Mr. Google im Interview: Eric Schmidt über deutsche Startups, Innovationen und die Macht des Neuen

Joachim Hentschel 21.10.2014 Lesezeit 11 Min

Jetzt auch noch Flughäfen! Nach selbstfahrenden Autos, Drohnen, Robotern und dem Kampf gegen das Altern will Google-Erfinder Larry Page nun den perfekten Flughafen entwerfen, hieß es vor wenigen Wochen. Er und Mitgründer Sergey Brin fluten die Welt mit ihren Ideen, nicht alle werden begeistert aufgenommen. Seit 2001ist Eric Schmidt dabei, erst als Chef des Konzerns, heute als Chairman. Im Sommer war er in Berlin, unter anderem, um die Startup-Factory einzuweihen, einen Gründer-Campus in Mitte. Die Gelegenheit, um mit Schmidt über Innovationen und das Potenzial der deutschen Start-up-Szene zu reden.

WIRED: Herr Schmidt, wir wollen über Innovationen sprechen. Sie
sind seit rund 30 Jahren im IT-Business, seit weit mehr als zehn Jahren bei Google. Kann man über einen so langen Zeitraum innovativ bleiben?
Eric Schmidt: Aging is a bitch. Altwerden ist eine Plage. Es macht einem erst bewusst, wie viel härter es mit den Jahren wird, auf der Höhe der Zeit zu sein. Man erkennt, dass das, was man zwischen 25 und 35 Jahren gelernt hat, keine ewigen Wahrheiten waren. Mein wichtigster Rat ist deshalb: Umgebt euch mit jungen Leuten. Hört ihnen zu. Lernt von ihnen. Für mich ist das auch persönlich wichtig: Ich bin überzeugt, dass Jugendarbeitsosigkeit das weltweit größte Problem ist. Deshalb brauchen wir Innovationen.

WIRED: Inwiefern?
Schmidt: Die einzige Lösung sind die Start-ups. Ich sehe derzeit keine großen Unternehmen, die in Zukunft noch viele Leute einstellen werden.

WIRED: Start-ups sollen das Problem der Jugendarbeitslosigkeit
lösen?
Schmidt: Es gibt zumindest ein ganzes Universum an Firmen, die vom
Silicon Valley inspiriert sind. Sie ziehen innovative, kreative junge Leute an. Und einige dieser Firmen werden sehr erfolgreich sein. Irgendwann sind sie das nächste Mercedes-Benz. Es kann nur ganz schön lange dauern, Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte.

Wenn man den Gründern in Berlin zuhört, merkt man: Sie glauben wirklich, dass sie die Welt ändern können.

Eric Schmidt

WIRED: Google brauchte wenige Jahre.
Schmidt: Ja. Was ich damit sagen will: Wenn man bereit ist, Geduld zu haben und hart zu arbeiten, dann kann es funktionieren.

WIRED: Auch wenn Sie mit dem Älterwerden so hadern: Hat Erfahrung überhaupt keine Vorteile?
Schmidt: Es ist immer besser, jünger zu sein. Aber ich habe das Glück, dass ich drei, vier Zyklen in unserer Branche erlebt habe. Da entwickelt man ein Gefühl dafür, was als Nächstes passiert. Und mein Gefühl sagt mir: Was auch geschieht, es wird in Berlin passieren. Das Problem ist allerdings, dass es in der Stadt nicht genug Geld für Start-ups gibt.

1997: Nach 14 Jahren bei Sun Microsystems, wo er es bis zum CTO brachte, wechselt Schmidt als Chef zum Netzwerk­spezialisten Novell.

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WIRED: Warum Berlin?
Schmidt: Wenn man den Gründern in dieser Stadt zuhört, merkt man: Sie glauben wirklich, dass sie die Welt ändern können. Mit einem neuen Produkt, einer neuen Vision. Sie haben dieses „Ich werde alles tun, was dafür nötig ist, und 24 Stunden pro Tag dafür arbeiten“. Sie haben das, was Unternehmer ausmacht.

WIRED: Und woher soll das Geld für diese Unternehmen kommen?
Schmidt: In Kalifornien lief es so: Anfangs gab es auch eher wenig Geld, aber die Leute begannen, mehr daraus zu machen, immer mehr. Heute sind die Börsengänge hundertmal größer als vor zwanzig Jahren. Man kann also zu großen Summen kommen. Deshalb Geduld: Berlin hat ja gerade erst angefangen.

