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Das 35-Millionen-Lächeln: Ein halbes Jahr im Leben des ResearchGate-Gründers Ijad Madisch

Jakob Vicari 21.10.2014

Bill Gates als Investor: Mit ResearchGate sprengt Ijad Madisch die Grenzen der Wissenschaft. Wer ist der Mann? Wie denkt er? WIRED hat den Gründer mehrere Monate begleitet.

Vor dem Duell steht Ijad Madisch in einem Deli in der Innenstadt von Wiesbaden. Madisch ist gekommen, um eine alte Rechnung zu begleichen. Er bestellt einen Soja Latte. Nur diesen kurzen Moment lässt er einem Zeit, ihn zu mustern, diesen Typen mit seiner grauen Strickmütze und dem Kapuzenpullover, der sagt, er wolle den Nobelpreis gewinnen. Madisch, 34 Jahre alt, wirkt locker, harmlos fast, dabei hat er mit ResearchGate die Macht eines sozialen Netzwerks mit dem Wissen der Welt zusammengebracht. 

Dann legt er los und absorbiert alle Aufmerksamkeit, erzählt am Tresen noch von seinem fast missglückten Treffen mit Bill Gates, dem Selfie mit Angela Merkel und der Sache mit der aufgeflogenen Stammzell-Studie. Noch bevor er seinen Kaffee über den Tresen gereicht bekommt, hat er die ganze Geschichte von ResearchGate in rasend aneinandergehängten Anekdoten erzählt. Er hat einen gefesselt mit seiner Idee, das Weltwissen neu zu verknüpfen. Gleich wird er auf den Mann treffen, an dem fast alles gescheitert wäre, damals vor sechs Jahren. ResearchGate, das mächtigste Wissenschaftsnetzwerk der Welt, gescheitert an diesem Mann und dessen Wort. Ein Verdikt: „Firlefanz“.

Es gibt viele Start-ups, die eine Industrie verändern. Aber nur wenige verändern die Welt wie wir.

Ijad Madisch

Bill Gates hat die Welt mit Computern überschwemmt. Google hat dafür gesorgt, dass sie einander finden. Ijad Madisch sorgt dafür, dass sich die intelligentesten Menschen des Planeten online treffen. Fünf Millionen Wissenschaftler nutzen seine Plattform ResearchGate heute, das sind drei Viertel aller Autoren, die wissenschaftliche Aufsätze verfassen. Es ist wahrscheinlich, dass sich die zwei nächsten Nobelpreisträger auf ResearchGate kennenlernen – vielleicht diskutieren sie da schon jetzt miteinander. Monatlich laden Wissenschaftler zwei Millionen Publikationen hoch. „Es gibt viele Start-up-Unternehmen, die eine Industrie verändern. Aber nur wenige verändern die Welt wie wir“, sagt Madisch. Er sagt das mit einer ernsthaften Leichtigkeit, als wäre die Umkrempelung des Weltwissens durch ResearchGate bereits beschlossene Sache.

Aufgepasst: Madisch bei einer Diskussion mit Netzpolitik-Professorin Jeanette Hofmann

Dabei ist es gerade sechs Jahre her, da sprach Madisch bei Michael Manns vor, Chefarzt an der Uniklinik in Hannover. Er wollte nach der Promotion eine halbe Stelle als Assistenzarzt, um in der freien Zeit ResearchGate aufzubauen. Doch Manns wollte Madisch ganz und lehnte ab: „Kriegen Sie den Firlefanz aus dem Kopf.“ Madisch hat kurz gezaudert, dann verließ er den Raum. Einer, der damals draußen wartete, erinnert sich noch heute an die Entschlossenheit in Madischs Gesicht. Seitdem hat Madisch mit Manns nicht mehr geredet. Er ging an die Medical School nach Boston. Und startete von dort mit zwei Freunden die Revolution, mit dem Mediziner Sören Hofmayer und dem Informatiker Horst Fickenscher. Die beiden sind immer noch dabei, nach außen aber fast unsichtbar. Die Mission ResearchGate, sie lebt ganz vom Charisma des Ijad Madisch.

