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Der Bitcoin macht nicht mehr, was er einmal sollte

Tom Simonite 13.12.2017 Lesezeit 5 Min

Von 1000 US-Dollar auf 17.000 seit Januar. Der Bitcoin-Kurs ist nicht aufzuhalten. Neben dem Wert der Währung sind aber auch deren Transaktionskosten gestiegen. Das liegt an den festen Strukturen des Bitcoin. Die könnten der Kryptowährung zum Verhängnis werden.

„To he moon!“ Diesen Satz sagen Bitcoin-Fans, wenn es um den steigenden Kurs der Kryptowährung in den letzten Wochen und Monaten geht. Doch neben Krypto-Millionären hat der Bitcoin durch die wachsende Beliebtheit eine Schwäche seiner Technologie zutage gebracht, die ihm langfristig eher schaden als nützen könnte.

Bitcoin war ein Geschenk von Satoshi Nakamoto an die Welt. Nakamoto ist der Name des Erfinders oder die Bezeichnung mehrerer Erfinder der Kryptowährung. So genau weiß man das nicht. Fest steht, dass Nakamoto die Idee des Bitcoin in einem White Paper im Jahr 2008 beschrieben hat. Herkömmliche Finanzinstitute wie Banken und Vermittler würden die Überweisung kleiner Beträge unrentabel machen, kritisiert Nakamoto darin. Bitcoin könne das ändern, indem es ein Peer-to-Peer-Netzwerk erschafft, dass durch mathematische Berechnungen Transaktionen verifiziert und Banken damit nutzlos mache. Den Begriff Mikrotransaktionen enthält das Paper zwar nicht, aber im Grunde ist es der Gedanke des Erfinders, die Ökonomie des Internets für sich zu nutzen und mit schnellen Überweisungen von kleinen digitalen Beträgen zum Beispiel Menschen in Entwicklungsländern zu helfen.

Neun Jahre später ist die Erfindung von Nakamoto äußerst erfolgreich. Ein Bitcoin ist rund 17.500 US-Dollar wert. Der Preis ist seit Januar 2017 um das 17-fache gestiegen. Aber die Kryptowährung hat bisher nicht die Reformation der Finanzmärkte gebracht, die sein Erfinder sich vorgestellt hat. Warum? Weil der Bitcoin, den Nakamoto erfunden hat, um Transaktionsgebühren zu vermeiden, ein Problem mit den Transaktionskosten hat.

Bitcoin-Nutzer zahlen Gebühren, um sicherzustellen, dass das weltweite Computernetzwerk die Transaktionen verarbeitet. Am Dienstagnachmittag dieser Woche kostete es etwa 17 US-Dollar, um ein Überweisung innerhalb von 10 Minuten abzuwickeln. Schätzungsweise hätte es zu dem Zeitpunkt für eine Gebühr von drei US-Dollar rund 24 Stunden gedauert, um eine Transaktion zu veranlassen. Viel zu lange, um zum Beispiel im Restaurant oder beim Shoppen mit Bitcoin zu bezahlen.

Die Videospieleplattform Steam hatte vergangene Woche die Zahlung mit Bitcoin eingestellt. Grund: die hohen Transaktionskosten. Erik Norland sagte Anfang Dezember, dass die Gebühren einen Stillstand bei der Kursentwicklung des Bitcoin verursachen könnten. Norland ist Ökonom an der weltweit größten Options- und Terminbörse CME in Chicago.

Um es massentauglich werden zu lassen, muss man es skalierbar machen.

Die Transaktionskosten bei Bitcoin sind so hoch, weil das Peer-to-Peer Netzwerk, das die Währung verwaltet und verarbeitet, im Vergleich zu den modernen digitalen Infrastrukturen eine begrenzte Kapazität hat. Cornell-University-Professor Emin Gun Sirer schätzt, dass das Bitcoin-Netzwerk bestenfalls sieben Transaktionen pro Sekunde verarbeiten kann, durchschnittlich aber 3,3 erreicht. Der Kreditkartenanbieter Visa verarbeitet 29,2 Milliarden Transaktionen innerhalb von drei Monaten. Das sind 317 Millionen Überweisungen pro Tag oder 3674 pro Sekunde.

