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Achtung, London! Berlins Startup-Szene ist bereit für den Goldrausch

James Temperton 31.03.2017

Der Brexit lässt Startups in der britischen Hauptstadt zittern. In der deutschen freut man sich hingegen heimlich, das vielleicht bald viele Gründer umziehen. London könnte der Berliner Szene genau den Schub geben, den sie braucht.

In einem Coworking-Space an der Friedrichstraße macht sich die Berliner Startup-Szene bereit für den Brexit. Der erste Standort von Mindspace in Deutschland, eröffnet im April 2016, liegt im Herzen des Stadtteils Mitte, umgeben von teuren Modegeschäften und Parfümerien. An den Wänden hängen handgeschriebene Schilder, die auf Englisch den Weg zur „yummy kitchen“ und den „awesome offices“ weisen. Es fühlt sich exakt so an wie die Startup-Szene in London – und das ist Absicht. Denn was London durch den Brexit verlieren könnte, hofft Berlin zu gewinnen.

Der Standort in Mitte war der erste von Mindspace außerhalb seiner Heimat Tel Aviv – und wird nicht mehr lange der einzige in Deutschland sein. Zwei weitere werden in den kommenden Monaten in der Haupstadt eröffnet (einer in Kreuzberg und ein zweiter in Mitte), Filialen in Hamburg und München werden gerade fertiggestellt. Bis Ende 2017 wird Mindspace damit insgesamt 19.000 Quadratmeter Bürofläche in Deutschland haben, 13.400 davon in Berlin. Auch der Rivale WeWork ist auf den Hype aufgesprungen und eröffnet seit 2015 Coworking-Spaces in Berlin.

Englisch ist die „Amtssprache“ im 4900-Quadratmeter-Coworking-Space von Mindspace in Berlin-Mitte

„Berlin findet langsam als Startup-Ökosystem Beachtung, speziell was die Tech-Szene angeht“, sagt Emilia Nijvenko, Community-Managerin für Mindspace in der Hauptstadt. Die „Amtssprache“ des Unternehmens sei Englisch, erklärt sie, das gelte etwa für alle Dokumente und die Posts in der geschlossenen Facebook-Gruppe. Der Coworking-Space versprüht prototypischen Silicon-Valley-Charme: Pseudo-Hipster-Uhren, abgewetzte Sessel, Sowjet-Ära-Fernseher und Werke lokaler Künstler nehmen fast jeden freien Zentimeter ein. Rund 760 Mitglieder zahlen zwischen 250 und 450 Euro im Monat für einen Platz, die zwei zusätzlichen Standorte werden die Kapazität in Berlin auf 2000 erhöhen. Das Geschäft blüht. „Die politischen Anreize zielen derzeit auf das Startup-Ökosystem“, sagt Nijvenko. „Berlin ist sehr kostengünstig, also ideal für Startups.“

Vor zehn Jahren war Berlin nicht mehr als ein kleiner Fleck auf der Technologie-Europakarte, heute ist es die Heimat von mehr als 2500 Startups. Im Jahr 2015 sammelten sie laut Ernst & Young 2,4 Milliarden Euro an Venture-Kapital ein, mehr als London oder Stockholm. Diesen Geldfluss versucht nicht nur Mindspace für sich zu nutzen. „Berlin wird stärker und stärker“, sagt Stefan Franzke, Geschäftsführer beim Investor Berlin Partner. „Alle mit denen ich gesprochen habe, hassen den Brexit, hassen Nationalismus. Berlin ist eine wirklich offene Stadt. Wir sind weltoffen, wir haben die verschiedensten Nationalitäten, wir lieben es, unterschiedliche Sprachen zu hören.“ 

Viel Talent verlässt Großbritannien. Und viel Talent aus Südeuropa und Polen fühlt sich dort nicht mehr erwünscht. In Berlin sind sie alle willkommen

Stefan Franzke, Geschäftsführer bei Berlin Partner

Wer Zeit mit Berliner Startups und Investoren verbringt, hört diesen Pitch immer wieder: Berlin ist etwas für alle. Laut Franzke sorgt die Unsicherheit um den Brexit auch unter Startups für Verwirrung: „Es gibt viel Abwarten. Wird es ein softer oder ein harter Brexit? Niemand weiß es. Viel Talent verlässt Großbritannien. Und viel Talent aus Südeuropa und Polen fühlt sich dort nicht mehr erwünscht. In Berlin sind sie alle willkommen.“

Trotz starker Steigerungen liegen die Mieten in Berlin noch immer weit unter denen anderer westeuropäischer Hauptstädte. Einzimmer-Apartments im Zentrum bekommt man für rund 700 Euro im Monat, in London ist es meist mehr als das Doppelte. 2015 stieg die Bevölkerung um 50.000 Menschen, bis 2019 soll diese Zahl auf 250.000 wachsen. Nach Jahrzehnten der Stagnation machen Arbeitskräfte aus ganz Europa Berlin zu ihrer Heimat. In Kreuzberg und Neukölln – wo viele dieser europäischen Migranten leben – sprechen französische Kellner in spanischen Restaurants auf Englisch mit polnischen Gästen.

