresh noch schwächeln: MyEnso-Nutzer sollen auch digi­tal durch Produktwelten laufen können wie gewohnt und mehr Auswahl haben als bei einem typischen Supermarkt um die Ecke, der sich auf etwa 10.000 Artikel beschränken muss. Dagegen planen die Bremer, etwa 130.000 Produkte anzubieten – einen Großteil davon in Kooperation mit Spezialversendern, die jetzt schon erfolgreich Reis, Babybrei oder Wein über ihre eigenen Webseiten verkaufen.

Zwei gegen Amazon und Rewe: die MyEnso-Gründer Norbert Hegmann (l.) und Thorsten Bausch vor ihrer Pinnwand mit Konzepten.

Vor allem aber will MyEnso Shoppern die Möglichkeit geben, über einen „Wünsch dir was“-Button zu sagen, was ihnen noch fehlt – und damit Herstellern zeigen, wo Chancen für neue Produkte liegen. „Unser Ziel ist: Einkaufen wie bisher, nur viel besser“, sagt Bausch. „Dadurch, dass wir Kunden und Hersteller im Dialog zusammenbringen. Im Grunde sind wir eine Bedürfnis­management-­­Plattform.“

Fürs Erste testet MyEnso sein Konzept mit dem Beliefern von Seniorenheimen in Norddeutschland. „Der Bedarf ist riesig“, sagt Hegmann, „das gibt uns ein solides Fundament zum Wachsen.“ Schritt für Schritt will die Firma ihr Konzept verfeinern, um Ende 2018 bundesweit startklar zu sein. Diese Annäherung ans Ideal steckt schon im Firmennamen: Das Wort Ensō beschreibt im Zen-Buddhismus einen handgemalten Kreis, der das Streben nach Erleuchtung symbolisiert.

Herausforderungen gibt es reichlich – allen voran die Tatsache, dass Deutschland mit 12.000 Supermärkten bereits hervorragend versorgt ist. „Noch einen Supermarkt braucht wahrscheinlich niemand“, gibt Amazon-Deutschlandchef Ralf Kleber zu. Dass sein Unternehmen es mit Amazon Fresh dennoch versucht, liegt an einer Dynamik, die sich international schon abzeichnet: Kaum eine Kategorie im E-Commerce wächst so schnell wie Lebensmittel – auch in Deutschland. Nur bisher auf niedrigem Niveau.

Online spielen Lebensmittel bisher kaum eine Rolle – theoretisch also viel Raum zum Wachsen.

Die besten Chancen, Gewohnheiten zu ändern, sehen Beobachter bei Produkten, die regelmäßig gekauft werden, immer wieder gleich. „Abos für die Basics“, sagt PwC-Analyst Benedikt Schmaus, „das ist für Kunden praktisch und macht auch ökonomisch Sinn.“ Denn zu den größten Schwierigkeiten beim Lebensmittelversand gehören hohe Lieferkosten bei winzigen Gewinnspannen. „Ich bezweifle, dass im Food-Bereich schon jemand Geld verdient“, sagt Stephan Tromp vom Branchenverband HDE. „Online ist eine Wette auf die Zukunft.“

Mit dem MyEnso-Mobil beliefert das Startup jetzt schon Seniorenzentren – ein Testlauf für den bundesweit geplanten Start 2018.

Zumindest für den Versand von Tiefkühlkost – ein besonders kniffliges Problem – haben die MyEnso-Gründer bereits eine Lösung gefunden: einen Aufkleber, dessen Farbe sich ändert, falls Produkte auf dem Weg zum Kunden zu warm werden. Logistik-Kosten wollen sie durch Roboter in der Lagerhaltung drücken, Pakete mit dem Tchibo-­Partner BLG Logistics günstig ins ganze Land verschicken. Schon überlegen die Online-Kaufleute, sich kleine Märkte auf dem Land als Verbündete zu suchen. „Die Geschäfte werden von uns zu Vollsortimentern gemacht“, sagt Bausch. „Tante Emma schlägt zurück!“