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Die nette Mahnung per Whatsapp: Das Startup CollectAI will das Inkassowesen verändern

Gründerszene 22.03.2016 Lesezeit 4 Min

Ein Hamburger Startup will offene Rechnungen eintreiben – ohne auf klassische Mahnungen zurückzugreifen. Auf den richtigen Ton kommt es den Gründern an.

Die Nachrichten, die das Startup CollectAI verschickt, hören sich ziemlich harmlos an: „Lieber Kunde, wir gehen davon aus, dass Sie unser Produkt inzwischen erhalten haben. Sind Sie damit zufrieden? Wir haben auch gemerkt, dass Sie die Rechnung noch nicht bezahlt haben. Sollte der Grund dafür sein, dass Sie etwas zu beanstanden haben, melden Sie sich bitte bei uns.“ Ungefähr so könnte der Text lauten.

Eigentlich handelt es sich dabei um eine Mahnung. Doch der Ton ist wohlwollend, und das hat einen Grund: Zahlungsaufforderungen sollen keine Angst machen und den Kunden verurteilen. CollectAI will auf diese Weise das Inkassowesen grundlegend verändern. Gründer Paul Jozefak erklärt das so: „Der Kunde ist König und bleibt das auch – auch wenn er einmal nicht bezahlt hat.“ Es gäbe immer einen Grund dafür, warum ein Kunde eine Rechnung nicht bezahlt und dieser sei oft sehr banal.

Daher wählt CollectAI neue Formen der Kundenansprache: Sie werden per SMS, Whatsapp, Email oder Anruf kontaktiert. Die Software, mit der das Startup arbeitet, soll außerdem lernfähig sein und langfristig identifizieren, welche Personengruppen besonders gut auf welchem Weg zu erreichen sind und welche Nachrichtentexte die beste Wirkung entfalten. Dafür arbeitet das Startup auch mit künstlicher Intelligenz.

Schlechte Erfahrungen mit einem Inkasso-Unternehmen
Angefangen hat alles mit einer eigenen, unschönen Erfahrung: Als Jozefak umzog, hatte er es versäumt, seinem Zahnarzt die neue Adresse mitzuteilen. Da er dort noch eine Rechnung zu begleichen hatte, schickte die Praxis mehrfach Briefe an die alte Adresse, die nicht ankamen. Es folgten Mahnungen, die er ebenfalls nicht erhielt. So lange, bis sich das Inkassobüro meldete – dann natürlich an die neuen Adresse.

Das Kernteam von CollectAI mit Paul Jozefak (hinten stehend) und Michael Backes daneben rechts.

„Es hat mich geärgert, ein einfacher Anruf bei mir hätte genügt, um die Sache zu klären. Doch die Praxis verließ sich auf die herkömmlichen Methoden“, erzählt Jozefak. Mit diesem Vorgehen kam der Arzt zwar zu seinem Geld, hatte am Ende aber nicht nur Zeit verspielt, sondern auch einen Kunden verloren. Denn der war wütend und wechselte den Arzt.

CollectAI sieht sich als Erweiterung von Kundendiensten. Besonders für kleinere Unternehmen ist es nicht rentabel, Personal einzustellen, das sich nur um unbezahlte Rechnungen kümmert. Das übernimmt ab sofort das Team von Jozefak. Das 14-köpfige Team von CollectAI sitzt in Hamburg und ist im September 2015 als Projekt von Liquid Labs, der Startup-Schmiede der Otto Group entstanden.

Zusammenarbeit mit RatePAY
Der Service startet im April mit dem Pilot-Kunden RatePAY, einer Tochter der Otto Gruppe. Das Unternehmen hat sich auf Zahlungsmethoden für Online-Händler spezialisiert und lässt mitteilen: „Durch den Einsatz von collectAI können wir das Forderungsmanagement optimal an unterschiedliche Zielgruppen anpassen“. Weitere Kunden sollen bald dazu kommen. Voraussichtlich werden kleinere Kunden eine monatliche Gebühr für die Leistung zahlen, größere Kunden zusätzlich einen Anteil der eingetriebenen Gelder abgeben.

Konkurrenten sind potentiell alle Unternehmen auf dem Inkassomarkt, sagt Jozefak. Kreditech-Gründer Sebastian Diemer baut mit Pair momentan einen ähnlichen Dienst auf. Auch das Schweizer Startup eCollect will mit dem selben Service Fuß fassen. CollectAI habe den Vorteil, vom Know-how der Otto Gruppe profitieren zu können. Der Konzern verfügt über eine eigene große Inkassoabteilung, mit der CollectAI seinen Dienst in enger Zusammenarbeit entwickelt habe.

Die Gründer sind sich sicher, mit ihrem Dienst die Rückzahlungsquote zu verbessern. Durch Automatisierung könne CollectAI den ganzen Prozess beschleunigen und effizienter machen. Rückschlüsse über die Steigerung der Zahlungsquote und erste Ergebnisse will er in drei bis sechs Monaten vorlegen. 

 

Dieser Artikel ist zuerst bei Gründerszene erschienen. Das Original findet ihr hier.