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Wie uns das Meer im Kampf gegen den Klimawandel helfen könnte

Matt Simon 12.10.2018 Lesezeit 7 Min

Wie kann man mithilfe der Weltmeere den Klimawandel bekämpfen – und wie nicht? Eine große Überblicksstudie hat das nun untersucht. Das Ergebnis: Noch sind die einfacheren Maßnahmen, die vielversprechenden. Drastische technologische Eingriffe ins Weltklima bergen dagegen unkalkulierbare Risiken.

Die Weltmeere gehören zu unserer Lebensgrundlage, aber wir haben eine ziemlich seltsame Art, unsere Dankbarkeit auszudrücken: Überfischung, Plastikmüll, Erwärmung, Versauerung. Die Liste ist lang. Dabei bietet der Ozean einzigartige Möglichkeiten, den Klimawandel zu bekämpfen, die leider oft übersehen werden: Von der Renaturierung von Lebensräumen an der Küste, um mehr Kohlendioxid zu binden, bis zum Bau von Offshore-Windparks, um die Emissionen zu senken.

Auch extreme Varianten sind vorstellbar. Zum Beispiel könnte man die Meeresoberfläche mit weißem Schaum bedecken, um Sonneneinstrahlung zurück ins Weltall zu reflektieren. Auch das könnte theoretisch die globale Erwärmung verringern. Die Frage ist: Was bringt wirklich etwas – und was würde die Sache nur noch schlimmer machen?

Wissenschaftler haben 1000 Studien durchleuchtet

Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat gerade einen großen Erfolg bei der Beantwortung dieser Fragen erzielt. Für ihre Untersuchung, die in Frontiers in Marine Science veröffentlicht wurde, durchleuchteten die Forscher mehr als 1000 Studien über mögliche Maßnahmen gegen den Klimawandel, die den Ozean betreffen. Ziel war es, nicht nur zu quantifizieren, was der effektivste Weg ist, um eine Klimakatastrophe abzuwenden, sondern auch, wie einfach oder schwer die technischen Lösungen umgesetzt werden können. Die Forscher identifizierten 13 verschiedene Strategien und bewerteten sie nach acht verschiedenen Kriterien, darunter Effizienz und Nachhaltigkeit der Auswirkungen.

„Das Meer spielt im Klimasystem eine sehr wichtige Rolle“, sagt Jean-Pierre Gattuso, leitender Autor und Meeresforscher des französischen Laboratoire d'Océanographie de Villefranche. „Es ist ein Opfer des Klimawandels in Bezug auf Erwärmung und Versauerung. Aber es ist auch eine Quelle für Lösungen.“

Von einer Manipulation der Meereswolken raten die Forscher ab

Die Lichtblicke in dieser Bewertung sind Strategien wie die Wiederherstellung der Küstenvegetation, die hilft, CO2 aufzunehmen. Diese Maßnahmen haben sich bereits bewährt und sollten fortgeführt werden. Gleiches gilt für erneuerbare Energien und den Schutz der Korallenriffe. Was aber sind die Vorschläge, die nicht überzeugen konnten? Da wäre zum einen die fast schon unglaublich klingende Idee, die Wolken über den Ozeanen so zu manipulieren, dass sie heller werden, Licht zurück in den Weltraum reflektieren, um so die Meere zu kühlen. Diese Technologie ist aber noch nicht erprobt – und sie würde auch nichts gegen die Versauerung der Ozeane tun. Die ist nämliche eine Folge der erhöhten CO2-Aufnahme.

„Dann gibt es da noch die Düngung der Ozeane mit Eisen“, sagt Gattuso. Denn Eisen führt zu einer Algenblüte. Genauer gesagt fördert es das Wachstum von Phytoplankton, also von pflanzenähnlichen Organismen, die CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen. Die Eisendüngung wurde daher nicht nur als Mittel gegen den Klimawandel, sondern auch als Möglichkeit vorgeschlagen, mehr Fischfutter und damit mehr Fische (zum Fischen) im Ozean zu schaffen. Das führte in der Fachwelt allerdings zu Kontroversen. „Wir wissen schließlich, dass die Methode auch viele Nachteile hat“, erklärt Gattuso. Die Nebenwirkungen der Eisendüngung sind nämlich ein niedrigerer Sauerstoffgehalt in tieferen Ozeanschichten und eine weitere Versauerung der Meere. Es bestünde also die Gefahr, das Ökosystem aus dem Gleichgewicht zu bringen.

So sieht Phytoplankton aus. Die kleinen Organismen nehmen CO2 aus der Atmosphäre auf. Trotzdem raten Wissenschaftler davon ab, die Ozeane mit Eisen zu düngen, damit mehr Phytoplankton entsteht.

Offshore-Windparks erhalten gute Noten

Als äußerst wirksam erwies sich dagegen die Erhaltung von Lebensräumen an der Küste, etwa von Mangrovenwäldern und Salzwiesen. Mehr Bäume und andere Pflanzen ermöglichen es einem Ökosystem, mehr CO2 zu binden. Stabile Mangrovenwälder dienen außerdem als Bollwerk gegen Sturmfluten. Auch könnte der gezielte, lokale Anbau von Seetang die Versauerung des Meeres vor Ort reduzieren. Das könnte Korallen und Austern retten.

