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Die nächste Revolution im Online-Shopping könnte aus Berlin kommen

Karsten Lemm 10.10.2017 Lesezeit 12 Min

Gleich drei radikale Neuerungen verspricht Wysker: Produkte finden in Höchstgeschwindigkeit, Kontrolle über die eigenen Nutzerdaten behalten und Rabattpunkte per Blockchain sammeln – die kryptische Technologie, die auch noch helfen soll, das Startup zu finanzieren. Ist die Digitalwelt reif für so viel Ungewohntes auf einem Fleck?

Mit dem Daumen auf dem Display zappt sich Tobias Haag durch das Produkte-Paradies im Internet. Schneller, immer schneller. Die Auswahl ist unerschöpflich, die eigene Zeit begrenzt – deshalb kann seine App auf bis zu 30 Bilder pro Sekunde beschleunigen. Er muss nur den Daumen hochziehen, schon rasen die Bilder vorbei, schneller als im Film. Bilder von Rucksäcken, Jacken oder Sneakers. Gefällt ihm, was er sieht, verlangsamt er seine Bewegungen, schaut genauer hin. Sonst: Wisch und weg, nach links oder rechts, ähnlich wie bei Tinder.

Das ist Wysker, die Shopping-App, die Haag, ein ehemaliger Google-Marketingmanager, und seine Mitgründer gebaut haben. Wysker soll ein Versuch sein, den planlosen Einkaufsbummel aus dem Einkaufszentrum in die virtuelle Welt zu übertragen. „Ein Schaufenster habe ich in Millisekunden erkannt“, erklärt Haag. „Ist es interessant, bleibe ich stehen. Es funktioniert, wenn die Produkte zusammenpassen.“

Aus mehr als 350 Online-Shops haben die Wysker-Macher Produkte zusammengesucht, gut 40.000 sind dabei zusammengekommen, die in der App gebündelt werden – immer so, dass Ähnliches im selben Stream auftaucht: braune Schuhe zusammen mit anderen braunen Schuhen, schrille Sonnenbrillen mit schrillen Sonnenbrillen, dunkle Hoodies (im Kanal „Cute Alternative“) gebündelt mit anderen dunklen Hoodies.

„So kann ich riesige Sets entdecken“, erklärt Haag. „Die Erfahrung ist einzigartig.“ Natürlich: Es gibt Amazon, Zalando und viele andere Online-Shops mehr. Aber bei denen, glauben die Wysker-Gründer, stehe Suchen vor Entdecken: „Wenn man weiß, was man will, kriegt man alles“, sagt Haag. „Weiß man es nicht, ist es noch mühsam.“ Auf der anderen Seite gibt es Tumblr, Instagram und Pinterest: Perfekt zum Stöbern und Inspirierenlassen – aber die Verbindung zwischen Klick und Warenkorb habe bisher niemand vernünftig hinbekommen. „Wenn ich bei Instagram etwas Schönes sehe, ist das total frustrierend“, klagt Haag. „Das Kauferlebnis ist brüchig.“

Das Gründerteam: Tobias Haag (links) mit seiner Schwester Ann-Lauriene Haag und Kai Jäger in Berlin Mitte

Auftritt: Wysker. Der Name – abgeleitet von whisker, den Schnurrbarthaaren der Katze – soll das Herumstreifen im Netz signalisieren. Und wer in der Wysker-App etwas entdeckt, das interessant aussieht, landet mit einem Fingertippen beim dazugehörigen Online-Shop, der das Produkt anbietet. Wysker selbst zeigt nur Fotos, Preise und Anbieter, mehr nicht. „Wir haben keine Produktinformationen“, sagt Haag. „Das ist die absolute Reduktion des Einkaufens!“

Er sagt es triumphierend, mit einem Ausrufezeichen, wie fast alles, was er sagt. Haag, 34, versteckt sein blondes, wuseliges Haar gern unter einer schwarzen Baseballkappe und ist der Motor im Team – energiegeladen, aufgekratzt, kaum zu stoppen in seinem Enthusiasmus für die eigenen Einfälle. Im übertragenen Sinne auf dem Boden hält ihn seine vier Jahre jüngere Schwester Ann-Lauriene Haag, eine promovierte Physikerin, die sich 2015 mit dem Bruder zusammentat, um 1K Ventures zu gründen: „Wir wollten 1000 Firmen ganz schnell bauen und sehen, was funktioniert“, erzählt Tobias Haag, der sich vorzugsweise Tobi nennt.

