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Dieser CEO gibt seinen Mitarbeitern so viel Urlaub wie sie wollen

Anne-Katrin Schade, Gründerszene 03.01.2017

Der Gründer von Myhotelshop, Ullrich Kastner, erlaubt seinen Mitarbeitern, so viel Urlaub zu nehmen, wie sie wollen – ohne Gehaltseinbußen. Im Interview erzählt er, warum er glaubt, dass Mitarbeiter das System nicht ausnutzen werden.

Vorgesetzte können ihre Angestellten mit vielen Dingen belohnen. Mit Lob beispielsweise, die wohl einfachste und freundlichste Form der Mitarbeiter-Motivation. Mit einer Erhöhung des Gehalts, der Klassiker. Oder beispielsweise auch mit mehr Freizeit im Jahr.

Ullrich Kastner, ein ehemaliger Unister-Manager, hat vor fünf Jahren die B2B-Plattform Myhotelshop in Leipzig gegründet. Das Unternehmen hilft bei der Vermarktung von Hotels, es schaltet Anzeigen für sie und wertet deren Erfolg aus. Vor 1,5 Jahren übernahm das Düsseldorfer Reiseportal Trivago 61 Prozent an dem Unternehmen.

Zirka 1.800 Kunden – meist aus dem Hotelbereich – nutzen Myhotelshop mittlerweile. Und rund 40 Menschen arbeiten für das Startup. Ihnen will der Gründer ab diesem Jahr eine besondere Art der Freiheit gewähren. Sie dürfen ab sofort so viel Urlaub nehmen wie sie wollen: ohne Gehaltseinbußen.

Warum er glaubt, dass die Mitarbeiter das System nicht ausnutzen werden und alle in der Firma davon profitieren, erzählt er im Gespräch.

Ullrich, wie lange nimmst Du selbst Urlaub im Jahr?
Offiziell habe ich 20 Urlaubstage im Vertrag stehen, bin aber im vergangenen Jahr sicherlich mehr als sechs Wochen verreist. Allerdings arbeite ich auch im Urlaub rund drei bis vier Stunden am Tag, beantworte Emails oder telefoniere. Wenn ich nicht erreichbar wäre, könnte ich mich nicht richtig entspannen. Das gilt aber nicht für meine Mitarbeiter.

Warum willst Du jetzt Deinem Team unbegrenzte Freizeit ermöglichen?
Generell bin ich gegen das Zitronenprinzip, das es oft in Unternehmensberatungen oder auch in anderen Startups gibt, wenn sie einen schnellen Exit hinlegen wollen. Sie wollen dann in kurzer Zeit das Maximale aus ihren Mitarbeitern rausholen. Uns soll es dagegen noch in ein paar Jahren geben, die Angestellten sollen erholt und zufrieden sein. Darum ist es wichtig, dass sie regelmäßig frei haben. Zudem wird das Unternehmen attraktiver als Arbeitgeber. Ich habe mir das Konzept von unserer Mutterfirma Trivago abgeschaut. Dort ist es üblich, dass Mitarbeiter so viel Urlaub machen dürfen wie sie wollen.

Ullrich Kastner

Hast Du keine Angst, dass sich dann nur noch Couch-Potatoes bei Euch bewerben?
Die stellen wir natürlich nicht ein. Wir richten uns an Menschen der sogenannten Generation Y, die sich gerne selbst verwirklichen, Eigenverantwortung übernehmen und für sich eine gute Work-Life-Balance wollen. Geld alleine ist kein Grund, zu einer Firma zu kommen. Außerdem spare ich mir dadurch Zeit. Wir sind ein kleines Team, das Personalmanagement liegt in meiner Hand. Das soll von alleine funktionieren, dachte ich mir.