„Ich bin in Berlin, wieso sprechen die nicht Deutsch mit mir?“, scherzt Asha-Maria Sharma, Direktorin für die Dienstleistungsindustrie bei Germany Trade and Invest, der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing. Man hört solche Sätze immer wieder, aber die meisten Berliner sind zufrieden damit. „Das Wachstum unserer Stadt ist ein großer Segen“, sagte Innensenator Andreas Geisel 2015 über den Bevölkerungsanstieg. Für Sharma bedeuten mehr Einwohner auch mehr Aufmerksamkeit aus dem Ausland. Eine ihrer Hauptaufgaben ist es, Deutschland gegenüber Investoren aus Übersee zu bewerben, und der Brexit, sagt sie, habe viele Firmen dazu gebracht, über einen Wechsel aus Großbritannien in die Bundesrepublik nachzudenken. „Es ist nicht viel, aber wir haben Interesse festgestellt. Wenn sie schnell reagieren müssen, brauchen sie einen Plan B“, sagt Sharma.

Der Brexit lässt uns zögern, in London etwas wirklich Großes aufzubauen

Julien Baladurage, Mitgründer von MBJ

Für Julien Baladurage, CEO und Mitgründer des Website-as-a-Service-Startups MBJ, hat die Unsicherheit über den Brexit ganz reale Konsequenzen. „Das lässt uns zögern, in London etwas wirklich Großes aufzubauen“, sagt er. Sein Unternehmen, 2011 in London gegründet, hat seinen Hauptsitz schon vor dem Brexit-Votum aus der britischen Hauptstadt nach Berlin verlegt. Als das Ergebnis des Referendums feststand, entschied Baladurage, als Vorsichtsmaßnahme noch mehr Mitarbeiter umzusiedeln. Doch manche Startups, sagt er, machten sich zu viele Sorgen über die Auswirkungen des Brexit. „Viele meiner Startup-Freunde in London neigen zum over-preparing.“ Dabei sei es schlauer, einen Plan A und einen Plan B zu haben. „Was, wenn unsere Leute in London in zwei Jahren nicht mehr bleiben dürfen? Das wäre das Worst-Case-Szenario“, sagt Baladurage.

Solange das Aufnahmegerät läuft, sprechen fast alle Interviewpartner vorsichtig von der Notwendigkeit eines „Plan B“. Aber später, nach ein oder zwei Hefeweizen, wird der Ton düsterer: Londons Startup-Szene, auf die Berlin immer mit Neid geblickt hat, kann angesichts des Brexit nur verlieren. Für Berlin hingegen, das lange im Schatten von Europas weiter entwickelten Startup-Städten stand, könnten die Gewinne riesig sein. Wie ein Entrepreneur es halb verzweifelt ausdrückt: Der Brexit ist eine „Katastrophe“ für London, aber eine enorme Chance für Berlin.

Am Rande des einstigen Niemandslandes zwischen Ost- und Westberlin steht die Factory, ein weiterer Coworking-Space in einer ehemaligen Brauerei, exemplarisch dafür, wie die Stadt sich verändert. Vor drei Jahren gegründet beherbergt der 12.000-Quadratmeter-Bau heute Firmen wie SoundCloud, Uber und bis vor Kurzem noch Twitter. Was als normaler Coworking-Space begann, hat sich gewandelt, von einer Ansammlung einzelner Büros zu weitläufigen Räumen voller Schreibtische, wo Menschen Schulter an Schulter arbeiten statt hinter Glaswänden. Rund 2000 Mitglieder zahlen 50 Euro im Monat für WLAN, unbegrenzten Kaffee, Meeting-Räume und die Möglichkeit, sich mit anderen Startups auszutauschen. Nackte Backsteinwände, gläserne Gruppenräume und nicht zusammenpassende Lampen bestimmen das Bild. In einem der Haupt-Coworking-Bereiche klammert ein Haufen Mittzwanziger sich an stickerübersähte MacBooks, Kopfhörer auf, Augen nach vorn. Am Tresen in der Ecke reden zwei Bärtige übers Geschäft, auf Englisch natürlich.

