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„Bei digitalen Banken geht vieles besser“: Der Number26-Mitgründer im Interview

Karsten Lemm 27.04.2016

Keine Filialen, keine Geldautomaten, keine eigene Banklizenz – aber schon mehr als 160.000 Kunden in ganz Europa: Number26 aus Berlin, gerade 15 Monate alt, gilt als eines der erfolgreichsten, am schnellsten wachsenden Startups der Fintech-Szene. Mitgründer Maximilian Tayenthal erklärt im WIRED-Gespräch, was die Firma als nächstes plant.

Man muss keine Bank sein, um ein Girokonto anzubieten: Number26 tat sich mit dem Münchner Finanzspezialisten Wirecard zusammen, der eine Banklizenz besitzt, um Anfang 2015 einen Angriff auf herkömmliche Geldhäuser zu starten. Ein Girokonto, eine Kreditkarte und das Versprechen, per Handy-App alles einfacher zu machen, genügten der Berliner Jungfirma, um in den ersten zwölf Monaten 100.000 Kunden zu gewinnen. Ausgestattet mit zehn Millionen Euro Startkapital, unter anderem vom PayPal-Mitgründer Peter Thiel, ist Number26 nun dabei, in sieben weitere europäische Länder zu expandieren, darunter Frankreich, Italien, Spanien und Österreich – das Heimatland der beiden Gründer Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal.

Auch wenn das ambitionierte Startup nun bereits Kurs auf 200.000 Kunden nimmt: Im Vergleich mit den sechs Millionen Kunden von Giganten wie Dresdner Bank und Commerzbank nimmt sich der Herausforderer weiterhin aus wie ein Zwerg. Wie will Number26 vermeiden, von den etablierten Riesen erdrückt zu werden? Kann das rasant wachsende Startup sein Tempo halten? WIRED traf Mitgründer Tayenthal für ein ausführliches Gespräch.

Maximilian Tayenthal (links) und Valentin Stalf wollen von Berlin aus eine Digitalbank für ganz Europa aufbauen.

WIRED: Herr Tayenthal, Ihr Versprechen lautet: Bei Number26 ein Konto zu eröffnen dauert nur wenige Minuten. Gibt’s dann auch gleich Kredit?
Maximilian Tayenthal: Das hängt vom Ergebnis unserer Risiko-Analyse ab. Wir schauen auf eine Reihe von Signalen, darunter den Schufa-Score, und entsprechend bieten wir einen Dispokredit an.

WIRED: Immerhin – beim Start vor einem Jahr gab es nur das Girokonto und eine Kreditkarte. „Banking light“ sozusagen.
Tayenthal: Im ersten Jahr ist es ganz stark darum gegangen, Kunden von unserem Konzept zu überzeugen und Vertrauen aufzubauen. Deshalb sind wir mit einem sehr schlanken Produkt gestartet. Die Frage war: Sind Menschen überhaupt bereit, einem Startup ihr Geld anzuvertrauen? Das haben wir, glaube ich, sehr positiv beantwortet, denn wir haben mehr als 160.000 Kunden gewonnen. Jetzt geht es darum, das Produktspektrum zu erweitern.

Viele Banken bieten kein vernünftiges Produkt, vor allem für junge Nutzer

WIRED: Deutschland ist gut versorgt mit Geldhäusern. Wozu noch eine Handy-Bank?
Tayenthal: Zunächst mal: Wir haben zwar deutsche Wurzeln, aber sehen uns vornehmlich als europäisches Unternehmen. Unser Ziel ist es, die erste paneuropäische Bank zu bauen. Überall hat es in den letzten Jahren einen massiven Wandel im Nutzerverhalten gegeben – von Offline zu Online zu Mobile –, der bereits in sehr vielen anderen Branchen zu beobachten ist. Die Apps und Webseiten vieler großer Banken sehen aber weiterhin aus wie das Internet der 90er Jahre. Das heißt, diese Banken bieten kein vernünftiges Produkt, vor allem mit Blick auf unsere Zielgruppe: die jungen, mobilen und online-affinen Nutzer. Auch die Art und Weise, wie Kunden angesprochen und betreut werden, ist oft altertümlich – wir glauben, dass man da sehr vieles besser machen kann.

WIRED: Und zwar wie?
Tayenthal: Etwa durch Echtzeit-Informationen. Wir versuchen sehr stark, Transparenz in die Abläufe zu bringen, um unseren Kunden beim Finanzmanagement zu helfen, ihnen Einblicke in ihre Ausgaben zu bieten. Wer mit der Karte zahlt, bekommt eine Nachricht aufs Smartphone, noch bevor der Beleg ausgedruckt ist. Transaktionen werden automatisch nach Kategorien aufgeführt, und wenn nötig, kann man die Karte sofort blocken. Ich empfehle immer den Selbstversuch: Legen Sie unsere App neben eine Sparkassen-App, und sehen Sie sich den Unterschied an.

Mehr Übersicht für die Finanzen verspricht Number26 mit seiner Mobil-App für Android und iOS. Einzahlen und Abheben per Barcode funktioniert bei derzeit 6000 Supermärkten in Deutschland, die Number26 als Partner gewonnen hat.

WIRED: Das Number26-Girokonto ist kostenlos, die Kreditkarte und Automaten anderer Banken lassen sich ohne Gebühren nutzen. Womit wollen Sie Geld verdienen?
Tayenthal: Wir sind dabei, eine Plattform für verschiedene Produkte aufzubauen. Sehr vieles davon wollen wir über Partnerschaften lösen. Das geht schneller, als eigene Geschäftssparten einzurichten, und wir können Kunden in jeder Kategorie das beste Produkt anbieten. Für Auslandsüberweisungen etwa haben wir bereits TransferWise integriert. Das ging innerhalb weniger Wochen. Am Ende, glauben wir, können wir damit auch fair und transparent Geld verdienen, sei es mit Investment-Angeboten, Versicherungen oder dem Dispokredit: Wenn Kunden ihr Konto überziehen, verstehen sie auch, dass dafür Zinsen anfallen. Wichtig ist für uns, dass wir einen angemessenen, günstigen Zinssatz anbieten und dass wir den Kunden zu jeder Zeit transparent anzeigen, wie hoch die aufgelaufenen Zinsen aktuell sind.

