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Ab nach Deutschland! Warum Dropbox ein Büro in Hamburg aufmacht

Karsten Lemm 23.05.2016

Einfache Bedienung und automatisches Abgleichen aller Daten: So ist Dropbox zum populären Vorreiter für Cloud-Dienste geworden. Während die Konkurrenz größer wird, schauen die Chefs in Kalifornien nach Deutschland – von hier soll künftig noch mehr Wachstum kommen. Aber wie?

Wenn Oliver Blüher die sogenannten digitalen Nomaden dabei beobachtet, wie sie von Schreibtisch zu Schreibtisch ziehen, vom Café zum Bahnhof und zum Flughafen, dann hebt sich seine Laune. Denn oft genug würden die Dauermobilen vor der Herausforderung stehen, alle wichtigen Dokumente im richtigen Moment zur Hand zu haben. „Dann sage ich mir immer wieder: Da draußen gibt es noch ein gewaltiges Potenzial“, sagt Blüher, Dropbox-Chef für die Region Deutschland, Österreich, Schweiz.

Um das Beste aus dieser Chance zu machen, eröffnet der amerikanische Cloud-Anbieter jetzt ein eigenes Büro für den deutschsprachigen Raum. Von Hamburg aus soll sich ein Team von mehreren Dutzend Mitarbeitern darum kümmern, neue Kunden zu gewinnen. „Jeder dritte Internet-Nutzer in Deutschland ist bereits Dropbox-Nutzer“, sagt Blüher. Vor Kurzem meldete die 2007 gegründete Firma, sie habe die Schwelle von 500 Millionen aktiven Nutzern übersprungen – auch, weil immer mehr Menschen hierzulande den Service entdecken. „Deutschland ist unter den Top fünf Märkten für Dropbox“, sagt Blüher. „Wir haben deutliches Wachstum gesehen.“

Oliver Blüher, Dropbox-Chef für Deutschland, Österreich und die Schweiz

Die Mehrheit aller Nutzer begnügt sich allerdings mit dem Gratis-Angebot: Zwei Gigabyte Speicher spendiert Dropbox jedem, der sich anmeldet, auch Grundfunktionen wie das automatische Abgleichen von Dateien und Ordnern auf mehreren Geräten gibt es gratis. Geld kosten nur weiterführende Funktionen – etwa solche, die Teams die Zusammenarbeit erleichtern oder das Verschicken passwortgeschützter Links erlauben. Weltweit meldet Dropbox mehr als 150.000 Geschäftskunden, die monatliche Abogebühren zahlen. In Deutschland sind es laut Blüher bisher etwa 4000.

Während Privatleute hierzulande immer noch zögern, ihre Daten fremden Großrechnern anzuvertrauen, möchten viele Firmen auf Cloud-Dienste nicht mehr verzichten: Mehr als die Hälfte deutscher Unternehmen kauft mittlerweile Speicherplatz, Rechenleistung oder Software aus der Cloud ein, berichtet der Branchenverband Bitkom. Sicherheitsbedenken allerdings bleiben für viele der wichtigste Grund, sich zurückzuhalten. 58 Prozent der befragten Unternehmen nannten bei der jüngsten Cloud-Monitor-Studie Angst vor unberechtigten Zugriffen auf sensible Daten als größtes Hemmnis.

Deutsche Unternehmen entdecken ihre Zuneigung zur Cloud, wie die jährliche Cloud-Monitor-Umfrage des Branchenverbands Bitkom zeigt

Solchen Bedenken kontert Oliver Blüher mit der Erklärung, dass Dropbox Informationen nicht nur verschlüssele, sondern auch in Stücke teile. „Jede Datei wird in Blöcke geschnitten und auf verschiedenen Rechnern gespeichert“, so der Dropbox-Manager. Selbst wenn es Hackern gelingen sollte, einzelne Dateifetzen abzufangen, könne niemand etwas damit anfangen. „Wir tun, was man nur kann, um maximale Sicherheit zu gewährleisten.“

