/Bitcoin

Wird der Bitcoin das neue Gold?

Klemens Kilic 20.09.2018 Lesezeit 5 Min

Wenn die internationalen Finanzmärkte mal wieder durchdrehen, flüchten sich viele Investoren seit jeher ins Gold. Das Edelmetall ist der Fels in der Brandung – bisher der einzige. Doch vielleicht hat der Bitcoin das Zeug zum „digitalen Gold“? WIRED-Autor Klemens Kilic hat sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede angesehen.

Sogar Steve Wozniak, der Mitgründer von Apple, hat den Bitcoin kürzlich das „einzige digitale Gold“ genannt – auch um ihn von anderen Kryptowährungen abzugrenzen. Ganz aus der Luft gegriffen ist die Aussage nicht. Es lassen sich tatsächlich einige Parallelen zwischen dem Edelmetall und der virtuellen Währung festmachen. An anderen, entscheidenden Stellen hinkt der Vergleich allerdings auch.

In der Krypto-Gemeinde wird der Bitcoin schon lange auch als „digitales Gold“ bezeichnet. Seit Jahren wird darüber in Online-Foren diskutiert. Und es sind sicher keine Zufälle, dass der Bitcoin auf Bildern oft als Goldmünze dargestellt wird, oder dass der vom ungarischen Computerwissenschaftler Nick Szabo entworfene Bitcoin-Vorläufer „Bit gold“ hieß. Fangen wir daher mit den Gemeinsamkeiten zwischen der Kryptowährung und dem Edelmetall an.

Sowohl Gold als auch Bitcoin werden dezentral geschürft

Gold lässt sich auf der ganzen Welt in Böden, Flüssen und Gesteinen finden und schürfen. Ländergrenzen spielen dabei keine Rolle. Auch die Schaffung neuer Bitcoins wird als „Schürfen“ bezeichnet. Dabei erhält jeder Bitcoin-Nutzer, der dem Netzwerk Rechenleistung für einzelne Transaktionen zur Verfügung stellt, im Gegenzug Bitcoins. Das passiert ebenfalls völlig unabhängig von seinem Standort. Wie beim Bodenschatz Gold gibt es auch beim Bitcoin keine zentrale Organisation, die Bitcoins vergibt.

2009 wurden alle zehn Minuten noch 50 Bitcoins an den Bitcoin-Schürfer ausgegeben, der ein komplexes mathematisches Rätsel zuerst lösen konnte. Alle vier Jahre halbiert sich die Anzahl der Bitcoins, die man beim Schürfen verdienen kann. Aktuell werden nur noch 12,5 Bitcoins pro gelöster Aufgabe ausgegeben. Erst 2140 werden alle Bitcoins geschürft sein. Damit wären wir auch schon bei der zweiten Gemeinsamkeit.

Gold und Bitcoin sind nur begrenzt vorhanden

Gold entsteht im Laufe von Jahrmillionen. Bisher wurden etwa 190.500 Tonnen des Edelmetalls gefördert. Wie viel sich noch unter der Erde befindet, ist unbekannt. Klar ist aber: Die förderbare Menge ist endlich. Auch die Anzahl der Bitcoins, die geschürft werden können, ist begrenzt. Allerdings ist sie kein Geheimnis. Schon der Bitcoin-Erfinder hat die maximale Menge auf 21 Millionen festgelegt. Anders als Fiatgeld, also Währungen wie Euro oder Dollar, können Gold und Bitcoin nicht einfach von Zentralbanken geschaffen werden. Das Angebot bleibt also konstant. Ihre Preise sind wegen der begrenzten Menge von ihrer Nachfrage abhängig.

Nun ist die Sache beim Bitcoin inzwischen aber nicht mehr ganz so eindeutig. Denn im Gegensatz zum Gold lässt sich die Menge an Bitcoins zumindest indirekt erhöhen. Wie am 1. August 2017 geschehen, kann eine Hard Fork, also eine Abspaltung oder Gabelung der ursprünglichen Blockchain, zur Kreation eines Parallelnetzwerks führen. Damals spaltete sich ein Teil der Entwickler aus ideologischen Gründen vom Bitcoin ab. Die neue alternative Währung nannten sie Bitcoin Cash. Alle Nutzer erhielten für jeden Bitcoin das zahlenmäßige Äquivalent in Bitcoin Cash in ihre Wallets, also ihre digitalen Geldbeutel. Zwar hat sich die Menge der „originalen“ Bitcoins nicht verändert, wohl aber die Menge an Kryptowährung, die jeder Nutzer hielt. Mit Gold wäre so etwas nicht zu machen. Kommen wir damit zum nächsten Unterschied.

Bitcoin-Preis schwankt stärker als Goldpreis

Im Vergleich zum Dezember 2017 hat der Bitcoin inzwischen mehr als zwei Drittel seines Wertes verloren. Kursschwankungen dieses Ausmaßes verzeichnete Gold das letzte Mal während der Finanzkrise von 2008 und 2009. Davor blieb der Goldpreis über Jahrzehnte stabil. Der Bitcoin-Preis hingegen gleicht seit der Gründung der Digitalwährung einer turbulenten Achterbahnfahrt. Anhänger des Bitcoins hoffen darauf, dass seine Marktkapitalisierung steigt. Wenn mehr Geld in die Kryptowährung fließt, dürften die Preisschwankungen abnehmen. Immerhin ist die Digitalwährung erst 2009 geschaffen worden und steckt damit noch in ihren Kinderschuhen. Gold dagegen wird von Menschen seit Jahrtausenden als wertvolles Material angesehen.

Noch ein Unterschied: Gold lässt sich sogar im eigenen Keller lagern, zum Beispiel in Form von Barren. Dort kann es Kriege und Revolutionen überdauern. Als Rohstoff hat Gold außerdem einen praktischen Nutzen, etwa in der Elektronik oder Medizintechnik. Es wird auch zu Schmuck verarbeitet. Bitcoins dagegen existieren nur virtuell in der Blockchain. Dadurch lassen sie sich schnell und einfach über Ländergrenzen hinweg handeln und praktisch kostenlos lagern. Sie haben aber nur den Wert, der ihnen von Anlegern zugesprochen wird, keinen praktischen Nutzen.

Fazit: Gold hat einen riesigen Vorsprung

Bitcoin als digitales Gold zu bezeichnen ist nicht nur Spinnerei. Es gibt in der Tat einige Parallelen zwischen der Kryptowährung und dem Edelmetall. Doch die Unterschiede sind noch ziemlich gravierend. Gold hat eben einen riesigen Vorsprung. Seit fast 3000 Jahren wird es von Menschen als Wertanlage geschätzt. Als natürlicher Rohstoff kann es kein „Alternativgold“ aus ideologischen Gründen geben, was das Vertrauen stärkt. Es wird weltweit gehandelt – und das in einem Volumen, das der Bitcoin bisher nicht ansatzweise erreicht hat. Der Gesamtwert des Golds liegt bei 7,4 Billionen Euro, das ist 66-mal mehr als die Marktkapitalisierung des Bitcoins. Um den Bitcoin deswegen abzuschreiben, ist es aber zu früh. Verglichen mit dem Alter von Gold ist er ja gerade erst erfunden worden.