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Made in China / Startups: „Die Amerikaner haben keine Ahnung“

Katharin Tai 29.07.2015

In unserer Reihe „Internet Made in China“, beleuchten wir den boomenden chinesischen Online-Markt hinter der großen Firewall. Welche Big-Player revolutionieren das Netz im Reich der Mitte und wie erschaffen sich Millionen von Nutzern ein eigenes Netz zwischen Zensur- und Selbstzensur? Diesmal: eine boomende Startup-Szene mitten in der Diktatur.

Am Platz des Himmlischen Friedens in Beijing hängt noch immer ein Bild von Mao Zedong. Von seinem Platz hoch über dem Eingang zur Verbotenen Stadt, dem ehemaligen Kaiserpalast, schaut der wohl berühmteste Kommunist Chinas mit seinen Geheimratsecken und ernstem Gesicht hinunter auf chinesische und ausländische Touristen und ihre Selfiesticks hinunter. Doch außerhalb des politischen Zentrums der Stadt haben Chinesen längst ganz andere Idole: Das weiße Cover der Steve-Jobs-Biographie darf in keinem Buchladen fehlen und in einem Café in Zhongguancun hängen neben dem Apple-Gründer Bilder von Bill Gates und chinesischen Entrepreneuren inklusive motivierender Zitate. An Tischen unter den Bildern sitzen junge, in erster Linie männliche Chinesen mit MacBooks und trinken Sechs-Euro-Kaffe aus einem afrikanischen oder südamerikanischen Land, das garantiert besonders gute Bohnen herstellt. An den Wänden sieht man englische Slogans mit Worten wie „higher“, „better“ und „bigger“.

Wer sich China anders vorstellt, hat die Jahre verpasst, in denen „Startup“ und „Entrepreneur“ hier zu Buzzwords und CEOs von Smartphone-Herstellern zu Superstars geworden sind. Mittlerweile kommt auch das wertvollste Startup der Welt aus China — der Smartphone-Hersteller Xiaomi mit einem Marktwert von 45 Milliarden Dollar seit Dezember 2014. In China, sagen viele Ausländer, die hier schon länger leben, sei alles möglich. Hier gehen auch Kommunismus und Startups zusammen, die Speerspitze des Kapitalismus.

Startups und Kapitalismus — mit Staatskontrolle

Um diesen scheinbaren Gegensatz zu verstehen, sollte man in Zhongguancun anfangen, dem Viertel mit den überteuerten Cafés. Es ist nicht nur ein Pekinger Stadtteil in direkter Nachbarschaft von Chinas Eliteuniversitäten, sondern auch ein Erfolgsprojekt im Bereich Innovation. Die chinesische Regierung und Staatsmedien nennen ihn gerne das „Silicon Valley Chinas“. Inspiriert von einem Besuch im echten Silicon Valley überzeugte der Wissenschaftler Chen Chuxian Ende der Achtzigerjahre die chinesische Regierung davon, in Zhongguancun das erste von Privatpersonen geführte Technologieunternehmen zu erlauben — ein großer Schritt für die zentral gelenkte Planwirtschaft, die von Staatsunternehmen dominiert wurde.

Weitere Reformen folgten: Privatpersonen durften nun offiziell in Technologiefirmen investieren, die Regierung richtete eigene Fonds für Innovation ein und internationale wie nationale Technologieunternehmen wurden mit Steuervorteilen nach Zhongguancun gelockt. Anfang der 2000er entstanden hier dann auch Chinas Internetkonzerne: Baidu, das Google Chinas, Youku, das YouTube Chinas, und Tencent, die alles dominieren, was mit Kommunikation zu tun hat. Wie so viele Entwicklungen begannen auch Chinas Startups in einem regierungsfinanzierten und -gesteuerten Programm.

Zhongguancun, Peking

Dass ausgerechnet Baidu zunächst auf den Cayman Islands registriert wurde, deutete auf einige der vielen Probleme hin, die der chinesische Markt auch Anfang der 2000er noch hatte: strikte Regulierungen was das Leihen von Geld und Investitionen (besonders solche aus dem Ausland) anging. Das hinderte die ersten Vorzeige-Firmen des chinesischen Internetbooms aber nicht daran, zu wahren Giganten zu werden, die international auch Google und Facebook Konkurrenz machen: Geht man nach ihrem Marktwert, kommen mittlerweile vier der zehn größten Internetfirmen weltweit aus China. Erst im Herbst 2014 sorgte Alibaba, das E-Commerce-Unternehmen des ehemaligen Englischlehrers Jack Ma, mit dem größten Börsengang der Geschichte an der New Yorker Börse für weltweites Aufsehen.