Gleich die erste Idee, ein neuartiger Browser für die schnelle Bildersuche, gefiel dem ehemaligen Microsoft-Topentwickler Kai Jäger so gut, dass er als dritter Mitgründer einstieg, um aus dem Browser mehr zu machen als eine Spielerei: Wysker eben, eine Shopping-App, die ganz anders sein will als alle anderen.

Normalerweise würden Gründer versuchen, bei einer Shopping-App mit „referral payments“ Geld zu verdienen: einer kleinen Prämie, die Online-Händler zahlen, wann immer ein Kunde durch einen Link ins Haus kommt. Doch Haag und seinen Mitstreitern ist das zu klein, zu simpel, zu einfallslos. Sie haben sich etwas anderes ausgedacht – ein Verdienstmodell, das komplex ist, aber eine kleine Revolution verspricht: Läuft alles wie geplant, könnte Wysker nicht nur seine Gründer reich machen, sondern auch Nutzer für jede Minute Stöbern in der App belohnen und gleich noch die Werbeindustrie auf den Kopf stellen.

„Normale Markenwerbung hat hohe Streuverluste“, sagt Haag. Wer eine Anzeige schaltet, weiß nie genau, wie viele Leute sie gesehen haben oder wer sich tatsächlich interessiert – bis jemand klickt. Und selbst dann ist nicht klar, wer da klickt. Es sei denn, Nutzer sind bei Google oder Facebook angemeldet, während sie surfen; dann wissen Google und Facebook Bescheid, wer sich wofür begeistert. Genau das macht sie so profitabel.

Das Wysker-Modell: Fürs Surfen werden Nutzer mit Tokens belohnt, die sie bei Händlern einlösen können. Wer mag, kann durch gezielte Werbung zusätzlich Bonuspunkte sammeln.

Wie wäre es nun, Nutzer selber entscheiden zu lassen, wer ihre Daten einsehen darf? Und sie dafür zu belohnen, wenn sie bereit sind, das Wissen über ihre Konsumvorlieben zu teilen? Die Idee ist nicht ganz neu. Das Berliner Startup DataWallet hat Ähnliches bereits probiert, und in den USA versucht Steemit, ein soziales Netzwerk aufzubauen, bei dem User ihre Daten zu Geld machen können.

Doch nirgends ist die Verbindung zum Kaufinteresse so direkt wie bei Wysker. Jeder Nutzer der App, die im Dezember zum Download bereitstehen soll, erhält Bonuspunkte – so genannte Wys-Tokens – für seine Bereitschaft, per Wysker auf Produktsuche zu gehen. Je intensiver, um so mehr Tokens sammeln sich mit der Zeit an. Eifrige User könnten dann Tokens bei Händlern einlösen, die Wysker-Partner werden, und sie könnten zusätzlich Tokens verdienen, indem sie erlauben, dass Marken ihnen ganz gezielt Werbung präsentieren. Die App soll dazu zwei getrennte Kanäle bekommen: einen zum allgemeinen Herumstöbern und einen zweiten, in dem Werbekunden den Nutzern Produkte zeigen, die sie interessieren könnten.

Geld aus der Blockchain soll die junge Firma finanzieren

„Es ist eine Anzeige, aber sie zerstört nicht die Experience“, erklärt Haag. Der einzigartige Wert dabei, so hoffen die Wysker-Gründer, ist das Wissen über Kaufinteressen, das Nutzer bereit sind zu teilen. Damit könnten Marken direkt auf potenzielle Käufer zugehen und sie bei Bedarf auch mit Rabatten locken. „Wenn Leute so nah am Kauf sind“, sagt Haag, „kann man ruhig mal 20 Prozent geben.“

Die Tokens – nun wird es etwas kompliziert – basieren auf der Blockchain-Technologie und sind an die Kryptowährung Ethereum gekoppelt, die zweitpopulärste, gleich nach Bitcoin. 18.123 Wys-Token entsprechen einer Ether-Münze, die derzeit gut 260 Euro wert ist. Aber der Wechselkurs zwischen Token und Ether ist nicht festgelegt. „Wenn die App gut ankommt, erwarten wir einen signifikanten Anstieg des Werts“, sagt Haag. Wenn nicht, kann auch alles verpuffen.