Der 2014 in einer ehemaligen Brauerei gegründete Coworking-Space Factory liegt am Rande des einstigen Niemandslandes zwischen Ost- und Westberlin

Als Initiative der Berliner Firmen JMES Investments und S&P Real Estate gestartet, hat die Factory heute eine Million-Euro-Partnerschaft mit Google for Entrepreneurs und lädt regelmäßig zu Talks von Größen aus dem Silicon Valley. Airbnb-Gründer Nathan Blecharczyk und der „Vater des Internets“, Vint Cerf, waren in den vergangenen Woche hier und sprachen vor rund 200 Menschen im absichtlich unordentlichen Keller-Auditorium der Factory. Neben den Startups zahlen etablierte Firmen 500 Euro oder mehr im Monat, um Zugang zur Berliner Kreativkultur zu bekommen. Die Deutsche Bank mit ihrem kleinen Büro im Erdgeschoss ist einer der Platzhirsche, die vom Buzz zu profitieren hoffen.

„Palo Alto war ein bisschen langweilig, Berlin ist superinteressant“, sagt Christian Georg Strobl, CEO des Software-Entwicklers Hackerbay, der früher in diesem Jahr aus dem Silicon Valley zurück nach Berlin kam und in die Factory zog. „Für uns war das ein kulturelles Ding. Google, Uber und Airbnb kaufen alle Talente auf (im Silicon Valley, Anm. d. Red.). Berlin hat diese Anziehungskraft für all diese jungen internationalen Talente“, sagt Strobl. Wenn man Mitgründer Niclas Rohrwacher glaubt, geht das Konzept der Factory auf. Das Unternehmen will bis ende 2017 profitabel werden und bald einen zweiten, größeren Standort in der Hauptstadt eröffnen, um die Nachfrage zu befriedigen.

Doch bei allem Hype muss Berlin seinen tatsächlichen Durchbruch erst noch schaffen. Der Quasi-Inkubator Rocket Internet ist vermutlich der größte Tech-Erfolg der Stadt. Doch die Freude ist getrübt: Als Rocket im Oktober 2014 an die deutsche Börse ging, wurde es mit 6,7 Milliarden Euro bewertet. Innerhalb von zwei Jahren fiel der Kurs der Aktienkurs um mehr als 50 Prozent. Nach einem Hoch von 56,60 Euro pro Aktie im November 2014 liegt der Preis zum Zeitpunkt dieses Artikels bei nur noch 15,48 Euro. Rockets Geschäftsmodell – Klone etablierter Startups zu launchen – hat sich als schwierig herausgestellt. Während Zalando heute einer der größten Versandhändler Europas ist, sind Dutzende andere Rocket-Startups gescheitert.

Wir ziehen Leute an, die sich wirklich mit Multikulturalismus identifizieren

Sylvain Lierre, Head of Brand bei Babbel

„Es ist nicht mehr so cool“, sagt Christian Hillemeyer, Director of Internal Communications beim Sprachlern-Startup Babbel. Früher arbeitete er für Payleven, die Rocket-Kopie des Mobile-Payment Startups Square aus San Francisco. „Wenn du über Startups in Berlin sprichst, musst du über Rocket Internet sprechen. Auf ihnen lag lange der Fokus des Marktes.“ Nun ändert sich dieser Fokus. Rocket und Babbel, beide 2007 gegründet, sehen sich umringt von einer immer lebhafteren Startup-Community – und mit dem Buzz, so die Theorie, kommen die Ideen. „Babbel gibt es schon länger, aber wir sind ein Business, keine Copycat“, sagt Hillemeyer halb im Scherz. „Es sind auch innovativere Geschäftsmodelle nach Berlin gekommen. Das ist der Wandel, den ich sehe – wir haben heute eine sehr gesunde Startup-Szene.

Babbel ist ein gutes Beispiel dafür, wie Startups in Berlin funktionieren. Das Wachstum war bewusst langsam, angetrieben von kleinen Finanzierungsrunden und dem Glauben, dass man ein funktionierendes Geschäftsmodell braucht, bevor man expandiert. Bis heute hat die zehn Jahre alte Firma32 Millionen Euro eingesammelt. Sie beschäftigt 450 Menschen aus 39 Ländern, an Standorten in Berlin und New York. „Wir ziehen Leute an, die sich wirklich mit Multikulturalismus identifizieren“, sagt Sylvain Lierre, Head of Brand des Startups. „Das ist ein Berlin-Ding, aber auch ein Babbel-Ding.“

Aber damit Berlins Startup-Wirtschaft wirklich abhebt, müssen die Firmen wachsen und bleiben. Factory-Mitgründer Rohrwacher spricht davon, ein „Alumni-Netzwerk“ aus erfolgreichen Berliner Startups zu schaffen, das dem Ökosystem beim Wachsen hilft, Neulinge betreut und Early-Stage-Investments macht. Ein Prozess, der Zeit brauchen wird – doch wenn die Realitäten des Brexit sich verfestigen, könnte London Berlin genau den Schub geben, den es braucht.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED UK.
Das Original lest ihr hier.

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