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Die faszinierendsten Projekte der Ex-Googler

Michael Förtsch 28.10.2016 Lesezeit 7 Min

Wer einen Job bei Google ergattert, bleibt sein Leben lang? Von wegen, viele Googler starten erst nach ihrer Kündigung richtig durch. WIRED stellt euch sieben faszinierende Projekte von „Xooglern“ vor.

Für viele Entwickler, Programmierer und Designer ist es der große Traum, einen Job bei Google zu ergattern. Das Technologieunternehmen aus Mountain View – beziehungsweise sein Mutterkonzern Alphabet – und seine Niederlassungen in aller Welt steht nicht nur für ambitionierte Projekte, sondern auch für gutes Gehalt, stylische Büros, bestmögliche Kantinenmahlzeiten und kreative Freiräume. Dennoch steigen regelmäßig Mitarbeiter der Suchmaschinenfirma aus. Die Gründe? Manchmal Langeweile, manchmal interne Differenzen – und oft schlicht der Drang, etwas eigenes zu erschaffen.

Ex-Googler werden intern gern als „Xoogler“ bezeichnet. Denn auch wenn sie ehemalige Angestellte sind, werden sie von ihrem alten Arbeitgeber keineswegs komplett abgeschrieben. Was die Aussteiger planen und umsetzen, ist nicht selten ebenso spannend wie das, was Google selbst verfolgt. Die bekanntesten Beispiele: Kevin Systrom wirkte vor Jahren an Gmail mit, nur um später Instagram zu gründen. Der einst bei Googles Werbeprogramm beschäftigte Ben Silbermann entwickelte hingegen Pinterest. WIRED stellt euch sieben weitere faszinierende Projekte von „Xooglern“ vor:

Hello
In seiner 20-Prozent-Zeit bei Google entwickelte Orkut Büyükkökten einst das Social Network Orkut. Dieses ging 2004 online und gewann vor allem in Brasilien eine große Nutzerschaft. 2014 wurde es aber zu Gunsten von Google+ eingestellt. Wenig später verließt Büyükkökten seinen Arbeitgeber. Nun hat er gemeinsam mit anderen Xooglern sein neuestes Projekt gestartet. Das nennt sich schlicht Hello und soll da ansetzen, wo Orkut einst endete.

Das Social Network soll allein auf dem Smartphone existieren und Nutzer basierend auf ihren Interessen verknüpfen. Dafür wird ein Profil erstellt, das aus Vorlieben wie Fotografie, Sport, Bier, Katzen, Mode und anderem generiert wird. Aber allem voran soll ein Algorithmus lernen, was der Nutzer mag und ihm so Freunde und Gruppen vorschlagen, die zu ihm passen. Eine Anmeldung ist derzeit nur mit Einladung möglich. Allerdings hat Hello schon jetzt einen großen Investor: Google.

Gate
Ehsan Saeedi und Harvey Ho gehörten als Mitglieder der Forschungsabteilung Google X zu den kreativsten Denkern des Technologieunternehmens aus Mountain View. Unter anderem haben sie die Datenbrille Glass mitgestaltet. Seit 2014 versuchen sie jedoch mit ihrer eigenen Firma, den Gate Labs, das Türschloss neu zu erfinden. Das Ergebnis nennt sich schlicht Gate, aber kann deutlich mehr als nur auf- und abschließen.

Gate ist ein Smartlock und verfügt über einen eigenen Netzanschluss, eine Kamera, einen Bewegungsmelder, ein Tastenfeld und eine Ruffunktion. Damit kann der Hauseigner von überall sehen, wer und wann zu Hause vor der Tür steht, mit ihm sprechen und via App aufsperren. Beispielsweise, wenn der Postbote ein Paket nicht nur vor, sondern hinter der Haustür abstellen soll. Dazu lassen sich temporäre und dauerhafte Passcodes für Gäste und Bewohner erstellen, die Schlüssel und Telefon überflüssig machen. Die ersten Gate-Schlösser sollen März 2017 erscheinen.

Vault OS
Banken beherbergen und transferieren Tag für Tag unvorstellbare Geldmengen – mit Technologien, die teils schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Das Londoner Startup Thought Machine will das ändern. Dahinter steht Paul Taylor, ein Pionier im Bereich der Sprachsynthese, der seine Firma Phonetic Arts 2010 an Google verkaufte. An seiner Seite ist Will Montgomery, der Googles Werbenetz AdSense mit aufgebaut hat.

Gemeinsam mit 50 Entwicklern arbeiten Taylor und Montgomery an Vault OS. Das wird ein Cloud-Dienst ähnlich Amazon Web Services – allerdings für Banken, die damit Konten und Einlagen verwalten können. Den Kern soll die von Bitcoin bekannte Blockchain-Technik bilden, die Vault OS unheimlich sicher und nachvollziehbar mache. Ebenso soll das Cloud-System aber auch vollkommen flexibel sein, Überweisungen quasi in Echtzeit abwickeln können und Bankprodukte und Dienste erlauben, die bisher undenkbar wären.

