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Der Coworking Space Blogfabrik bastelt am Verlagsmodell der Zukunft

Elisabeth Rank 20.07.2015

Make love, not lofts“ steht an einer Hauswand ein paar Straßen weiter. Vom Konferenzraum der Blogfabrik in Berlin Kreuzberg schaut man genau darauf. 555 Quadratmeter wurden hier für den Coworking Space, der diese Woche offiziell eröffnet wird, ausgebaut. In ihm sollen Freiberufler und kleine Firmen gemeinsam arbeiten, die beides wollen: Liebe und Lofts.

Was aussieht wie eine neue, hippe Agentur, heißt Blogfabrik und versucht sich an einem Verlagsmodell der Zukunft: ohne klassische Hierarchien, ohne Festanstellung, ohne klassische Arbeitszeiten, dafür mit analoger und digitaler Infrastruktur für Freiberufler aus der Medienbranche. 30 kreative Freelancer hat die Unternehmensgruppe Trunk derzeit in einem Kreuzberger Loft versammelt, das mit geräumigen Arbeitsplätzen, einem Fotostudio, einer großen Küche und viel durchdesigntem Platz genau den Ansprüchen der Berliner Medienszene entspricht. In der Blogfabrik arbeiten Blogger neben Fotografen neben Redakteuren neben Videoproduzenten neben vielen anderen Leuten, die unterschiedlichste Inhalte vor allem für das Netz produzieren. Das tun sie für ihr eigenes Business — und parallel für das gemeinsame Projekt Blogfabrik, das sich in Coworking Space, Magazin und Agentur gliedert. Denn die Freelancer bezahlen ihren Arbeitsplatz, an dem sie arbeiten können, wie und wann sie wollen, nicht klassisch per Überweisung — sondern mit Inhalten, die sie für das „Daily Bread“-Magazin erstellen, das zur Blogfabrik gehört und ein „Business Magazin für Content Creators“ sein will. 

Die Investoren sichern sich mit der Blogfabrik eine Online-Reichweite von über 100.000 Kontakten.

Wie man im Netz eigentlich Geld verdienen kann, ist eine Frage, die alle Freelancer der Blogfabrik beschäftigt. Und deswegen schreiben sie nun darüber, bisher vor allem aus persönlichen Perspektiven, mit ästhetisch ansprechenden Bildern und kurzen Texten. Chefredakteur des Magazins, das eher wie ein persönliches Blog als ein klassisches Magazin daherkommt, ist Claudio Rimmele. Er teilt sich die Leitung der Blogfabrik mit Maria Ebbinghaus und Daniel Gruber. Hinter dem Projekt steht die Unternehmensgruppe Trunk, die sonst vor allem Printprodukte vertreibt. „Seit 70 Jahren versuchen wir Zeitungen und Zeitschriften zu verkaufen. Aber dieses Geschäft ist auf dem Weg nach unten. Ich persönlich glaube jedoch an die Zukunft von gutem Content im richtigen Mix zur richtigen Zeit, so Holger Bingmann, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Trunk. Mit seinem Investment in die Blogfabrik sichert er sich den Zugriff auf 30 erfahrene Digital Natives, mit denen die Blogfabrik Freelancer-Verträge ausgemacht hat, und eine Reichweite von ungefähr 500.000 Instagram-Followern, 450.000 Facebook-Fans und 90.000 Twitter-Followern. 

Dies sind die Content Creators der Blogfabrik.

Selbstbestimmung sei einer der wichtigsten Faktoren, Teil der Blogfabrik sein zu wollen, sagt Laura Gehlhaar, die als Coach und Journalistin arbeitet und vor drei Wochen in die Blogfabrik eingezogen ist. Sie erhofft sich vor allem mehr Aufträge, Inspiration und ein spannendes Netzwerk. Noch glühen die Gesichter der Anwesenden vor Ersttagseuphorie, sie alle haben dem Gründungsteam geholfen, den Space einzurichten, an Workshops teilgenommen, sich auf Regeln für ein Miteinander im Büro geeinigt. Ein Konkurrenzgefühl wie in klassischen Agenturen gebe es jedenfalls nicht, man begegne sich hier auf Augenhöhe und zumindest intern verzichtet selbst das Führungsteam auf Titel wie Chefredakteur oder Project Lead. Stattdessen nennt sich Chefredakteur Rimmele lieber „Blog-Mutti“: „Wir wollen zeigen, dass jene, die auf einer freiwilligen Basis und nicht in einem klassischen 9-to-5-Job zusammenarbeiten, spannende Ergebnisse erzielen und ein Modell der Zukunft sein können, so Rimmele, aber sicherlich nicht das einzige“. 