Blockchain-Unternehmerin Preethi Kasireddy hat bei Goldman Sachs und dem Venture-Capital-Unternehmen Andreessen Horowitz gearbeitet. Sie hat sich mit den technischen Grenzen von Bitcoin und ähnlichen Systemen, die dahinterstehen, auseinandergesetzt. Sie sagt, dass die zugrundeliegende Technologie der Blockchain nicht ausreicht für einen weitverbreiteten Einsatz. „Um es massentauglich werden zu lassen, muss man es skalierbar machen“, sagt sie.

Die Bitcoin-Transaktionen werden von sogenannten Minern bestätigt, die eine ursprünglich von Nakamoto entwickelte Software nutzen. Dieses Programm verarbeitet die Transaktionen und bildet zusammen mit derselben Software der anderen Miner ein Netzwerk. Die Kapazität von Bitcoin wird dadurch bestimmt, wie oft die Miner es schaffen, neue Transaktionen in die Blockchain einzufügen – derzeit alle 10 Minuten – und durch die Art und Weise, wie das Bitcoin-Protokoll Daten durch das Netzwerk leitet.

Das Netzwerk ist zwar schneller geworden, aber das Bitcoin-Protokoll kann das nicht für sich nutzen.

Der Flaschenhals scheint tief im Code des Systems verankert zu sein. Sirer hat mit einem seiner Absolventen eine Software entwickelt, die die Transaktionsgeschwindigkeit des Bitcoin-Netzwerks misst. Ihre Messungen aus dem Jahr 2016 zeigen, dass die physische Infrastruktur dank neuer Computer und Telekommunikationsnetze um rund 70 Prozent zunahm. Demnach könnte auch das Bitcoin-Netzwerk Transaktionen theoretisch schneller verarbeiten. „Das ist seltsam“, sagt Sirer. „Das Netzwerk ist zwar schneller geworden, aber das Bitcoin-Protokoll kann das nicht für sich nutzen.“

Probleme bei der Skalierung haben auch die Nutzer der zweitgrößten Kryptowährung Ethereum kürzlich gespürt. Ein Handelsspiel, in dem virtuelle Katzen gekauft und gezüchtet werden, legte das Ethereum-Netzwerk beinahe lahm. Der Ansturm auf die sogenannten Cryptokitties führte dazu, dass die Transaktionsgebühren stiegen und Überweisungen teilweise stundenlang dauerten.

Entwickler von Kryptowährungen haben viele Ideen, wie sie die Netzwerke skalierbarer machen können. Eine Abspaltunpg (Hard Fork) von Bitcoin mit dem Namen Bitcoin Cash zum Beispiel lässt mehr Transaktionen pro Sekunde zu. Seit der Abspaltung im August 2017 ist der Wert der Kryptowährung inzwischen mehr als dreimal so hoch und liegt bei rund 1600 US-Dollar. Bitcoin Cash bekommt trotzdem viel weniger Aufmerksamkeit als der Bitcoin. Sirer und sein Cornell-Kollege Ittay Eyal entwarfen 2015 ein Protokoll für eine Kryptowährung namens Bitcoin-NG. Der Code wurde von einem Startup gekauft, das sich Waves nennt und das verspricht, dass Tausende von Transaktionen pro Sekunde damit verarbeitet werden können.

Keine der bisherigen alternativen Währungen scheint den Marktanteil von Bitcoin anfechten zu können. Und einige Investoren, die durch den ständig steigenden Kurs reich geworden sind, behaupten sogar, dass der Bitcoin als Wertanlage gar nicht skaliert werden müsse. Andere, darunter Großunternehmer Warren Buffet, sehen in der mangelnden Nützlichkeit das Hauptproblem des Bitcoin. Und der Vorstandsvorsitzende von Goldman Sachs sagte vor kurzem, dass der Bitcoin zu volatil sei, um eine Wertanlage zu sein.

Einige Bitcoin-Nutzer denken darüber nach, wie man die ursprüngliche Vision Nakamotos verwirklichen und das System skalierbar machen kann. Kasireddy bemerkt, dass es im Moment aber keine technisch vergleichbaren und erprobten Lösungen gibt. Selbst wenn es so wäre, fehle dem Bitcoin aufgrund der dezentralen Struktur Nakamotos eine Option für die Implementierung von Upgrades.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.