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CDU/CSU versuchen beim Digital-Kongress den Blick in die Zukunft

Frank Schmiechen, Gründerszene 10.03.2017

Beim Kongress der CDU/CSU versuchten die Parteien weit in die Zukunft und den digitalen Wandel zu blicken. Doch die Hausaufgaben blieben wieder mal unerledigt.

Es waren noch keine drei Minuten vergangen, da sprach Kanzleramtsminister Peter Altmaier schon von einem Pflegeroboter. Ja, es ging mit großen Schritten voran in die Zukunft auf dem Digital-Kongress der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. Die Diskutanten stellten sich unter anderem mit drei Hashtags vor. Crazy! Es war an diesem Abend eben alles enorm digital, hier im Zentrum der Macht.

Aber so mächtig, wie man denkt, sind Politiker offenbar gar nicht. „Die Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren, ist nicht existent“, sagte Thomas Jarzombek, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Digitale Agenda der CDU/CSU, mit Blick auf die deutsche Bürokratie und Verwaltung. Und dadurch ist es eben sehr viel einfacher, sich auf einem Kongress Gedanken zu „spannenden ethischen Fragen“ oder zu „viel Panik vor Datennutzung“ zu machen, als ein Einwohnermeldeamt auf digitale Technik umzustellen.

In den Panel-Diskussionen kamen so ziemlich alle bekannten Fragen in Sachen Arbeit der Zukunft, Künstliche Intelligenz oder neue digitale Geschäftsmodelle auf den Tisch. Zum Beispiel: Wie können wir in Deutschland dafür sorgen, dass Menschen, die durch die Digitalisierung ihren Job verlieren, schnell in die digitale Ökonomie eingegliedert werden?

Die Antwort auf diese zentrale Frage lieferte der Bitkom-Chef Dr. Bernhard Rohleder, der Mut machen wollte. Die Jobs in der Digital-Ökonomie würden dort entstehen, wo es die besten Köpfe gibt, sagte er. Noch sind die Weichen also zu stellen. Der Erfolg Deutschlands hängt laut Rohleder in großen Teilen davon ab, wie wir unseren Kindern beibringen, die digitale Zukunft zu gestalten. Sonst würden sich die Kraftzentren der zukünftigen Digitalwirtschaft in anderen Ländern bilden.

Ein großes Problem sahen die Diskutanten beim Umgang der Deutschen mit der Datenfrage. Im Publikum wurde mehrfach schwer geschluckt, als Georg Polzer von der Teralytics AG sagte: „Wir können mit Hilfe von Daten eine zufriedenere Gesellschaft schaffen.“ Das hat man hier wohl noch nicht so häufig gehört. Polzer und Jarzombek nutzten ihren Auftritt für flammende Aufrufe. Deutschland dürfe nicht länger auf die Vorteile von Datennutzung verzichten, nur weil es auch Missbrauch gäbe.

Polzer, der mit seiner Firma unter anderem Bewegungs-Daten für Telekommunikationsunternehmen analysiert: „Die Deutschen sind auf der einen Seite sehr kritisch, geben dann aber ihre Daten einfach weg.“ Jarzombek unterstützte ihn: „Wir machen nichts aus den Daten. Aus Angst.“ Ingrid-Helen Arnold von SAP sah das ähnlich: „Wir müssen jetzt den Weg in die Zukunft vorbereiten. Missbrauch wird es immer geben.“ Sie lebt mit ihrer Familie seit ein paar Monaten im Silicon Valley und erlebt dort, wie in US-Schulen mit Digitaltechnik umgegangen wird: „Deutsche Schulen sind digitalfrei. Wie können wir so den Kindern Verantwortung beibringen?“

Auf Veranstaltungen wie diesem Kongress der CDU/CSU kann man erleben, dass sich das Bewusstsein für Fragen der Digitalisierung in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Es ist sehr viel Know-How vorhanden. Alle Industriezweige in Deutschland sind dabei, sich um ihre digitale Zukunft zu kümmern. Auch die Politik treibt inzwischen das Thema und will sich um die Rahmenbedingungen kümmern.

Leider ist es ausgerechnet die Politik, die ihr Wissen und ihren Willen etwas zu tun, nicht richtig auf die Straße bringt. Wenn sie in dieser Entwicklung wirklich ernst genommen werden will, dann sollte sie in ihren Kernaufgaben mit großen Schritten vorangehen. Aber auch heute Morgen standen vor dem Standesamt in Berlin-Mitte wahrscheinlich lange Schlangen von Wartenden, weil es dort keine Online-Terminvereinbarung gibt. Das Meldewesen funktioniert in weiten Teilen wie in den 70er-Jahren.

Wie wäre es mit einer Plattform, die Kita-Plätze verlässlich, transparent und fair verteilt oder einer Steuererklärung, die man am Computer selber erstellen kann – und sie am Ende auch noch versteht? Wie wäre es mit einer datengetriebenen Vergabe und Planung von Studienplätzen? Wie wäre es mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die durch Datenanalyse dort sind, wo sie gerade gebraucht werden? Das ist natürlich alles nicht so sexy.  Aber wenn das in näherer Zukunft klappen würde, wären Politiker, die auf Digital-Kongressen Gedanken über den Einsatz von Pflegerobotern philosophieren, um einiges glaubwürdiger.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene.
Das Original lest ihr hier.

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