Jetzt ist er in Wiesbaden, um die alte Firlefanz-Rechnung zu begleichen. Madisch darf auf einem Medizinerkongress einen Vortrag halten. Er hat sich auf das Duell mit Professor Firlefanz vorbereitet. Ganz untypisch für ihn, der selbst seinen Pitch vor Bill Gates und die Hochzeitsrede für seinen besten Freund improvisiert hat. Madisch steht oben, lässig, die Hände in den hinteren Hosentaschen. Er erzählt die Firlefanz-Szene und sagt: „In dem Moment war ich schon angepisst.“ Dann kommt die Pointe, auf die er seither gewartet hat. Er habe die Konferenzräume seiner Firma nach großen Wissenschaftlern benannt: Marie Curie, Albert Einstein, Galileo Galilei. Nur der unscheinbare Raum neben dem Aufzug hat einen anderen Namen: „Ich habe ihn ‚Manns‘ genannt.“ 

In der ersten Reihe erhebt sich Manns, eine Koryphäe, Präsident dieses Internistenkongresses, der Kopf rot, die Goldknöpfe am Jackett glänzen. „Ich bin der Professor Firlefanz“, sagt er. Die Leute lachen. „Man muss unkonventionelle Wege gehen. Man muss Türen aufstoßen, die noch keiner aufgestoßen hat“, ruft er. „Glückwunsch dazu.“ Madisch hat gewonnen. Es ist vielleicht nur eine Nebenbühne in Wiesbaden. Aber es ist ein symbolischer Sieg der neuen Wege des Wissens über die alte Wissenschaft.

Spiel, Satz, Sieg: Als Ausgleich zum Job geht Madisch regelmäßig Beach-Volleyball spielen

Madischs älterer Bruder Ahmed, selbst Chefarzt, ist auch da. Die Familie habe sich das eigentlich anders vorgestellt, sagt er. Die Eltern, beide Mediziner, kamen vor 40 Jahren aus Syrien nach Deutschland, landeten in der niedersächsischen Provinz. Madisch studierte in Hannover Medizin, in Hagen Informatik, ging nach Harvard. Dann bog er ab. Irritiert verfolgten die anderen, was ihr Nesthäkchen tat. Wie aus Ijad ein Unternehmer wurde, der sich nie wie ein Unternehmer benahm.

Madisch redet fast ununterbrochen. Das passt zu seiner Plattform, denn auch ResearchGate ist eine riesige wissenschaftliche Dauerdiskussionsmaschine. Woher kommen neutrale Salze in Kometen? Wie berechnet man die CO²-Speicherleistung eines Waldes anhand der Jahresringe von Bäumen? Wie erzeugt man Stammzellen? Solche Fragen können selten von einer Wissenschaftsdisziplin allein gelöst werden. ResearchGate bringt die Forscher mit unterschiedlichen Spezialgebieten zusammen. Biologen diskutieren mit Medizinern, Informatikern und Astronomen. Die Inhalte sortiert ein komplexer, gut gehüteter Algorithmus im Herzen von ResearchGate. Der lässt die Fachgrenzen verschwimmen und stellt jedem Forscher die für ihn passenden Debattenstränge zusammen.

Wer spricht mit wem? ResearchGate verbindet Wissenschaftler quer durch alle Disziplinen. So entstehen Netzwerke jenseits fachlicher Grenzen.

Als Madisch 2010 die ersten Millionen bekam, von Matt Cohlers Investmentfirma Benchmark, da schien alles möglich. Da war er nicht einmal dreißig. Doch mit dem vielen Geld der Investoren hätte er sich fast verzettelt und wäre gescheitert. Cohler sagte: „Fokussier dich.“ „Ich habe erst nicht verstanden, was Matt meinte. Aber dann begriff ich: Wir müssen mit immer mehr Leuten immer weniger machen“, sagt er. Der drei Jahre ältere Cohler, der bei Facebook Mitarbeiter Nummer sieben war und in Dropbox und Instagram investierte, als noch niemand etwas damit anzufangen wusste, ist ihm zum Vorbild und Freund geworden. Wenn er den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, dann fragt er Cohler. Ein paar Messenger-Zeilen genügen den beiden.

Ein Abend Mitte September. Im Hauptstadtstudio des ZDF wird der Deutsche Gründerpreis verliehen. Die Kategorien heißen „StartUp“, „Aufsteiger“ und „Lebenswerk“. Ijad Madisch passt in keine davon. Also bekommt er einen Sonderpreis. Schnell geht er mit seiner Pressesprecherin die Mützenfrage durch, per Whatsapp. Auflassen oder nicht? Er geht dann mit der grauen Häkelmütze und hochgekrempeltem Jeanshemd auf die Bühne. „Preise sind mir ehrlich gesagt nicht so wichtig“, sagt er bei seiner Dankesrede. „Mit Preisen kann man ja nichts gewinnen.“ Doch dann fügt er an: „Meine Eltern sind auch hier. Die finden das super.“ Die Madischs, beide einen Kopf kleiner als ihr Sohn, sind heute sichtbar stolz auf ihn, der unbedingt machen wollte, was sie damals nicht verstanden.

