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Der Flixbus der Zukunft fährt elektrisch und autonom

Jürgen Stüber 13.02.2018

Flixbus hat alle Mitbewerber auf dem deutschen Markt verdrängt. Doch das ist erst der Anfang. Fünf Jahre nach dem Start spricht einer der drei Gründer über die Zukunft.

In diesen Tagen feiert Flixbus sein fünfjähriges Jubiläum. 2013 schickten die Gründer Jochen Engert, André Schwämmlein und Daniel Krauss ihren ersten Fernbus auf die Straße. Im vergangenen Jahr soll das Unternehmen bereits 40 Millionen Passagiere befördert haben. Wir haben mit Engert über autonome Busse, neue Produkte und die Wachstumsstrategie gesprochen.

Flixbus hat nur fünf Jahren gebraucht, um in Deutschland mehr als 90 Prozent Marktanteil zu erreichen. Was sind nun eure nächsten Ziele?

Wir haben in 26 Ländern Europa das größte Netz etabliert. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass wir auf unserer Reise noch sehr früh sind. Seit unserem Start sind hundert Millionen Flixbus-Nutzer mit uns gereist. Wir haben das Potenzial, hundert Millionen Menschen pro Jahr zu befördern.

Wie wollt ihr das erreichen?

Im deutschsprachigen Raum kommen im Frühjahr rund 140 neue Ziele dazu. Wir sind auch dabei, in die USA zu expandieren.

Welche Potenziale seht ihr dort?

Der Fernbus-Markt in den USA war in den letzten Jahren unterinnoviert, während sich die Mobilität und das Nutzerverhalten stark verändert haben. Ich denke an Elektromobilität und autonomes Fahren. Auch das Eigentum an Fahrzeugen verliert an Bedeutung. Trends wie Shared Mobility kommen Mobilitätsanbietern wie uns zugute.

Flixbus-Gründer Jochen Engert zieht im Interview Bilanz – und verrät, was für dieses Jahr geplant ist.

Fährt der Flixbus der Zukunft selbstständig und ohne Fahrer?

Ich sehe den autonomen Fernbus noch nicht an der nächsten Ecke stehen. Und der Fahrer ist weiterhin ein extrem wichtiger Markenbotschafter für uns. Er entscheidet darüber, wie der Kunde das Fahrerlebnis wahrnimmt. Doch wenn man den Fahrer am Lenkrad entlasten könnte, sodass er sich noch mehr den Kunden widmen kann, wäre das ein riesiger Fortschritt für uns und die mittlerweile rund 7.000 Fahrer, die für FlixBus unterwegs sind. Man kann sich durchaus die Frage stellen, ob man auf der Autobahn, wo die Fahrsituationen weniger komplex sind, einen Fahrer braucht oder ob der Bus da autonom fahren kann. Das ist ein sehr spannender nächster Schritt mit einem großen Potenzial für uns. Es ist durchaus vorstellbar, dass unsere Flotte in der Zukunft autonom fährt, allerdings wohl auf absehbare Zeit nicht komplett ohne Fernbus-Pilot.

Welche Bedeutung hat die Elektromobilität für Flixbus?

Bevor Fernbusse autonom fahren, werden wir mehr Innovation auf dem Gebiet der alternativen Antriebe sehen. Für den Nahverkehr gibt es ja schon elektrische Busse. Auf der Langstrecke wird der Hybridbus der nächste Schritt sein. Wir tauschen uns dazu regelmäßig mit den Busherstellern und unseren Buspartnern aus und sehen uns hier als Innovations-Treiber alternativer Antriebe. Alles, was hier an Fortschritt geschieht, wird der gesamten Mobilitätsbranche zuträglich sein und die Luftqualität der Städte verbessern.

Welchen Impact hat das für die Umwelt?

Der Fernbus ist schon heute ein extrem umweltfreundliches Verkehrsmittel. Eine Studie des Umweltbundesamts zeigt, dass Busse die beste Emissionsbilanz auf der Straße haben. Zehn Prozent unserer Kunden buchen klimaneutrale Fahrten. Damit könnte man 3.000 Mal klimaneutral um die Erde fahren. Daran zeigt sich die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Alternativen zum Auto. Wir hoffen, dass auch die Politik diese Entwicklung im Sinne der Nutzer und des Klimaschutzes fördert.