Doch die chinesische Startup-Szene besteht längst nicht mehr nur aus den Internetgiganten der ersten Stunde. Laut dem von der Regierung unterstützten Portal „china.org.cn“ werden in China im Schnitt sieben Startups pro Minute gegründet — auch, wenn Zahlen der chinesischen Regierung immer mit etwas Vorsicht zu genießen sind, ist der Trend eindeutig. Waren Chinesen, die in den Siebzigerjahren aufwuchsen, noch auf Stabilität und Sicherheit bedacht, sind die jüngeren Generationen deutlich ehrgeiziger. Nach Steve Jobs und Bill Gates haben sie chinesische CEOs wie Lei Jun vom Smartphone-Hersteller Xiaomi und Alibabas Jack Ma zu Millionären werden sehen — und ihnen eifern sie nach. „Natürlich ist das riskant“, mein Jane, eine 23-jährige Chemiestudentudentin aus Peking, „aber wenn ich kein Risiko eingehe, kann ich auch keinen richtigen Erfolg haben.“ Sie hat ihre gesamten Ersparnisse in ein Startup investiert, das Ausländern dabei helfen soll, sich in China zurechtzufinden. Und ihre Eltern? „Sie sagen, dass das alleine meine Entscheidung ist — aber auch meine eigene Verantwortung, wenn ich Geld verliere.“

Generationenwechsel und Altlasten

Die verängstigten Eltern der letzten Generation, die für ihre Kinder vor allem auf ein stabiles Einkommen in einem großen Staatsunternehmen bedacht waren und an jeder Weggabelung mitentscheiden wollten, scheinen vergessen. Stattdessen hat der wachsende Wohlstand der chinesischen Mittelschicht auch in China den Weg für eine andere Erziehung geebnet, in der eigene Interessen und Risiken keine Tabus mehr sind. Auch, wenn dieser Wohlstand noch lange nicht das gesamte Land erreicht hat, halten mittlerweile 65 Prozent der chinesischen Bevölkerung eine Karriere als Unternehmer für eine gute Wahl. Die chinesischen Internetgiganten liefern dabei nicht nur die Vorbilder, sondern oft auch das Kapital und die nötigen Kontakte: Viele Alumni von Alibaba, Tencent und Baidu nutzen das Geld aus dem Verkauf ihrer Aktienanteile und ihre Kontakte zu Investoren, um ihre eigenen Startups zu gründen. Dazu kommen Förderprogramme der chinesischen Regierung und Venture-Investoren. Auch, wenn es Startups in den verschiedensten Branchen und im ganzen Land gibt, geht etwa die Hälfte aller Investments in Internetunternehmen, die auch von der Regierung stark unterstützt werden. Erst im März kündigte Premierminister Li Keqiang die Initiative „Internet Plus“ an, in der er Internetunternehmen als den zukünftigen Treiber der chinesischen Wirtschaft beschreibt. Investoren scheinen ihm da zuzustimmen: Wurden 2012 noch 100 Millionen Dollar in Chinas Internetindustrie investiert, waren es 2014 mit einem Mal sechs Milliarden.

Kritik bleibt dabei natürlich nicht aus: Auch Chinas Startups seien nur billige Kopien westlicher Apps. Der Vorwurf ist alt und das Label „Made in China“ war lange synonym mit niedrigwertigen Kopien westlicher Produkte. Auch chinesische Internetfirmen müssen sich immer wieder anhören, sie seien nicht wirklich innovativ, sondern würden nur die Tatsache ausnutzen, dass ihre größten westlichen Konkurrenten in China gesperrt sind und einfach eine chinesische Version von Firmen wie Facebook, Google oder YouTube anbieten. Ausgerechnet Messenger-Gigant Tencent illustriert den Vorwurf auf sehr anschauliche Weise: Die Firma begann 2000 mit einem „OICQ“ genannten Messenger, der später in QQ umbenannt wurde, angeblich ohne jeglichen Druck seitens des amerikanischen Messengers ICQ. Funktionsweise und Aussehen von QQ und ICQ waren nahezu identisch.

Der amerikanisch-chinesische Investor Andy Mok, der auch Vernetzungstreffen für Startup-Gründer in Peking organisiert, sieht das nicht unbedingt als Problem: „Aus der Perspektive eines Investors macht es deutlich mehr Sinn, in ein Unternehmen mit möglichst wenig Risiko zu investieren — zum Beispiel eines, das bestehende Produkte effizienter macht.“ Und irgendetwas machen die Chinesen tatsächlich besser oder effizienter: Während ICQ im Westen nur noch zur Nostalgie für Neunziger-Kinder taugt, hat Tencent auf seinen Erfolg mit QQ aufgebaut und dominiert soziale Kommunikation jetzt mit dem Smartphone-Messenger WeChat.