WIRED: Die Traditionsbanken fangen an, sich zu bewegen. Was hält sie davon ab, einen Number26-Klon zu bauen und Sie, bei allem Erfolg, beiseite zu schieben?
Tayenthal: Traditionsbanken haben Computersysteme, die teilweise 40 Jahre alt sind und in Programmiersprachen geschrieben wurden, die heute kaum jemand mehr versteht. Die zweite Herausforderung ist ein mangelnder Fokus. Wir können uns auf eine einzelne Kundengruppe konzentrieren, mit einem Produkt, von dem wir glauben, dass es genau für diese Zielgruppe passt.

WIRED: Was sagen Sie potenziellen Kunden, die sich vielleicht sorgen: „Ein Startup, wer weiß, was da passiert, wenn die Pleite gehen?“
Tayenthal: Wenn Number26 Pleite gehen würde, wären die Kundenkonten gar nicht betroffen, denn das Geld liegt bei unserer Partnerbank, Wirecard. Und selbst wenn diese Bank Pleite gehen würde, wäre das gedeckt von der deutschen Einlagesicherung.

Die meisten Befragten beim jüngsten „World Retail Banking Report“ gaben an, sie würden eher Fintech-Startups weiterempfehlen als ihre Hausbank.

WIRED: Welche Angebote planen Sie als nächste?
Tayenthal: Wir machen das von Kundenwünschen abhängig. Da steht ein Savings- und Investment-Produkt ganz oben – das heißt, die Leute wollen ein bisschen Geld beiseite legen. Auch Kredite und Versicherungen wollen wir bald abdecken.

WIRED: Klingt wie eine klassische Universalbank.
Tayenthal: In den letzten Jahren haben wir in der Finanzwelt das sogenannte unbundling gesehen – das heißt, dass sich Startups auf einzelne, profitable Nischen konzentriert haben: Privat-Kredite über Peer-to-Peer-Lending, Auslandsüberweisungen und vieles mehr. Wir machen ein rebundling: Wir sammeln die besten Player aus jedem Bereich und fassen diese Leistungen auf unserer Plattform zusammen.

Ich schließe nicht aus, dass wir mit etablierten Banken zusammenarbeiten

WIRED: Sind das grundsätzlich Fintech-Angebote, etwa Künstliche-Intelligenz-Systeme für automatisches Investieren?
Tayenthal: Es können auch klassische Produkte sein. Ich schließe nicht aus, dass wir mit etablierten Banken zusammenarbeiten, denn entscheidend ist für uns die Frage, wer das beste Angebot hat. Ziel ist: Wir wollen der primäre Ansprechpartner für alle finanziellen Fragen werden.

WIRED: Was unterscheidet Number26 dann von traditionellen Geldhäusern?
Tayenthal: Grundsätzlich versuchen wir, Smartness in das Konto zu bringen. Wir haben zum Beispiel ein Team, das daran arbeitet, aus Kundendaten Empfehlungen abzuleiten. Wenn wir sehen, dass jemand monatelang ein paar tausend Euro auf seinem Konto liegen lässt, können wir das dem Kunden aufzeigen, damit er entsprechend reagieren kann. Dieser Ansatz spiegelt sich schon in unserem Namen wider: Number steht für unsere Zahlen-Affinität. Wir haben Experten für Daten-Analyse, für User Experience, für Interface-Design, aber praktisch keine Banker. Und in der 26 steckt eine Anspielung auf den Rubik’s Cube, den Zauberwürfel. Der besteht aus 26 Steinen, und man kann ihn leicht lösen, wenn man die richtige Strategie kennt – sonst ist es fast unmöglich. Wir sagen, dass wir das Rezept haben, etwas unnötig Kompliziertes einfach zu machen: nämlich das Banking.

Zinsen und Abwicklungsgebühren für Kartenzahlungen, aber auch Jahresbeiträge für Kreditkarten brachten europäischen Banken im vorigen Jahr 128 Milliarden Euro ein.

WIRED: Wie nutzen Ihre Kunden bisher Number26?
Tayenthal: Die meisten unserer Kunden haben bereits ein Konto. In der Regel überweist ein Kunde zunächst Geld von seiner anderen Bank, im ersten Monat vielleicht 500 Euro oder 800 Euro. Und irgendwann sehen wir, dass Kunden die erste Lastschrift auf unserem Konto einrichten. In diesem Moment wissen wir, dass der Kunde vor hat, sein Konto in Zukunft regelmäßig zu nutzen.

WIRED: Sie haben einen sehr prominenten amerikanischen Investor, PayPal-Mitgründer Peter Thiel. Das wirft die Frage auf: Wann kommen die USA?
Tayenthal: Grundsätzlich ist der amerikanische Markt ein spannender Markt. Unsere Vision ist klar das erste paneuropäische Girokonto anzubieten. Daran arbeiten wir momentan und es ist ein großes Projekt. Die Zusammenarbeit mit unserer Partnerbank ermöglicht es uns, den europäischen Markt zu bedienen. Weltweit zu operieren ist noch mal eine ganz andere Herausforderung.

Maximilian Tayenthal wird auch auf der WIRED Money-Konferenz am 28. April in Berlin sprechen. Mehr Informationen dazu finden ihr hier