WIRED: Geduld allein wird jedoch nicht reichen.
Schmidt: In Deutschland ist man sehr viel sorgsamer und sensibler, was Geld anbelangt. Darum braucht die Szene internationale Investoren. Aber auch Unterstützung aus der Politik und ein paar deutsche Geschäftsleute, die bereit sind, Risikokapital zu investieren.

Die deutschen Politiker haben das Potenzial für eine großartige Erfolgsgeschichte vor sich, vorausgesetzt, sie vermasseln es nicht.

Eric Schmidt

WIRED: Sie hatten jetzt bei Ihrem Besuch auch Termine mit deutschen Politikern.
Schmidt: Ich habe ihnen zu erklären versucht, dass sie das Potenzial
für eine großartige Erfolgsgeschichte vor sich haben, vorausgesetzt, sie vermasseln es nicht. Oft sehen Politiker die Zukunft nicht, die da vor ihnen liegt. Sie müssen die jungen Gründer in Berlin jetzt fördern und alles daran setzen, dass die Szene explodiert und nicht implodiert.

WIRED: Google unterstützt in Berlin die Startup-Factory, einen Campus für Gründer, mit einer Million Euro. Inwiefern profitieren Sie von einer solchen Investition?
Schmidt: Wir schaffen neue Plattformen, und wir brauchen Kunden, die damit arbeiten. Dafür brauchen wir Start-ups. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben Google Glass entwickelt. Nun gibt es Start-ups, die das Risiko auf sich nehmen, Software für unsere Brille zu entwickeln. Natürlich könnte man jetzt fragen, warum wir das nicht selbst tun. Unsere Philosophie aber ist: Wir bieten die Plattform und teilen sie mit allen, auch unseren Mitbewerbern. Und wir setzen darauf, dass das Business sich diese Plattformen dann zunutze macht. Wir profitieren von dem Ökosystem, das daraus entsteht, und den großen Nutzerzahlen.

2001: Die beiden Google-Gründer Sergey Brin (l.) und Larry Page (r.) machen Eric Schmidt zum CEO ihres Unternehmens.

WIRED: Man braucht viel Geld, um in Ihrem Sinne innovativ zu sein. Google kann die Plattform nur kostenlos zur Verfügung stellen, weil Sie viel Geld mit Anzeigen verdienen.
Schmidt: Wir haben Glück, dass das Werbegeschäft genug Geld einbringt, um damit Produkte wie den Chrome-Browser, Gmail und Android weiterzuentwickeln. Wann haben Sie das letzte Mal für Google-Produkte bezahlt? Dabei kosten Entwicklung, die Programmierer und die Server viel Geld.

WIRED: Wie verrückt muss man sein, um wie im Fall von Google Glass als Start-up auf eine Plattform zu setzen, die erst entsteht?
Schmidt: Tech-Leute sind in der Regel ziemlich smart. Sie haben ein gutes Gespür für die Zukunft. Das gilt nicht nur für Google, sondern auch für Microsoft, Facebook, Apple oder Amazon. Die Zeitspanne, die ich beim Denken ansetze, sind fünf Jahre. Ich frage mich: Wie wird die Welt in fünf Jahren aussehen? Wird die meiste Software in der Cloud liegen? Wird Big Data eine entscheidende Rolle spielen? Aus den Antworten ergibt sich sehr gut, woran man jetzt arbeiten sollte. Hier liegt auch für deutsche Unternehmen ein riesiges Potenzial.

Wir haben den Luxus, über soviel Geld zu verfügen, dass wir auf heute nochvöllig unbekannte Dinge setzen können.

Eric Schmidt

WIRED: Plant Google in Fünf-Jahres-Spannen?
Schmidt: Wir haben den Luxus, über so viel Geld zu verfügen, dass
wir auf heute noch völlig unbekannte Dinge setzen können. Wie etwa unser Project Loon: Wir testen Heißluftballons, die das Internet auch in entlegene Ecken der Welt bringen sollen. Die meisten Firmen aber haben einen Horizont, der nicht über ein, zwei Jahre hinausweist. Deshalb mein Rat: Macht einen Fünf-Jahres-Plan.

WIRED: Wie stellen Sie sicher, dass sich Ihre Leute nicht zurücklehnen und sagen: „Wir waren doch jetzt wirklich lang genug innovativ“?
Schmidt: Ich glaube, es hilft, wenn die Gründer möglichst lang an
Bord sind. Bei Apple, Microsoft, Google ist das so gewesen. Solche Firmen leisten sich langfristiges Denken und pushen damit alle, die mit ihnen zusammenarbeiten. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin machen das die ganze Zeit. Irgendjemand hält eine nette Präsentation. Dann sage ich: „Ganz gut!“ Die beiden sagen dann: „Das ist nicht neu. Erzähl mir was Neues. Etwas wirklich, wirklich Neues.“ Innovation fängt oben an.