So wird es für Nutzer attraktiv, Wysker populär zu machen. Der Wert ihrer Bonuspunkte steigt mit der Beliebtheit der App. Wer früh dabei ist, soll ein paar Tokens gratis zur Belohnung erhalten und darf hoffen, ein Schnäppchen zu machen. Wer abwartet, muss fürchten, dass der Preis der Tokens in die Höhe klettert, je mehr Menschen Wysker kennenlernen. Denn die Zahl der Tokens ist begrenzt, und damit steigt bei wachsender Nachfrage auch automatisch ihr Wert.

Große Pläne: die Wysker-Gründer auf der Dachterrasse in Berlin

Das gleiche Konzept hilft den Gründern dabei, Geld zu sammeln: Am 2. Oktober um 20 Uhr deutscher Zeit fing Wysker an, Tokens zu verkaufen – nicht als Firmenanteile, sondern für die spätere Nutzung in der App. Sollte der Wert tatsächlich dramatisch steigen, wären 18.123 Wys-Tokens für rund 260 Euro ein echter Deal, zumal Käufer bis zum 31. Oktober einen Frühstarter-Bonus von 30 Prozent erhalten. Nutzer, die an den Erfolg von Wysker glauben, könnten dadurch „Rabatte im Voraus kaufen“, erklärt Haag, und Anzeigenkunden hätten die Chance, sich billig einen Zugang zu Kunden von morgen zu erkaufen. „Es kann sein, dass aus 50.000 Tokens ein Werbebudget von 50 Millionen Euro wird.“

Garantien gibt es nicht. Wer einsteigt, schließt eine Wette auf die Zukunft ab

Natürlich: Garantien gibt es keine. Alles ist Spekulation. Wie üblich, wenn es um Startups geht, und umso mehr, als Wysker auf diese Weise gleich noch den ersten deutschen ICO hinlegen will: Die Abkürzung steht für Initial Coin Offering, angelehnt an IPO, den englischen Begriff für einen Börsengang. ICOs sind umstritten, China hat sie gerade verboten, viele Beobachter befürchten, dass hinter dem enormen Wertgewinn von Bitcoin, Ethereum und anderen Kryptowährungen nicht mehr steht als die Gier auf schnelle Gewinne – eine Spekulationsblase, die irgendwann platzen muss. Andere, die in der Blockchain die Zukunft sehen, glauben fest an bleibende Werte.

Für die Wysker-Gründer ist die neuartige Technologie vor allem ein Mittel zum Zweck. Die Blockchain schafft Transparenz, sie hilft dabei, Nutzer zu belohnen, und dient obendrein als eine Art Crowdfunding mit neuen Mitteln: Statt Geld bei Risiko-Investoren zu sammeln, die zeitraubend von dem ungewöhnlichen Konzept überzeugt werden müssten, gehen die Möchtegern-Revoluzzer lieber direkt auf künftige Nutzer zu. Dass alles dabei seine deutsche Ordnung hat, soll eine Prüfung des ICO-Modells durch KPMG garantieren. „Wir haben mehr als das Nötige gemacht, um uns abzusichern“, beteuert Haag.

Die erste Woche: Nervenaufreibender Start, 200.000 Dollar Einnahmen

Der Start in das neue Zeitalter der Firmenfinanzierung verlief nervenaufreibend, wie sich das gehört. Ein exklusives Vorab-Interview, das die Wysker-Gründer der FAZ gewährten, brachte ihnen die Schlagzeile ein: „Diese Idee ist radikaler, als Google und Facebook je waren.“ Eine Handvoll Berichte im Netz, die den Artikel aufgriffen, erzeugten genügend Aufmerksamkeit, um Tausende von Blockchain-Fans neugierig zu machen. In letzter Sekunde mussten die Gründer den Countdown allerdings stoppen und den Beginn ihres Token-Vorverkaufs um 24 Stunden verschieben. „Alles, was man in die Blockchain stellt, ist unveränderlich. Fehler sind für immer da“, erklärt Kai Jäger. „Deshalb wollten wir absolut sicher sein, dass alles klappt.“

Am Montagabend, 2. Oktober, um kurz nach 20 Uhr konnten sie dann zusehen, wie die ersten Tokens tatsächlich Käufer fanden. Beinahe im Minutentakt verwandelten sich vage Hoffnungen, dass aus Wysker etwas werden könnte, in die Bestätigung, dass es da draußen tatsächlich Menschen gibt, die bereit sind, echtes Geld auszugeben, um eine Wette auf eine gemeinsame glorreiche Zukunft abzuschließen. „Es ist weitgehend anonym“, sagt Jäger. Aber die vielen kleinen Beträge von 15,65 Dollar hier und 113,31 Dollar da wiesen darauf hin, dass „die Leute, die jetzt mitmachen, größtenteils nicht die Experten sind“.

