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So spielt sich Tischfußball mit einem VR-Kicker

Michael Förtsch 25.11.2018 Lesezeit 4 Min

Die Virtual Reality taugt nicht nur, um Menschen alleine in digitale Welten zu ziehen. VR-Brillen können Spieler auch zusammenbringen und allzu bekannte Spiele neu erfahrbar machen. WIRED hat das ausprobiert – mit einem Virtual-Reality-Tischkicker.

Wer heute eine Virtual-Reality-Brille über die Augen zieht, der verabschiedet sich meist in die Isolation. Denn oft bedeutet das Headset auf dem Kopf, dass sich der Spieler ganz alleine aufmacht, fremde Welten zu erkunden oder Schlachten zu schlagen. Aber es geht auch anders – und vor allem geselliger. Das zeigt ausgerechnet ein Spiel, das eigentlich auch ohne digitale Technik und Virtual Reality ausgezeichnet funktioniert. Das Menschen zusammen jubeln und tosen lässt. Die Rede ist von einem Tisch-Kicker. Mit dem Virtual-Reality-Headset auf dem Kopf gelingt es, den Tischfußball in neue Dimensionen zu heben und nochmal auf ganz andere Art und Weise erlebbar zu machen.

Dabei schaut der Kicker des schweizerischen Start-ups Kynoa und des deutschen Unternehmens Virtual Industries oberflächlich weder sonderlich spektakulär, noch allzu sehr nach einem Kicker aus. Klar, wuchtig, groß ist er, wiegt fast 200 Kilogramm. An der Seite ragen die drehbaren Griffstangen heraus. Aber dort, wo eigentlich die kleinen Spieler sein sollten, da ist nur eine dicke lackierte Abdeckplatte mit einem Koliseum-VR-Schriftzug zu sehen. Erst wenn sich die Spieler die Oculus-Rift-Brillen überstülpen, tut sich vor ihnen das Spielfeld auf – und das ist weitaus spektakulärer als man es von einem Tisch-Kicker erwarten würde.

Haptisch gut

Das Fußballfeld stülpt sich bei dem VR-Kicker in den Tisch hinein. Die kleinen Männchen hängen nicht an einfachen Stangen, sondern Energiebalken, die surren und flackern. Dazu schwebt eine riesige Tribüne im Raum, die sich an den Enden fast eineinhalb Meter in die Höhe zieht. Bei unserem Probespiel schwebte die Arena hunderte Meter über einer futuristischen High-Tech-Metropole. Aber als Kulissen gibt’s ebenso ein Piratenschiff oder ein finstere Blade-Runner-Stadt. Gespielt wird wie bei einem Tisch-Kicker gewohnt. Mit Stangen werden die Männchen hin- und hergezogen, eine harte Drehung kickt den Ball.

Das ist schön hektisch, bunt und mitreisend anzusehen. Vor allem weil das Drehen und Ziehen der Stangen ohne merkliche Verzögerung ins Spiel übertragen wird. Denn:„Jede Stange wird haptisch erfasst“, sagt Andreas Büttner von Virtual Industries zu WIRED. Heißt: Jeder Zug, jede Drehung, jeder Stoß wird über kleine Riemen und Bänder abgenommen und Eins-zu-Eins ins Spielgeschehen umgesetzt – und damit auch die Wucht, mit der der Ball umher gefeuert wird. Für das optische und physikalische Spektakel ist dabei die Unreal Engine zuständig, die beispielsweise auch Fortnite antreibt.

Authentische Kickerei

Tatsächlich fühlt sich Koliseum Soccer VR bis hierhin wie ein echter Tischkicker an. Aber an den Stangen lassen sich auch Tasten erfühlen. Die lösen Spezialattacken aus, die es bei Kickern sonst nicht gibt, sondern eher an Mario Kart oder das Auto-Fußball-Game Rocket League denken lassen. Da löst sich ein Spieler plötzlich von seiner Stange, dribbelt mit dem Ball nach vorne, zieht an einem Gegner vorbei, rammt einen weiteren, der in Hunderte Teile zersplittert, und feuert den Ball in die linke Torecke. Dann wieder fallen plötzlich eine ganz Hand voll Bälle auf das Feld, sorgen für Verwirrung, Chaos und wilde Bolzerei.

Währenddessen sehen die Spieler aber nicht nur das Getümmel auf dem Feld. Sie sehen auch einander. Und zwar als transparente Figuren, die sowohl die Körperhaltung als auch die Bewegungen der Spieler nachahmen. Denn jeder von ihnen wird von je einer Rift-Tracking-Kamera im Auge behalten, die unter einer kleinen Abdeckung auf der Tischplatte montiert ist. Dadurch ist gut sichtbar, wenn es Zeit für ein High Five ist, ein Mitspieler aufgibt und die Brille vom Kopf zieht oder einen der Team-Kamerad böse anblickt, weil man gerade den Torschuss versemmelt hat.

Lange in Entwicklung und nix für zu Hause

Rund eineinhalb Jahre haben die Entwickler von Kynoa an dem Kicker gewerkelt, in dem derzeit fünf PCs die Bilder für je eine Oculus-Rift-Brille und einen zusätzlichen Zuschauermonitor berechnen. Mittlerweile ist der Kicker reif für die Serienfertigung – aber leider nichts für die heimische Wohnung. Denn pro Stück kostet der rund 20.000 Euro und soll sich damit zukünftig in Spielhallen und VR-Höhlen oder auch auf Messen finden.

Das heißt aber nicht, dass Koliseum Soccer VR fertig ist. Denn die Macher werkeln bereits an weiteren Möglichkeiten. Die Kameras sollen zukünftig auch die Hände der Spieler erkennen und in das Spielfeld greifen lassen, um einen Fußballer wegzuschnippen oder anzuscheuchen. Auch Matches in der Schwerelosigkeit wären denkbar. Dazu soll es auch nicht beim Fußball bleiben. Eine Basketball- und Eishockey-Variante des Tisch-Kickers stünden bereits auf dem Plan. „Unser Traumspiel wäre aber eigentlich Quidditch aus Harry Potter“, sagt Andreas Büttner. „Aber das würde rechtlich wohl ziemlich schwierig werden.“