WIRED: Haben Sie ein konkretes Beispiel?
Schmidt: Unser Forschungslabor Google X ist entstanden, weil wir von
der Arbeit der meisten vergleichbaren Einrichtungen frustriert waren. Vor allem Larry wollte Produkte, die für einen großen Markt funktionieren, und genau so arbeiten wir bei Google X. Man kann es natürlich nicht bis ins Kleinste vorausplanen, aber es ist möglich. Diese Art des Denkens entscheidet.

2006: Mit Steve Jobs (l.) präsentiert Schmidt Google-Apps für das iPhone. Von 2006 bis 2009 sitzt er im Apple-Verwaltungsrat.

WIRED: Gibt es bei Innovationen eine Grenze, wo Sie sagen: „Bis hierher und nicht weiter“?
Schmidt: Warum sollten wir das tun?

WIRED: Es gibt kein Limit?
Schmidt: Natürlich gibt es moralische und ethische Grenzen. Es gibt Dinge, die man tun kann, aber nicht tun sollte. Gesichtserkennung zum Beispiel. Die funktioniert ehrlich gesagt schon sehr gut. Aber vermutlich sollte man sie nicht zu weit entwickeln. Zu gefährlich.

WIRED: Sind an einem solchen Punkt die Unternehmen selbst oder der Staat gefordert?
Schmidt: In einem gut geführten Unternehmen gibt es bei jeder Erfindung eine Debatte. Wenn ein Programmierer sagt: „Wir haben die großartige Möglichkeit, Leute zu tracken“, sagt der Chef hoffentlich: „Stopp!“ Ein Unternehmen braucht klare Linien und Entscheidungen. Wir diskutieren bei uns jede Entscheidung. Und natürlich haben wir Anwälte, die die Gesetze prüfen. Auch wir müssen uns an geltendes Recht halten.

WIRED: Können Sie verstehen, dass viele Leute die Innovationsmacht von Google fürchten?
Schmidt: Natürlich, weil wir die Welt umwälzen. Vielleicht kann man das besser an einem Beispiel illustrieren, das nicht von Google kommt. Haben Sie Angst vor Uber?

Wir werden nur deshalb Gegenstand von Debatten, weil wir gerade einen Lauf haben.

Eric Schmidt

WIRED: Die Taxifahrer haben jedenfalls Angst davor.
Schmidt: Aber die Bürger in Deutschland müssen Uber nicht fürchten.
Uber pflügt als Innovator eine traditionelle Branche um, indem es den Kunden die Möglichkeit gibt zu wählen, welche Beförderung sie zu welchem Preis bevorzugen. Genau darum geht es: Man muss sich entscheiden, ob man den Leuten eine Wahl geben möchte.

WIRED: Uber ist nicht Google, aber Google hat in Uber investiert.
Schmidt: Ich habe Uber als Beispiel gewählt, weil es am leichtesten zu verstehen ist: Innovation trifft eine Branche – und Kunden bekommen die Chance zu wählen. In den USA ist der Service sehr erfolgreich. Wir werden sehen, wie es in Europa weitergeht.

WIRED: Frustrieren Sie die Debatten in Europa?
Schmidt: Wir werden nur deshalb Gegenstand solcher Debatten, weil wir gerade einen so guten Lauf haben. Wer verliert, hat andere Probleme. Wenn wir das Gefühl haben, etwas zu haben, was auch gut für die Menschen in Europa ist, dann sind wir bereit, dafür zu kämpfen. Lassen Sie uns noch mal Uber als Beispiel nehmen. Was passiert, wenn die Menschen hier sagen: „Wir lieben Uber“, und die Regierungen antworten: „Wir lieben die Taxi-Gewerkschaften aber mehr“? Dann kann man nichts tun, dann ist es Gesetz. Aber immerhin sind alle dazu gezwungen worden, eine Entscheidung zu treffen.

WIRED: Das war das Beispiel Uber. Was glaubt Google?
Schmidt: Wir glauben, wenn man auf der Seite der Kunden steht, wird man am Ende gewinnen. Das, was wir machen, ist nützlich, wir helfen Leuten. Darum machen wir Google schlauer und schneller. So lange, bis wir glauben, es ist gut.

2009: Eric Schmidt wird Mitglied im President's Council of Advisors on Science and Technology, der Barack Obama in Technologiefragen berät.