Er zieht die Aufmerksamkeit auf sich, weil er immer echt wirkt unter all den Verkleideten.

Madisch ragt heraus, egal, wohin man ihm folgt in diesen Monaten. Ob hier unter den Unternehmern, auf der Start-up-Party, der Medizinertagung oder in der Volleyballhalle. Er zieht die Aufmerksamkeit auf sich, weil er immer echt wirkt unter all den Verkleideten. Schnell verabschiedet er sich vom geselligen Beisammenstehen, wie so oft. Er flüchtet nicht, weil er schüchtern wäre, sondern weil er ein sozialer Magnet ist und ihn diese Gabe in großen Menschenmassen überfordert. Er greift nach der Hand seines Vaters. Ein kurzer privater Moment in dieser Welt von Schokoladenfabrikanten und Sparkassen-Vorständen.

Sechs schwere Jahre liegen hinter Ijad Madisch. Der Dreitagebart hat weiße Stoppeln bekommen. Aus der verspielten Idee von einst ist Ernst geworden. Noch immer sind große Teile des Wissens gefangen hinter den Mauern großer Publisher. Wer in der Wissenschaft ernst genommen werden will, muss in die wichtigen Fachzeitschriften. Die sind eine Goldgrube. Allein das Jahresabonnement des Journal Of Radioanalytical And Nuclear Chemistry aus dem Springer Science + Business Verlag kostet eine deutsche Universitätsbibliothek 15.000 Euro. Seit dem Beginn von ResearchGate träumt Madisch von einer Welt ohne diese Hindernisse. „Auf ResearchGate kann man seine Ergebnisse veröffentlichen, sofort und kostenlos. Das Netz wurde doch nicht zum Schuhekaufen erfunden.“ Seit diesem Jahr steht es im Kampf Madisch gegen Goliath eins zu null.

Gefunden: Auch Eric Schmidt von Google sucht die Nähe zu Ijad Madisch.

Im Januar 2014 waren in der Zeitschrift Nature zwei Studien erschienen, in denen Haruko Obokata vom japanischen Riken-Institut für Entwicklungs-biologie und mehrere Co-Autoren behaupteten, mit einem Säurebad die Umwandlung einfacher Zellen in sogenannte STAP-Stammzellen bewirkt zu haben. Plötzlich gab es diese unkomplizierte Methode, publiziert in Nature, einer der weltweit größten Fachzeitschriften.

Die Forscher hatten mit wenigen Fachleuten gerechnet, die sich mit den Ergebnissen beschäftigen. Nicht mit den Millionen Augen, die sich im Netz auf ihre Studie stürzen würden. Ein Augenpaar gehört Kenneth Ka-Ho Lee. Lee ist Stammzellenforscher in Hongkong. Das Paper begeistert ihn. Also lässt er seine Arbeit liegen und versucht, die Studie nachzuvollziehen. Und er beginnt, darüber auf ResearchGate zu diskutieren. „Ich hatte nie im Leben ein Blog“, sagt er. „Aber ich wollte einfach wissen, warum mir nicht gelang, was da beschrieben war, und ob es anderen auch so ging.“

Als Madisch von den ersten Diskussionen auf seinem Portal hört, denkt er sofort an eine geplante neue Funktion: Open Review. Per Knopfdruck sollen Wissenschaftler damit Daten hochladen und kommentieren können. Er ruft seine Angestellten zusammen, alle 150. Und er fragt sie: „Wollen wir das fertig machen? Heute Nacht noch?“ Alle Arme gehen hoch. „Das habe ich noch nie erlebt.“ Sie schuften, schlafen in der Firma. Mitten in der Nacht lässt Madisch sich die erste Version zeigen. Er habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, erzählt er. Dieser Madisch ist ein Mitreißer, der es schätzt, wenn seine Mitarbeiter Leidenschaft zeigen. Ob sie um acht oder um elf Uhr morgens auf der Matte stehen, das hingegen ist ihm vollkommen egal. Er treibt sein Team an. Am nächsten Tag um 17.30 Uhr ist das Feature fertig und geht online. Um 18 Uhr lädt Lee seine Daten hoch. Die Bombe platzt. Am nächsten Tag, es ist der 14. März 2014, berichtet das Wall Street Journal über den vermeintlichen Betrug. Das Fachmagazin Nature muss die Artikel zurückziehen. Im Spätsommer wird klar: Die Daten waren gefälscht. Das Riken-Institut wird geschlossen. Infolge der Medienlawine begeht einer der Stammzell-Forscher Suizid.