Die Blogfabrik ist der physische Ausdruck einer Idee der Zusammenarbeit.

Daniel Gruber

Ob die Blogfabrik in ihrer Zusammensetzung den Problemen klassischer Agenturen aus dem Weg gehen kann? Mit Fluktuation rechne man jedenfalls. „Die Blogfabrik ist auf wechselnde Zusammenarbeit angelegt, um sie kreativ zu halten, so Unternehmer Bingmann. Das Projekt sei ein Gründungspodest, ein Trampolin, so Rimmele, „aus ihr darf man durchaus herauswachsen und etwas Eigenes gründen“. Bevor das passiert, stehen vor allem Teamwork, neue Aufträge und gegenseitige Unterstützung im Vordergrund. Inwieweit das auch noch funktioniert, wenn die angeschlossene Agentur Kiosk die ersten Projekte unter den Freelancern verteilt, wird sich zeigen. Auf neue Formen der internen Kommunikation habe man sich noch nicht geeinigt, man versuche sich jedoch an E-Mail-Alternativen wie Slack, das persönliche Gespräch sei sowieso wichtiger als alles andere, selbst wenn man vor allem digitale Inhalte produziere. „Die Blogfabrik ist der physische Ausdruck einer Idee der Zusammenarbeit“, so Gruber: „Die Art von Arbeitsverhältnis, wie wir es wollen, bedingt diesen Ort. Nicht andersherum.“ 

Die Arbeitsplätze im Kreuzberg Loft der Blogfabrik

Es ist ein Experiment, ein Prozess, kein Haus, das man hinstellt und dann ist es fertig, es gibt jedoch ein gemeinsames Ziel: „Wir haben Reichweitenvorstellungen für das Magazin. Einen Breakeven-Druck verspüren wir aber nicht und das ist eine sehr luxuriöse Position“, erzählt Gruber den Business Plan. Die Unternehmensgruppe Trunk gibt ihrem neuen Think Tank also Zeit. Zeit, die die Blogfabrik auch brauchen wird, um neue Businessmodelle und Formate fürs Netz zu entwickeln. Um Wissen aus der gemeinsam, digital-analogen Arbeit zurück ins große Unternehmen dahinter zu spielen. „Jeden Monat kommen Mitarbeiter aus dem Mutter-Unternehmen und arbeiten bei uns, damit sie etwas mit nach München nehmen, sagt Gruber. Von den Jungen lernen, wie man Inhalte fürs Netz macht, wie man dort kommuniziert, wie man seine Geschichten digital verbreitet. Doch wie verdient man damit Geld?

Die Blogfabrik ist das Klebetattoo einer neuen Generation an Kreativarbeitern, die sich nicht mehr ewig binden will.

„Wie genau wir das monetarisieren, wissen wir noch nicht“, sagt Trunk-Geschäftsführer Bingmann. Das könnte unsicher machen, doch für die Freelancer bedeutet die Blogfabrik im ersten Schritt vor allem netzwerken und die Möglichkeit auf neue Aufträge und Kunden — indem man gemeinsam arbeitet. Doch schafft es das Projekt aus seiner Berliner Blase? Bisher scheint es, als sei vor allem die Berliner Medienszene in der Blogfabrik angekommen, große YouTuber, die im Moment für die größten Online-Reichweiten sorgen, findet man dort aber bisher nicht. 

Das Fotostudio, das die Freelancer der Blogfabrik für eigene Produktionen nutzen können

Trotzdem ist die Blogfabrik ein neues Modell für eine sich verändernde Arbeitswelt, in der für immer mehr Menschen die Grenzen zwischen Job und Privatleben verschwimmen. Sie ist das Klebetattoo einer neuen Generation an Kreativarbeitern, die sich nicht mehr ewig binden will, der Freiheit und eigene Entscheidungen wichtiger sind als Sicherheit und Geld, für die das eigene Gefühl immer im Vordergrund steht. Eine Ich-Generation, die ihre Möglichkeiten immer wieder neu auslotet — je nach Kontostand, Kraft und vor allem Bock. Ob die Investoren diese Sprunghaftigkeit, diesen Freiheitsdrang aushalten können, ob sie in der Lage sind, diese kreativen Kräfte in rentable Projekte zu kanalisieren, wird sich zeigen. Bingmann zumindest ist optimistisch: „Wenn ich in Berlin bin, bringt es mir sehr viel, zwischen diesen extrem kreativen Menschen zu sitzen. So muss die Verlagswelt der Zukunft aufgestellt sein! 

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