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WIRED: Haben Sie bei Google Probleme mit dem Gesetz? Von Larry Page stammt der Satz, er würde gerne Dinge ausprobieren, aber könne das nicht aufgrund von Gesetzen.
Schmidt: Ich kenne das Zitat. Gegenfrage: Gibt es eine Gegend in Deutschland, die nicht besonders dicht besiedelt ist?

WIRED: Vielleicht die Lüneburger Heide.
Schmidt: Wo würden Sie zum Beispiel selbstfahrende Autos testen? Sicher nicht auf der Autobahn, sondern in einer solchen Gegend, die die passenden Gegebenheiten bietet. Denn testen müssen wir sie, um irgendwann mit ihnen Geld zu verdienen. Stellen Sie sich vor, die Gesetze wären so streng, dass man überhaupt nichts erfinden kann. Es ist unabdingbar für Innovationen, dass man nicht nur eine Idee hat, sondern sie auch ausprobieren kann. 

WIRED: Was halten Sie von Projekten wie dem Seasteading Institute, das von Superinvestor Peter Thiel gefördert wird und auf hoher See einen neuen Staat errichten will, um soziale Innovationen zu fördern?
Schmidt: Das sind Spaßprojekte. Nehmen Sie lieber ein anderes Beispiel aus der Medizin. Neue Medikamente in den USA zu testen, ist sehr teuer und dauert sehr lang. Warum testet man die Medikamente also nicht in anderen Ländern, wo die Kosten niedriger sind? Ich bin kein Experte auf dem Gebiet. Aber warum wurde die erste Herztransplantation in Südafrika gemacht und nicht in Europa oder den USA? Wegen der Gesetze.

In Europa sind viele im Regeldenken gefangen. In den USA ist die Devise: Lasst uns etwas Neues ausprobieren und dann sehen, wie wir damit zurechtkommen.

Eric Schmidt

WIRED: Gesetze sind da, um Menschen zu schützen.
Schmidt: In Europa sind viele  im Regeldenken gefangen. Es gibt hier eine Tendenz, Leute zu zwingen, schon im Vorfeld nach Erlaubnis zu fragen. In den USA gibt es auch Grenzen. Aber trotzdem gilt mehr die Devise: Lasst uns etwas Neues ausprobieren und dann sehen, wie wir damit zurechtkommen. Das ist ein wichtiger Ansatz für Innovation. Darum ist es auch wichtig, dass das Berliner Start-up-Experiment erfolgreich verlaufen und Anerkennung finden wird. Auch wenn wir alle wissen, dass die meisten Start-ups und Innovationen scheitern. Das muss man akzeptieren. Das ist auch okay und in unserer Branche kein Stigma.

2011: Larry Page übernimmt wieder als Google-Chef. Eric Schmidt ist seither Executive Chairman des Konzerns. 

WIRED: Wer oder was ist im Moment die weltweit größte Bedrohung für Innovation?
Schmidt: Die größte Gefahr ist derzeit, dass wir eine Balkanisierung des Internets erleben. Dass Staaten anfangen, das Internet zu regulieren und Bürgern den Zugang dazu zu verwehren. So wie in China oder der Türkei. Das sind die extremen Beispiele. Wenn Staaten anfangen, bedeutende Teile des Internets für die Menschen unzugänglich zu machen, wird das große Auswirkungen auf Kreativität und Innovation haben.

WIRED: Verhindert Datenschutz die Innovation?
Schmidt: Nein, das glaube ich nicht. Meine größte Sorge sind Regierungen, die sich nicht an Datenschutz halten. Die NSA kann die Telefone aller Amerikaner überwachen. Das ist nicht in Ordnung. Es gibt Software, die kann Nummernschilder von Autos erkennen – und jeder weiß damit theoretisch, wo wir uns aufhalten. Wir müssen für Datenschutz kämpfen – oder er wird mehr und mehr zerbröckeln. Darum bin ich persönlich auch froh über die Datenschutzrichtlinien in der EU.

WIRED: Eric Schmidt als Verteidiger des Datenschutzes?
Schmidt: Das Problem ist doch, dass die meisten Leute nicht genügend darüber aufgeklärt sind, wo Gefahren lauern.  Sie sagen zu allem Ja, wonach sie im Internet gefragt werden. Jeder muss sich aber bewusst sein, dass alles, was er postet, bei zu sorglosem Umgang auch schutzlos bei solch zwielichtigen Charakteren landen kann, die unsere Daten klauen können. Wir setzen zwar alles daran, dass das bei unseren Angeboten nicht passiert, aber es passiert eben.

WIRED: Müssen wir uns also alle mehr wie Promis verhalten, die sich darüber im Klaren sind, dass sie öffentlich sind?
Schmidt: Jedenfalls ein wenig.