Gleich in der ersten Woche sammelten die Wysker-Gründer den Gegenwert von mehr als 200.000 Dollar ein – noch weit entfernt von den 25 Millionen Euro, die der ICO im Idealfall einbringen soll. Aber doch genug, um ihnen Gewissheit zu geben, dass ihre Idee kein reines Luftschloss ist. „Wir wissen jetzt, dass es Substanz hat“, sagt Jäger, und Tobi Haag ergänzt: „Der Ansturm ist enorm.“ Plötzlich wird er zu Kongressen eingeladen, das Fernsehen schaut vorbei, die Inbox quillt über vor lauter E-Mails. Manche Absender wollen wissen, wie sie investieren können, andere bewerben sich für Jobs. Ein Abiturient hat vorsorglich schon mal angefragt, ob er wohl im nächsten Frühjahr ein Praktikum bei Wysker machen könnte.

Marketing-Chef Etienne Kiefer im provisorischen Büro in Berlin Mitte – dem Haus von Tobias Haag und seiner Frau

Doch erstmal braucht das Team ein echtes Büro, ganz dringend sogar. Im Augenblick sitzen die Gründer vorwiegend in der Wohnung von Haag und seiner Frau Lisa zusammen – ein Penthouse in einem Hinterhof in Berlin Mitte. Oben, im dritten Stock, steht ein langer Holztisch, auf dem sich Kabel und Laptops drängeln. An der Wand hängt der Fahrplan für die nächsten Schritte zur App-Entwicklung und zum Einbinden der Tokens. Von unten kommt immer mal wieder das Geschrei kleiner Kinder: Haags Sohn ist zwei Jahre alt, die Tochter gerade acht Monate. „Die kam dazwischen“, sagt der Papa. So sehr er sich freut, wie weit Wysker es gebracht hat – etwas Ruhe täte mal wieder gut, deshalb braucht die Firma ihr eigenes Zuhause.

An Geld für die Miete, für das Einstellen neuer Leute, für die Weiterentwicklung der App sollte es mit etwas Glück nicht mangeln. „Das war jetzt nur der erste Schwung“, sagt Haag zuversichtlich. „Wenn wir auch die Experten begeistern, gibt es noch mal einen richtigen Schub.“ Dazu kommt, dass die meisten Anfragen bisher aus Deutschland stammen, genau wie die Besucher der Website. „Wir sind noch gar nicht international angekommen“, glaubt Kai Jäger.

Dennoch hatten sie bisher geplant, mit der App zunächst in den USA zu starten, weil der amerikanische Markt „erfahrungsgemäß aufgeschlossener gegenüber solchen neuen Modellen ist“. Angesichts der Begeisterung hierzulande könnte es nun sein, dass Wysker sich doch zunächst an europäische Nutzer wendet. Für die Entwicklung der App und die Auswahl der Produkte würde das keinen großen Unterschied machen. „Aber das ist noch nicht zu Ende gedacht“, sagt Jäger.

Der ultimative Traum: Es bis zum Times Square schaffen

Sie werden an vielen Schrauben drehen müssen in den nächsten Wochen, um den Schwung, den Wysker gerade aufnimmt, in ein erfolgreiches Geschäftsmodell umzusetzen. Ganz vorn steht die Aufgabe, das Konzept der App deutlicher zu machen. „Wir merken: Der Speed-Aspekt begeistert, aber er polarisiert auch“, sagt Haag. „Vielen ist es zu schnell, das ist der größte Kritikpunkt. Wir müssen besser erklären, dass es auch langsam geht.“

Nur sie selbst dürfen sich keine Pause gönnen. Wer „dreimal neu und dreimal radikal anders“ sein will, muss auch dreimal so viel Energie aufbringen, um die Welt von sich zu überzeugen. Aber wenn es gelingt, soll irgendwann einmal der Erfolg für alle sichtbar von einem Billboard leuchten, im Herzen von New York, wo Millionen Menschen vorbeikommen. „Ich träume davon, dass Wysker eines Tages auf dem Times Square läuft“, sagt Haag, „zwischen Werbung für Cup Noodles und Coca-Cola.“ Er lacht vergnügt. „Dann würde ich mich da hinsetzen und einfach nur zugucken.“

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