Du schaffst damit faktisch die Wochenarbeitszeit ab.
Die einzige Vorgabe ist, dass in den Kernarbeitszeiten unserer Kunden immer jemand da ist. Ich bin zuversichtlich, dass das die einzelnen Teams gut selbst regeln können. Ich komme manchmal erst später ins Büro, weil ich die Kinder noch in die Kita bringe. Und bei unseren IT-lern hat sich eingebürgert, dass sie erst gegen Mittag hier auftauchen. Eine solche Freiheit sollen jetzt alle Mitarbeiter haben. Und falls neue System zu Missbrauch führt, schaffen wir es einfach wieder ab. Es ist ein Prozess, den die Mitarbeiter mitgestalten können.

Warum denkst Du, dass Du in Zukunft nicht alleine im Büro bist, weil die anderen am Strand oder auf Balkonien sitzen?
Ich bin kein Freund von großen Unternehmen, in denen der Einzelne in der Masse untergeht. Da wäre so ein Konzept wahrscheinlich falsch. Aber bei uns wird es gut klappen, weil die Mitarbeiter keine Individual-, sondern Teamziele als Vorgaben haben. Ich bin überzeugt davon, dass sie sich in ihren Abteilungen gut absprechen werden, um ihre Ziele zu erreichen. Wenn da einer zu viel Urlaub macht, regelt das Team es von alleine. Zudem verstehen meine Mitarbeiter, dass wir Geld verdienen müssen. Wenn keiner arbeitet, haben bald alle sehr viel frei.

Das klingt nach Druck.
Ich würde es eher Teamarbeit nennen. Dass man drei, vier oder fünf Wochen Urlaub nimmt, kann schon passieren. Darauf müssen sich die Teams einstellen. Dass Mitarbeiter sich aber drei, vier Monate auf Weltreise begeben, wird schätzungsweise nicht passieren. Das würden die Kollegen wahrscheinlich nicht akzeptieren. Wir haben die neue Urlaubsregel im vergangenen Jahr mit drei Mitarbeitern getestet und sie hat hervorragend geklappt.

Nach welchen Kriterien hast Du die drei ausgewählt?
Sie arbeiten schon jetzt in einer gut funktionierenden Einheit. Am Ende des Jahres habe ich verglichen, wie oft sie im Vergleich zu anderen krank waren, ob sie die Ziele erreicht haben und wie lang sie tatsächlich im Urlaub waren. Ich hatte eher Angst, dass sich zu wenig frei nehmen als zuviel. In den USA gibt es solche Fälle, weil sie wahrscheinlich dachten, dass sie dadurch Nachteile hätten. Das wären für mich aber die falschen Anreize gewesen. In so einem Fall hätte ich das Projekt für gescheitert erklärt.

Das wäre auch nicht legal gewesen. In Deutschland ist eine Mindestanzahl von Urlaubstagen im Jahr gesetzlich vorgeschrieben.
Ja und die unterschreiten wir auf keinen Fall. Sie steht weiterhin in den Arbeitsverträgen der Angestellten. Ich schaue nun nicht mehr darauf, wie viel Urlaub sie darüber hinaus nehmen. Normalerweise stehen ihnen 25 Urlaubstage zu – die drei Testpersonen haben im vergangenen Jahr jeweils 30 genommen. Die Zielzahlen haben sie dennoch erreicht. Darüber hinaus waren sie weniger krank als sonst. Und ich hatte das Gefühl, dass sie ein bisschen entspannter mit der Arbeit umgegangen sind als vorher.

Wie haben die anderen Mitarbeiter auf die neue Regel reagiert?
Kurz vor Weihnachten schrieb ich eine Email an das komplette Team, dass wir das jetzt im ganzen Unternehmen umsetzen werden. Ein paar der Kollegen haben mir schon zurückgeschrieben, dass sie das für eine sehr gute Idee halten. In zwölf Monaten werden sie aber wahrscheinlich feststellen, dass sich an ihrer eigentlichen Arbeitszeit gar nicht so viel geändert hat. Nur hat sich die Arbeit besser auf 365 Tage verteilt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene.
Das Original lest ihr hier.

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