Eine weitere Strategie, die in der Überblicksstudie Bestwerte erzielte, sind alternative Arten der Stromerzeugung wie Wellenenergiewandler, die zumindest theoretisch die doppelte Menge an Energie liefern könnten, die die Menschheit benötigt. Nicht vergessen sollte man außerdem die Windkraft. „Wenn man den gesamten Nordatlantik mit Offshore-Windrädern zupflastert, könnten wir genug Energie für den gesamten Planeten erzeugen“, sagt Gattuso. „Es hat nur sehr wenige negative Auswirkungen, daher sticht diese Möglichkeit bei unserer Bewertung wirklich heraus.“

Mit Schaum das Meer abkühlen

Gewagtere Lösungen wie das Sonnenstrahlungsmanagement konnten die Wissenschaftler weniger überzeugen, da sie noch zu wenig erforscht sind. Zwar könnte man, zum Beispiel, damit experimentieren, eine Art hellen Schaum auf der Meeresoberfläche zu verteilen, der leichter ist als das Wasser. Der Schaum würde die Sonneneinstrahlung nicht absorbieren wie das Meer, sondern reflektieren. Auf diese Weise würde das Wasser gekühlt, theoretisch zumindest. Doch um effektiv zu sein, müsste man den Schaum über riesige Flächen verteilen – ein Hektar würde nichts nutzen. Dadurch könnte man am Ende vielleicht das Meer kühlen, aber man würde auch die Wetterbedingungen im eigenen Land und in den Nachbarländern verändern. „Die geopolitischen Probleme sind potenziell gigantisch“, sagt Gattuso.

Dabei wäre der Schaum noch eine eher zurückhaltende Variante von Geo-Engineering, also dem technischen Eingriff in die natürlichen Kreisläufe des Planeten. Es gibt noch viel weitreichendere Vorschläge. So haben Forscher schon mit der Idee gespielt, riesige Mengen an Aerosolen in die Atmosphäre zu sprühen, um die Sonneneinstrahlung direkt von dort zurück ins All zu spiegeln.

Es ist durchaus vorstellbar, dass sich ein Zusammenschluss von Staaten dazu entscheidet, auf diese Weise das Weltklima zu beeinflussen, sollte die globale Erwärmung irgendwann unerträglich werden. Doch die Folgen sind schwer zu kalkulieren. Manche Länder könnten plötzlich viel zu wenig Regen abbekommen, andere viel zu viel. Dann müsste man das Programm wieder beenden – was allerdings dazu führen könnte, dass die Temperaturen viel zu schnell wieder ansteigen. Das könnte Nutzpflanzen und Ökosysteme zerstören.

Auf hoher See gibt es wenig Kontrolle

Wovon man ausgehen muss, ist, dass Geo-Engineering irgendwann im kleinerem Maßstab ausprobiert wird – und dann immer weiter ausgebaut wird. „Kaum etwas kann ein Land daran hindern, etwas ziemlich Großes an seiner Küste oder auf hoher See zu tun, wo es relativ wenig Kontrolle gibt“, sagt Anna-Maria Hubert, die an der University of Calgary Klimawandel und Völkerrecht erforscht. Denkbar wäre auch, dass Milliardäre, die die Welt retten wollen, oder Unternehmen, die sich Sorgen um ihr Geschäft machen, plötzlich mit Geo-Engineering anfangen. Daher sollte aus Sicht von Experten auf Ebene der Vereinten Nationen ein Regelwerk geschaffen werden, um unkontrolliertes Geo-Engineering von vornherein zu verhindern. Schließlich geht es um hochkomplexe Systeme. Verändert man nur eine Kleinigkeit in der Atmosphäre oder im Ozean, könnte es an anderer Stelle ungewollte, gravierende Folgen haben.

Große Geo-Engineering-Projekte mögen vielversprechend klingen, müssen aber noch besser erforscht werden. Die neue Überblicksstudie zeigt, dass die relativ einfachen Maßnahmen, die bereits zum Einsatz kommen – erneuerbare Energie, Schutz der Lebensräume an der Küste, Verringerung der Umweltverschmutzung – unsere Meere nicht nur vor dem Klimawandel schützen. Die Ozeane helfen sogar dabei, den Klimawandel zu bekämpfen, indem mithilfe der Meere Emissionen reduziert und absorbiert werden, durch Windkraft, Wellenkraft oder Mangrovenwälder.

Pflanzen an der Küste, zum Beispiel Mangrovenwälder, könnten im Kampf gegen den Klimawandel mehr helfen als unerforschtes Geo-Engineering. 

Es braucht mehr Forschung

„Wir werden wahrscheinlich viele verschiedene lokale und globale Lösungen brauchen, und es wird viele Interessenvertreter geben, die im Rahmen eines gemeinsamen Regelwerks zusammengeführt werden müssen", sagt Janos Pasztor, Chef der Carnegie Climate Geoengineering Governance Initiative. Was passiert zum Beispiel, wenn Geo-Engineering die Windverhältnisse verändert und damit die Stromproduktion der Offshore-Windparks eines bestimmten Landes reduziert? Oder das lokale Klima ändert sich dadurch und zerstört die Mangrovenwälder, für deren Schutz man so hart gearbeitet habt?

Die neue Studie behauptet nicht, die endgültigen Antworten zu haben. Vielmehr wird mehr Forschung gefordert, um neue Lösungen zu finden. Außerdem wird auf mögliche Lücken im globalen Regelwerk hingewiesen, vor allem wenn es um Geo-Engineering geht. Außerdem soll Aufmerksamkeit dafür geschaffen werden, dass die Ozeane viele Chancen bieten, den Klimawandel zu bekämpfen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com
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