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Blockchain: „Spekulative Blasen sind extrem wichtig“

Christina Kyriasoglou / Gründerszene 06.03.2018 Lesezeit 8 Min

Krypto, Blockchain und ICOs – der New Yorker Investor Union Square Ventures ist bei dem Trend ganz vorn mit dabei. Warum erklärt Partner Albert Wenger im Gespräch.

Er ist ein VC, der massiv auf Krypto setzt: Albert Wenger vom renommierten New Yorker Risikokapitalgeber Union Square Ventures. Der Investor, der an deutschen Startups wie Clue, Onefootball oder SoundCloud beteiligt ist, hat in den vergangenen Jahren in zahlreiche Unternehmen investiert, die die Blockchain-Technologie voranbringen wollen. Darunter finden sich die boomende Handelsbörse für Kryptowährungen Coinbase oder Blockstack, das ein alternatives Internet bauen will.

Im Gespräch erklärt Albert Wenger, warum Union Square an die Blockchain-Technologie glaubt, obwohl er manche ICOs als Schwindel sieht.

Kryptoexperte und Partner bei Union Square Ventures, Albert Wenger

Albert, wie bewertest Du Blockchain?

Blockchain ist eine extrem wichtige neue Technologie. Sie ermöglicht es uns, Datenbanken zu betreiben, die niemandem gehören, die also keine Organisation ausnutzen kann. Das gab es vorher nicht: Bisher betreiben Staaten oder Konzerne Datenbanken. Facebook beispielsweise ist nichts anderes als eine Datenbank unserer Persönlichkeiten und das Unternehmen kontrolliert, wer darauf zugreifen kann. Allein die Fähigkeit, die Datenbank zu betreiben, macht Facebook 500 Milliarden Dollar wert.

Was bedeutet es für uns ökonomisch, wenn sich das alles ändert?

Wir waren immer sehr skeptisch, in Geschäfte zu investieren, die auf zentralisierten Systemen aufbauen. Wenn Du von Facebook abhängig bist, kann Mark Zuckerberg Dir über Nacht den Saft abdrehen. Wenn es uns aber gelingt, dezentrale Alternativen zu schaffen, bedeutet es, dass Facebook weniger Macht über das bestehende System hat. Und es kann Innovation geben, die sich frei entfaltet.

Als Investor wollt ihr Geld verdienen. Im Bereich Blockchain sind aber viele Entwicklungen Open Source. Wie passt das zusammen?

Wenn großer gesellschaftlicher Wert geschaffen wird, dann ist es möglich, einen kleinen Anteil davon als Belohnung für die Leute, die die Systeme kreieren, zu schaffen. Und das kann auch eine Belohnung für die sein, die das Anfangskapital zur Verfügung gestellt haben. Etwas, was wir als Firma gut gemacht haben, ist, dass wir unsere Fonds ziemlich klein gehalten haben. Dadurch müssen wir uns nun nicht eine massive Wertgewinnung aneignen. Wenn wir einen kleinen Teil daran bekommen, ist es genug, um für unsere Investoren ihren Return zu erzeugen.

Die Investments in Kryptostartups von USV und Andreessen Horowitz bis zum letzten Jahr

In welchem Zeitraum kann Blockchain denn bestehende Systeme ablösen?

Das muss über mehrere Generationen passieren, sehr viel muss sich umstellen. Ich kann mich genau entsinnen, wie ich 1993 das erste Mal das Internet benutzte. Ich war im MIT-Lab und sollte eigentlich meine Statistikhausaufgabe machen. Neben mir saß jemand, der immer wieder geklickt und etwas angeschaut hat. Ich habe ihn gefragt, was er da macht, und er sagte: „Ich surfe das Web! Du hast an deinem Arbeitsplatz ein Programm, das heißt Mosaic. Probier das mal aus.“ Das habe ich dann zwei Stunden lang statt Statistik gemacht. Als ich an dem Abend nach Hause gelaufen bin, dachte ich: „Zeitungen sind morgen futsch!“ Schließlich kann da jeder etwas veröffentlichen, ohne um Erlaubnis zu bitten. Aber von da an hat es noch 20 Jahre gedauert, bis es den Zeitungen wirklich schlecht ging. Genauso ist es jetzt: Blockchain wird kein Problem für Facebook im nächsten Jahr sein, aber vielleicht eines in zehn oder in zwanzig Jahren. Wir sind in der totalen Frühphase.

Aber Du glaubst daran, dass sich die Technologie durchsetzen kann?

Ich glaube, dass wir als Menschheit über einen langen Zeitraum hinweg Entwicklungen positiv ausnutzen können. Wir verwenden Feuer heute Gott sei Dank häufiger zum Kochen, als um Kriege zu führen. Ich denke, dass wir Blockchain nutzen werden, um Systeme wie die Self Sovereign Identity zu bauen, wo Menschen ihre eigene digitale Identität gehört. Aber sicherlich wird es auch Arten der Nutzung geben, die negativ sind, wie im Bereich Schwarzgeld oder Bestechung.

Was können wir dagegen tun?