Zhongguancun, Peking

Auch Gespräche mit Gründern in Peking machen es einem schwierig, pessimistisch zu sein — Optimismus und hochfliegende Ideen erinnern an die „higher, better, bigger“-Slogans in Zhongguancun. Die Hauptstadt ist auch der Ort, an dem am meisten investiert und gegründet wird. Hier trifft die Startup-Szene sich in überteuerten Cafés oder, an warmen Sommertagen in Craft-Beer-Brauereien, wenn Andy Mok zum „Beijing Tech Hive“ einlädt. So fanden sich auch im Juni wieder an die fünfzig Besucher in der Pekinger Brauerei „Jing A“ zusammen, um ihre Startups vorzustellen, CTOs zu suchen und bei 30 Grad und Sonnenschein Biere mit Namen wie „Airpocalypse“ zu trinken — eine ironische Anspielung auf die sprichwörtlich schlechte Luft in der Hauptstadt.

Der Unternehmer Andy Tian, der mittlerweile in seinem fünften Startup arbeitet, hält eine kurze Rede dazu, wie man am besten einen Co-Founder findet, und stellt sich dann den zahllosen Fragen der Besucher. Nachdem er selber für eine Weile im Silicon Valley gearbeitet hat, ist er fest davon überzeugt, dass die chinesischen Startups den US-amerikanischen über kurz oder lang den Rang ablaufen werden: „Viele Amerikaner haben keine Ahnung. Ich habe Freunde, die sagen, dass sie in nichts investieren, wo sie nicht mit dem Auto hinfahren können.“

Eine chinesische Perspektive als Erfolgsmodell?

Für ihn liegt die Zukunft nicht in Nordamerika oder Westeuropa, sondern ganz klar in Südostasien, Indien, Afrika und Südamerika. Und selbst die amerikanischen Firmen, die diese Märkte im Auge haben, seien bei weitem nicht so gut positioniert wie chinesische Startups — schlicht wegen der Märkte, die von der Struktur her an den chinesischen erinnern. „Wenn ein westliches Unternehmen sagt, sie seien mobile first“, meint er lachend, „schauen chinesische Unternehmer sie nur verständnislos an — natürlich läuft hier alles über Smartphones! Genauso wie es auch in Indien oder afrikanischen Ländern der Fall sein wird.“ Die größeren chinesischen Startups verfolgen genau diese Expansionsstrategie: Xiaomi hat bisher keinerlei Pläne erwähnt, in Europa Handys zu verkaufen, stattdessen wirbt das Unternehmen aggressiv in Indien und Brasilien. Auch die chinesische Suchmaschine Baidu konzentriert sich vor allem auf andere Schwellenländer — bisher sehr erfolgreich.

Ein Besuch bei Beijing Tech Hive gibt aber nicht nur einen Einblick in die Welt der chinesischen, sondern auch der ausländischen Entrepreneure und Startups in China: Amerikaner, Schweizer, Briten, Japaner, der Mix an verschiedenen englischen Akzenten deckt fast alle Kontinente ab. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich, grundsätzlich ist man sich aber einig, dass China einfach extrem gute Bedingungen biete: Der Organisator des Treffens, Andy Mok, schwärmt von dem enormen Potenzial für Mitarbeiter in einem eine Milliarde-Land mit relativ hohen Bildungsstandards, der Unternehmer Stuart Oda von den niedrigen Produktionskosten. Auffallend viele Unternehmen, die bei Jing A vorgestellt werden, sind wie Oda oder die Amerikanerin Manuela Zoninsein in den Bereichen Landwirtschaft und Ernährung unterwegs — etwas, das Zoninsein im Westen eher schwierig findet: „In China gibt es einfach eine gigantische Nachfrage für eine Modernisierung der Landwirtschaft, organische Produkte, kurz, Innovation. Es gibt eine Milliarden Farmer auf der Welt, aber wenn ich in den USA jemandem erzähle, dass ich etwas mit Landwirtschaft mache, ernte ich nur verständnislose Blicke.“ Auch die ehemalige Journalistin, die jetzt aktuelle Daten über den chinesischen Markt für ausländische Firmen aggregiert, würde ihre Arbeit in China niemals für Unternehmertun in ihrer Heimat eintauschen wollen.

Letztendlich hat das chinesische Wirtschaftswachstum der letzten Jahre nicht nur den großen, staatlichen Firmen neuen Schub gegeben. Stattdessen hat sich in ihrer Welle mit tatkräftiger Unterstützung der Regierung auch eine Startupszene entwickelt, die nicht nur Zugriff auf Enthusiasmus und eine Milliarden Menschen hat, sondern auch mit einem anderen Weltbild die Märkte verschiedener Schwellenländer ins Auge fasst. Ob der Enthusiasmus von Investoren wie Andy Mok oder Politikern wie Chinas Premier Li gerechtfertigt ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

In Teil 2 unserer „Made in China“-Serie geht unsere Autorin dem Alltag der chinesischen Internetuser nach.

Alle Texte der „Made in China“-Serie gibt es hier zum Nachlesen. 

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