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Deutsche Firmen werden digitaler – aber fürchten sich auch davor

Michael Förtsch 09.03.2017

Die Welt wird digital, das ist auch in den großen deutschen Unternehmen angekommen. Viele arbeiten etwa mit Startups zusammen, fürchten sich aber trotzdem vor dem Fortschritt. Eine neue Studie beleuchtet die Hintergründe.

Das Thema Digitalisierung ist zwar in den Führungsetagen deutscher Unternehmen angekommen, wird aber nur halbherzig in die Tat umgesetzt. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie von Etventure, der Gesellschaft für Konsumforschung und YouGov USA. Die Autoren haben bei 294 etablierten Unternehmen in Deutschland und den Vereinigten Staaten nachgefragt, wie ihre Digitalisierungsstrategien und Zukunftsvorhaben aussehen.

Das Ergebnis: In nur jedem dritten größeren deutschen Unternehmen oder Konzern – laut Etventure jene mit Jahresumsätzen ab 250 Millionen Euro – fühlt sich die Geschäftsleitung selbst für die digitale Transformation verantwortlich. Nur bei der Hälfte der Firmen ist sie hierzulande überhaupt eines der Top-Drei-Themen im Haus. Und das obwohl die Digitalisierung nicht nur Arbeitsprozesse, sondern auch die bisherigen Hierarchien und Firmenkulturen verändert. US-Unternehmen sehen da eine weit größere Bedeutung, hier ist die Digitalisierung bei 66 Prozent eines der drei wichtigsten Themen.

Gleichzeitig arbeiten mehr als doppelt so viele deutsche Unternehmen mit Startups zusammen wie in den Vereinigten Staaten – rund 35 gegenüber 14 Prozent. Konkrete Beispiele nennt die Studie nicht, allerdings kooperiert die Deutsche Bahn etwa mit dem Reiseportal FromAtoB, die Deutsche Post hat StreetScooter gekauft, EON arbeitet mit Thermondo zusammen, die Deutsche Telekom mit FON sowie EnBW mit DZ-4 und Axel Springer investiert in Startups wie hy, KaufDa oder auFeminin.

Die Ziele solcher Kooperationen sind laut der Etventure-Studie vor allem „schnellere Innovationen“ und „Zugänge zu neuen Technologien“. 47 Prozent der befragten Unternehmen lagern demnach außerdem über Startups ihre Forschung und Entwicklung aus.

Nur knapp ein Drittel der hiesigen Firmen sehen sich laut der Untersuchung gut oder sehr gut auf die digitale Revolution vorbereitet. Im Gegenteil erachtet die Mehrheit sich als zu unflexibel und langsam oder attestiert sich selbst einen Hang zur „Verteidigung bestehender Strukturen“. Lediglich 42 Prozent beurteilen ihre Mitarbeiter als für den digitalen Wandel gerüstet. In jedem dritten Betrieb sei die Belegschaft verunsichert und jedes fünfte Unternehmen fürchte, dass es zu Entlassungen kommt, so die Studienautoren.

Die Digitalisierung macht deutschen Unternehmen also Angst, im Gegensatz zur Konkurrenz in den USA, wo 90 Prozent der Befragten an die Qualifikation ihrer Angestellten glauben und gerade wegen des technologischen Wandels auf zusätzliche Arbeitsplätze hoffen. Als eines der größten Hemmnisse bei der Digitalisierung sehen 63 Prozent der deutschen Konzerne – in den USA nur 14 Prozent – die „fehlende Erfahrung bei nutzerzentriertem Vorgehen“. Die deutschen Firmen fürchten also, nicht zu wissen, was ihre Kunden eigentlich von ihnen erwarten.

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