WayUp
Nach ihrem Studium an der University of Pennsylvania heuerte Liz Wessel bei Google an. Ab Juli 2012 tüftelte sie als Produktmanagerin etwa Gemeinschaftsprojekte mit National Geographic aus, leitete Marketingprogramme in Indien und stand auch mit hinter dem Aprilscherz Google Nose. Nach nur zwei Jahren kündigte sie, wie sie schon bei ihrer Anstellung angekündigt hatte, um mit 25 Jahren ihr eigenes Unternehmen aufzubauen. Mit dem möchte sie ein Problem lösen, das sie selbst während des Studiums umtrieb.

Das in New York ansässige WayUp ist eine Job-Börse. Allerdings eine ziemlich spezialisierte: Sie zielt darauf ab, Studenten und kürzlich Graduierte in für sie passende Berufe zu vermitteln. Sie sehen dazu nur jene Stellen, die auf ihr Profil, ihre Eignungen und Fähigkeiten zugeschnitten sind. Für die Suchenden ist WayUp kostenlos. Stattdessen bezahlen die Firmen, die ihre Ausschreibungen dafür besonders fein justieren und sehr gezielt Bewerber adressieren können. Zu den Kunden gehören unter anderem Microsoft, Uber, Netflix – und natürlich auch Google.

The Show
Der Schwede Filip Syta ist kein Ingenieur oder Programmierer. Stattdessen arbeitete er als Anzeigen- und Werbestratege bei Google in Dublin. Nach zwei Jahren ging er. Aber nicht, um sein eigenes Unternehmen zu gründen, sondern ein Buch über eines zu schreiben: The Show. Darin heuert die gleichnamige Firma den jungen Werbefachmann Victor an. Was der daraufhin erlebt, entspreche zu „90 Prozent“ der Realität, versichert Syta.

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Wie Google ist auch The Show ein Tech-Unternehmen in Kalifornien. Es macht Milliardenumsätze, arbeitet an faszinierenden Technologien und stellt nur die Besten der Besten an. Aber hinter der Fassade, so Sytas Roman, zeigt sich eine surreale Parallelwelt. Die unterforderten Mitarbeiter feiern ausufernde Partys, vertreiben sich mit Sex und Drogen die Zeit – auch während der Arbeit. Es gibt Kokain-Dealer, die direkt an den Schreibtisch liefern und wenn die Umsatzzahlen mal nicht passen, werden die eben gefälscht. Ob dieses Xoogler-Projekt Google gefällt? Unklar. Interessant ist es aber allemal.

Comma.ai
George Hotz gilt als Wunderkind. 2007 veröffentlichte er im Alter von 18 Jahren als erster ein Jailbreak für das iPhone. Zwei Jahre später extrahierte und veröffentlichte er die Root-Schlüssel der PlayStation 3, woraufhin er von Sony verklagt wurde. Außerdem arbeitete er bei Facebook. Aber nur, um kurze Zeit später gefeuert und daraufhin von Google eingestellt zu werden. Dort forschte Hotz für mehrere Monate beim Project Zero, das Sicherheitslücken finden und beseitigen soll, wofür er den Debugger Qira programmierte. Nach einem halben Jahr verließ er Google wieder, um Comma.ai zu gründen.

Seit September 2015 arbeitete Hotz mit seinem Startup daran, Nachrürst-Kits zu entwickeln, die jedes Auto zu einem autonomen Fahrzeug machen. Die ersten Chargen des Bausatzes Comma One sollten noch in diesem Jahr ausgeliefert werden. Hotz' eigener Acura ILX ist seit über einem Jahr damit unterwegs und hat zahlreiche unfallfreie Touren hinter sich gebracht. Ebenso lässt sich mittlerweile die Dash App für iOS und Android laden, mit der man Hotz helfen kann, den Autopiloten zu trainieren. Sie analysiert das eigene Fahrverhalten, verteilt Punkte und lernt daraus. Doch leider verkündete Hotz Ende Oktober, dass er sein Projekt einstellen wird. Grund dafür ist eine Auseinandersetzung zwischen ihm und der US-Straßenverkehrsbehörde NHTSA.

Pointy
Das erste Startup von Mark Cummins wurde 2010 auch das erste britische Unternehmen, das von Google aufgekauft wurde. Plink hatte mit PlinkArt eine Technik entwickelt, die über ein Foto Kunstwerke und deren Schöpfer erkennen konnte. Diese, wie auch deren Entwickler, wurden Teil des Google-Goggles-Team. Seit 2014 verfolgt Mark Cummins aber wieder eine neue Idee. Sein in Dublin gelegenes Startup Pointy soll kleinen Geschäften und Einzelhändlern das Leben leichter machen.

Gemeinsam mit seinem Studienfreund Charles Bibby hat Cummins eine Zigarettenschachtel-große Box entwickelt. Die wird zwischen Kasse und Warenscanner gekoppelt. Daraufhin wird jedes gescannte Produkt von der Pointy-Box automatisch erkannt und auf einer Website für das Geschäft gespeichert, die sich über die Pointy-App aber auch durch Google finden lässt. Damit entsteht ganz unkompliziert ein einsehbares Warenregister. Seit Ende 2015 ist Pointy in Irland im Einsatz. Es soll vielen Einzelhändlern neue Kunden gebracht haben und hat Google-Maps-Erfinder Lars Rasmussen überzeugt, zu investieren.