Passiert da denn auf Herstellerseite genug? Von den Berliner Verkehrsbetrieben hören wir, dass es noch keine einsatzfähigen Elektrobusse gibt.

Das würde ich total unterschreiben. In der Nahrungskette der Automobilhersteller steht der Pkw vorne, dann kommt der Lkw und hinten dran der Bus. Wir müssen den Herstellern weiterhin verdeutlichen, wie wichtig Innovation in diesem Bereich ist. Die deutschen Hersteller haben begriffen, dass sie da etwas machen müssen. In den USA gibt es Hersteller, die da ein Stück weiter sind. Wir würden gerne in nächster Zeit einen Pilottest machen. Da sind wir mit einigen Herstellern in einer sehr engen Diskussion.

Mit welchem Hersteller werdet ihr das machen?

Das steht noch nicht hundertprozentig fest. Wir haben zwei in der Auswahl, leider ist noch keiner der deutschen so weit.

Also Solaris aus Polen oder BYD aus China?

Es gibt in den USA ein junges Unternehmen, das sich mit Elektrobussen beschäftigt. Auch BYD ist da sehr weit. Wir schauen mal, wer das am besten hinkriegt.

Lass uns noch mal über eure Expansionspläne sprechen. Wollt ihr den US-Marktführer Greyhound vom Thron stoßen?

(lacht) Also herausfordern auf jeden Fall. Der Markt ist sehr reizvoll, weil viele Anbieter schon seit Ewigkeiten präsent sind und recht wenig Innovation beim Streckennetz, beim Geschäftsmodell und beim Marketing bieten. Deshalb werden wir eine riesige Chance haben. Wir sind viel mehr daten- und technologiegetrieben. Dieses Verständnis fehlt bei den US-Verkehrsunternehmen.

Anderes Thema: Seitdem ein tschechischer InvestorLocmore vor der Pleite gerettethat, kooperiert ihr mit dem Zug-Startup. Wie sehen eure Pläne für den Schienenverkehr aus?

Wir haben bis heute bereits über 100.000 Tickets für unser Zugangebot auf der Strecke Berlin–Stuttgart verkauft. Wir werden demnächst den Buchszeitraum bis Jahresende verlängern. Das ist die perfekte Ergänzung zu unserem Kernprodukt, vor allem weil intermodale Verbindungen immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Was macht ihr anders als der private Bahnanbieter Locomore, der mit diesem Angebot gescheitert ist?

Bei den anderen Anbietern hat es daran gekrankt, Volumen zu produzieren. Locomore hatte Schwierigkeiten, genug Bekanntheit und Reichweite zu bekommen. Wir schaffen das. Zeitgleich können wir die Strecken in ein bestehendes Netz integrieren und so Netzeffekte für die nötige Auslastung nutzen. Es ist spannend, das Ganze perspektivisch weiter auszubauen.

Welche Strategie verfolgt ihr in Sachen Profitabilität?

Wir sind schon seit 2016 im deutschsprachigen Raum profitabel. 2017 haben wir dieses Ziel auf globaler Ebene erreicht. . Unser Mindset ist, dass wir jeden Euro, den wir verdienen, wieder in weiteres Wachstum und in neue Projekte reinvestieren. Der Mobilitätsmarkt hat sich so dynamisch entwickelt. Wir stiften daher mehr Wert, wenn wir in neuen Märkten starten und neue Produkte ausprobieren und skalieren als das Unternehmen hart auf Profitabilität zu trimmen. Dafür ist es momentan nicht die richtige Phase.

Welche neuen Produkte bereitet ihr vor?

Ein Pilotprojekt zur Sitzplatzreservierung ist soeben gestartet. Wir wollen in unserer App vollständig das Feature des „Bus-Tracking“ implementieren. Unsere Kunden können dann genau sehen, wo sich ihr FlixBus aktuell befindet. Wir sind zudem in der finalen Testphase für ein Online-Entertainment-Programm, mit dem Fahrgäste Inhalte auf ihrem eigenen Device streamen können. Gemeinsam mit unseren mittelständischen Buspartnern werden wir eine digitale Charter-Plattform für Gruppenreisen aufbauen, die mehr als nur ein Ticket von A nach B bietet. Uns wird es sicher nicht langweilig.

Jochen, danke für das Gespräch.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene
Das Original lest ihr hier.