Wir brauchen einen Dialog darüber, was die Werte sind, mit der wir diese Technologie verwenden wollen. Ein Grund dafür, dass ich in den USA lebe, ist, dass man in Europa immer das Gefühl hat, man müsse die Wertediskussion bis zu Ende geführt haben, bevor man etwas Neues baut. Ich glaube, dass wir anfangen müssen, neue Dinge zu bauen und parallel dazu die Diskussion führen sollten. Sonst weiß man ja auch gar nicht, worüber man genau spricht: Man muss sehen, wie Menschen eine Technologie verwenden.

Aber wie gesagt, wir sind in der Frühphase der Technologie. Wir haben heute noch nicht einmal skalierbare Blockchain-Systeme. Als das Spiel Cryptokitties zum Beispiel im Dezember herauskam, hat es in kurzer Zeit 25 Prozent der Ethereum-Blockchain okkupiert.

Wie beurteilst du die Unsicherheiten der Technologie?

Es wird einfach noch die nächsten Jahre dauern, bis wir großflächig eine stabile Blockchain-Infrastruktur haben. Und bis dahin wird es auch schwierige Vorfälle geben wie eingefrorenes Geld oder Hacks.

Union Square Ventures hat in einige Kryptostartups investiert. Nach dem, was Du sagst, scheinen das langfristige Investments in einen sehr neuen Bereich zu sein. Setzt ihr schon zu viel auf Krypto?

Nein, wir haben meines Erachtens genau die richtige Balance. Wir sind aktiv und tätigen Investitionen in ganz verschiedenen und auch traditionellen Bereichen. Wir sind absolut überzeugt davon, dass Blockchain eine unglaubliche Gelegenheit über Jahrzehnte hinweg ist, aber genauso können das traditionellere, zentralisierte Systeme noch sein und wichtige Aufgaben erfüllen.

Was ist da die Idealvorstellung für die Entwicklung Eures Portfolios?

Dass wir Fortschritt in diesen Projekten sehen. Es gibt im Blockchain-Bereich sehr viele Startups, die sehr gute Ideen haben. Jetzt müssen wir von diesen Ideen zu implementierten Systemen kommen und beobachten, ob die auch wachsen können. Wir haben also noch viel zu tun. Nicht nur bei uns – überall möchte ich mehr Systeme sehen, die im echten Betrieb sind und größer werden. Das sollte das Ziel für die nächsten Jahre sein.

Wie siehst Du die deutsche Kryptoszene im internationalen Vergleich?

In allen großen Städten in der Welt passieren da spannende Dinge, ob in Berlin, Shanghai, New York oder Singapur. Die Idee, dass San Francisco und das Silicon Valley hier eine Monopolstellung haben, ist sicherlich nicht wahr.

Hast du auch Kryptowährungen?

Ja.

Seit wann?

Oh, seit langer Zeit. Ich habe relativ früh in einen Miner investiert.

Lucky you.

Ja, absolut, lucky me (lacht). Aber es gibt ja so Bitcoin-Milliardäre, da bin ich mit Sicherheit nicht drunter. Ich bin eine ganz kleine Nummer in dem Bereich. Aus der eigenen Erfahrung mit der Dotcom-Blase bin ich jemand, der jetzt ganz viel verkauft hat. Ich glaube, dass es hier eine Reihe von Korrekturen geben wird und neue Möglichkeiten, zu investieren. Und dann möchte ich lieber jemand sein, der dem Markt Liquidität zur Verfügung stellt anstatt jemand, der sie aus dem Markt ziehen muss.

Du rechnest also damit, das viel nicht funktionieren wird?

Ja. Aber solche spekulativen Blasen sind extrem wichtig. Wir wissen jetzt nicht, was gelingen wird. Deswegen müssen wir Tausende neue Projekte anfangen. Über zehn oder zwanzig Jahre wird es vielleicht ein Dutzend geben, die wirklich wichtig sind. Kleine Unterschiede können langfristig eine große Auswirkung haben. Es gab zum Beispiel so viele soziale Netzwerke vor Facebook. Und jetzt ist durchaus möglich, dass die erfolgreichste Blockchain noch gar nicht erfunden worden ist.

Einige ICOs sind zwielichtig zu bewerten. Was würdest Du privaten Investoren raten – kann man das als Laie überhaupt erkennen?

Gute von schlechten ICOs kann man nur unterscheiden, wenn man viel Zeit in dem Bereich verbringt, die Menschen hinter den Projekten kennenlernt und die Technologie versteht. Als neuer Investor, der in den Sektor kommt, muss man sehr vorsichtig sein. Es gibt eine Vielzahl an Projekten, die sehr geringe Erfolgsaussichten haben und manche, die von vornherein absoluter Schwindel sind.

Sollte stärker reguliert werden?

Es ist wichtig, dass Regulatoren nicht überreagieren und das Kind mit dem Bade ausschütten. Die Schwierigkeit für sie ist, dass sie bestehende Gesetze auf ein neues Phänomen anwenden müssen. Aber die bestehenden Gesetze sind oft sehr alt. In den USA stammt die Wertpapierregelung beispielsweise aus den 40er Jahren und kam als Folge der Great Depression. Tokens haben Aspekte einer Währung und Aspekte eines Wertpapiers, aber sie sind eben nicht genau dasselbe. Deshalb brauchen wir hier eine neu geschaffene Gesetzgebung. Und sie sollte international sein, denn länderspezifische wäre schlecht für das Wachstum der Systeme.

Danke für das Gespräch, Albert.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene
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