Weltverbesserer und Investor: ResearchGate ist nur ein Baustein im Masterplan von Bill Gates. Der Microsoft-Gründer ist zum Treiber des Fortschritts geworden, wie unser Überblick über einige seiner zahlreichen Beteiligungen zeigt.

Die Berliner Invalidenstraße, eine zentrale Verkehrsachse, ist aufgerissen, eine Großbaustelle. An ihr liegt die Zentrale von ResearchGate. Neben dem Eingang hängen eine Weltkarte und Fotos von Angela Merkel im grünen Kostüm neben Madisch im lilafarbenen Kapuzenpulli. Nebenan hat Nokia einige Gebäude. „Wenn Nokia pleite ist, übernehmen wir deren Büros“, sagt Madisch im Hinterhof. Es ist der schelmische Größenwahn, den man so leicht an ihm unterschätzt. Vom Ikea-Schreibtisch bis zum Tischtennisraum gibt es hier das ganze Start-up-Klischee-Mobiliar. „Ums Geldverdienen kümmern wir uns später“, sagt Madisch oft. Auch an diesem Tag im dritten Stock der Firmenzentrale. Boardmeeting: Sein Freund Matt Cohler ist da, Ben Boyer von Tenaya Capital und Boris Nikolic, ein Harvard-Mediziner und Bill Gates’ Abgesandter für die Wissenschaft. Madisch springt zwischen ihnen herum, als wären Freunde da, nicht Aufseher. „Der Fokus liegt jetzt darauf, den bestmöglichen Service überhaupt für Wissenschaftler und Forscher aufzubauen“, sagt Cohler. „Unser Geschäftsmodell ist der beste Inhalt“, sagt Boyer. „Bill Gates mag unsere Technologie. Er mag die Möglichkeit, auch negative Ergebnisse zu teilen. Das könnte alles verändern“, fügt Nikolic hinzu. 

Madisch hakt ein: „Moment. Das Erste, was du sagtest, Boris, das war: ‚Es wird nicht funktionieren, aber zeig her, was du hast.‘“ Boris Nikolic lacht, es ist ein raues, polterndes Lachen. „Ja, stimmt, ich war extrem skeptisch. Ich dachte, das ist nur ein weiteres Mash-up zwischen Facebook und Linkedin, diesmal für Wissenschaftler. Aber ich fand es nützlich“, sagt Nikolic. Spontan gab er Madisch einen Termin bei Gates.

Boardmeeting: Matt Cohler, Madisch, Ben Boyer und Boris Nikolic (v. l.)

Dieses Treffen ist eine von Madischs Lieblingsanekdoten. Wie immer kaum vorbereitet, zieht Madisch seinen Laptop aus der Tasche und sieht den angebissenen Apfel auf dem Laptopdeckel. Er erinnert sich noch genau an den Schreck. Dann hat er losgequatscht. Die nächste Erinnerung ist die an den Kopfschmerz danach, wie er ihn oft hat nach seinen mitreißenden Auftritten, als zöge der Kopf die Notbremse. Das Ergebnis des Auftritts: Gates und Tenaya Capital investieren 35 Millionen Dollar.

Und noch jemand kann sich Madischs Charisma nicht entziehen. Im Sommer wird in Berlin in einer ehemaligen Brauerei das Start-up-Haus Factory eröffnet. Soundcloud und Twitter haben hier ihre Büros. Madisch stürmt einfach vorbei an den Türstehern, die sonst niemanden ohne Karte hereinlassen. Mit der gleichen Entschlossenheit, mit der er die Welt verändern will. Der Saal wartet auf den Stargast des Abends: Eric Schmidt, den Executive Chairman von Google. Als der den Raum betritt, entsteht schnell eine Menschentraube um ihn. Alle wollen zu Schmidt. Doch der will zu Madisch. Er klopft ihm auf die Schulter, flüstert ihm etwas ins Ohr. Was hat er gesagt? Hat Madisch nach Angela Merkel, der mächtigsten Frau der Welt, und Bill Gates, dem reichsten Mann der Welt, auch noch den Suchmaschinenkonzern von sich überzeugt? Madisch lacht. Und dann, zum ersten Mal, schweigt er. 

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