Alle, die sich vor Übergriffen amerikanischer Geheimdienste fürchten, dürfte das allein freilich kaum beruhigen – denn Dropbox selbst besitzt einen Generalschlüssel, um Behörden bei Bedarf Einblick in die gesammelten Daten zu geben. „Wir unterliegen natürlich Gerichtsbarkeiten“, sagt Blüher. Das gelte für alle Länder, in denen Dropbox aktiv ist. „Dem können und wollen wir uns auch gar nicht entziehen. Es ist aber unsere Pflicht gegenüber jedem Kunden, egal ob er zahlt oder nicht, genau zu prüfen, ob gegebenenfalls Anfragen von Behörden gerechtfertigt sind.“ Welche Anfragen es gab und wie Dropbox reagiert hat, lege sein Unternehmen Jahr für Jahr in seinem Transparenzbericht offen.

Die beliebtesten Anwendungen für Cloud-Dienste in Unternehmen: alles rund ums Büro

Die größere Herausforderung liegt für das Unternehmen ohnehin darin, sich weiterhin erfolgreich gegen Giganten wie Apple, Google und Microsoft zu behaupten, die inzwischen eigene Cloud-Dienste gestartet haben. Oft sind diese Angebote für die etablierten Konzerne reine Zusatzgeschäfte, oder sie dienen dazu, Nutzer für andere Services zu gewinnen. Entsprechend kann Google es sich leisten, 15 Gigabyte an Cloud-Speicher kostenlos anzubieten; auch Microsoft lockt bei seinem OneDrive mit fünf Gigabyte gratis. „Wir stehen mit jedem Großkonzern auf der Welt in Konkurrenz“, klagte Dropbox-Mitgründer Drew Houston gegenüber dem US-Magazin Forbes. „Und alle werfen Brandbomben auf uns ab.

So martialisch will sein Deutschlandchef es nicht formulieren, aber auch Blüher räumt ein, dass Dropbox – einst Vorreiter seiner Branche – heute einer von vielen ist, die Cloud-Dienste anbieten. „Keiner behauptet, dass es leicht ist“, sagt er. Besonders bei Firmen, die womöglich seit Jahrzehnten mit Microsoft arbeiten, habe sein Team einiges an Überzeugungsarbeit vor sich. „Microsoft hat einen Vertrauensvorsprung, da müssen wir uns anstrengen“, räumt der Dropbox-Manager ein. „Aber dort, wo wir in den direkten Vergleich gehen, sehen wir gut aus.“

Mit neuen Funktionen, die über das Gewohnte hinausgehen, will Dropbox sich von Verfolgern abheben

Funktionen wie Paper sollen Dropbox künftig helfen, sich stärker von seinen Verfolgern zu unterscheiden: Die blitzschnelle Datensynchronisierung, derzeit noch im Beta-Stadium, macht es möglich, dass Teams in Echtzeit am selben Dokument arbeiten können, selbst wenn die Beteiligten sich über mehrere Kontinente verteilen.

Auch von Infinite verspricht Dropbox sich einen Wachstumsschub: War bisher automatisches Synchronisieren die große Stärke des Cloud-Pioniers, soll es künftig möglich sein, den eigenen Speicherplatz unbegrenzt zu erweitern, indem Nutzer ihre Daten in die Dropbox auslagern.

„Damit erweitern sich die Anwendungsmöglichkeiten gigantisch, gerade für Unternehmen“, argumentiert Blüher. Ganze Archive könnten in die Cloud ausgelagert werden, und Nutzer mit Laptops, deren SSD vor Daten überquillt, hätten plötzlich Speicherplatz ohne Ende. Wie viel die Funktion kosten soll, wenn sie in der zweiten Jahreshälfte startet, sei noch offen, sagt Blüher – aber keine Frage: „Der Markt ist noch lange nicht erschöpft.“ 

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