/Business

adressen.einfacher.gemacht: Solche Wortkombinationen könnten Straßennamen und Hausnummern überflüssig machen

Martin Pieck 10.10.2018 Lesezeit 9 Min

In drei Wörtern um die Welt. Das britische Start-up what3words hat ein revolutionäres globales Adresssystem entwickelt. Jede Stelle auf dem Globus bekommt dabei eine Kombination aus drei Wörtern zugeteilt. Klingt wie eine witzige Idee, überzeugt aber auch große Unternehmen. Ab sofort verwendet auch DB Schenker, die Logistik-Tochter der Deutschen Bahn, das Drei-Wörter-System.

Statt der langweiligen Münchner Standardanschrift könnte die WIRED-Redaktion auch bewegte.reifen.turnen in ihr Impressum schreiben – und trotzdem würde jeder Besucher das richtige Gebäude finden, sogar den richtigen Eingang. Zumindest dann, wenn sich die Idee eines englischen Start-ups durchsetzt. Die Firma what3words will weltweit solche zufällig generierten Drei-Wort-Adressen etablieren. Klingt seltsam, ergibt aus Sicht von zwei großen Unternehmen aus Deutschland aber durchaus Sinn.

Mit Daimler arbeiten die Briten bereits zusammen, seit heute zählt what3words auch den Logistik-Riesen DB Schenker zu seinen Partnern, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Mit der neuen Adressen-Systematik sollen die Schenker-LKW-Fahrer künftig schneller das genaue Ziel von Lieferaufträgen finden. Und so funktioniert’s: Jedes von fast 60 Milliarden kleinen Quadraten, in die die komplette Planetenoberfläche aufgeteilt ist, bekommt eine Kombination aus drei zufälligen Wörtern zugeteilt. Sie ersetzen Straßennamen und Hausnummern.

Die Quadrate messen drei mal drei Meter, sind also in etwa so groß wie zwei Tischtennis-Platten. Das macht das System deutlich ungenauer als GPS. Doch es ist, zum Beispiel für LKW-Fahrer, immer noch deutlich präziser als Straße und Hausnummer. Außerdem hat es einen Vorteil, die Planquadrate nicht zu klein zu machen. Denn man braucht nur noch etwa 25.000 deutsche Wörter. Aus denen kann man genügend Kombinationen bilden, um die gesamte, landbedeckte Erdoberfläche abzubilden. In der englischen Version sind es 40.000 Wörter, da hier auch die Meeresoberfläche inbegriffen ist. In beiden Fällen sind die langen Zahlenreihen, die sich bei GPS-Koordinaten nach dem Komma befinden, nicht nötig.

Hund.Katze.Maus ist eingängiger als GPS-Koordinaten

Erik Wirsing war zunächst skeptisch, als er von der Idee hörte. Dabei ist Wirsing gegenüber neuen Dingen grundsätzlich aufgeschlossen, das schuldet er schon seiner Arbeitsplatzbeschreibung als Vice President Global Innovation bei DB Schenker. Wirsing hat schon viele Logistik-Start-ups bewertet. Mit rund 2000 von ihnen hat er sich nach eigener Aussage in den letzten Jahren beschäftigt. Und trotzdem war what3words für ihn anders: „Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr mochte ich die Idee“, sagt er zu WIRED. Sie sei simpel, aber genial. Die geringe Anzahl an Wörtern in ein System zu programmieren und diese dann zu kombinieren, sei technisch banal, habe aber immensen Nutzen für das Unternehmen.

Natürlich könne man auch weiterhin einfach das althergebrachte System mit Straßennamen und Hausnummern verwenden, sagt Wirsing. Doch führe dies beispielsweise die Fahrer der DB-Schenker-LKW nur zum Werkstor einer Fabrik. Das Drei-Wort-System könne den Fahrer aber zu einem genau definierten Bereich auf dem Gelände führen, etwa zur vierten Ladeluke im Hinterhof eines Ladeabschnitts. Auf großen Messen ließen sich mit den drei Wörtern genaue Treffpunkt oder der Standort eines Standes zuverlässig und schnell finden.

Mit den genauen Zielkoordinaten des what3words-Systems könnte ein neuer Fahrer den Auftrag daher genauso schnell erledigen wie ein alter Hase, der die Tour schon genau kennt. Das sei sicherlich auch mit GPS möglich, sagt Wirsing, eine Koordinate wie Hund.Katze.Maus sei für den Nutzer aber deutlich eingängiger und leichter zu merken als komplizierte Zahlenkolonnen. Technisch benötigt die what3words-Navigation allerdings zwar keinen Handy-, wohl aber GPS- Empfang. Denn am Ende basiert auch das vereinfachte System auf GPS-Koordinaten.

Kunden von DB Schenker können nun auch an ihre Drei-Wort-Adresse liefern lassen.

Der Code steht jedem zur Verfügung

Das Start-up will seine Idee verbreiten und stellt den Code jedem Privatnutzer zur freien Verfügung. Die Nutzung der Karte über die Homepage oder App ist für den User ebenfalls kostenlos. Geld verdient das Start-up mit der kommerziellen Implementierung der API. Unternehmen können dann pro Abruf zahlen oder eine Flatrate abonnieren.

Die Deutsche Bahn ist schon vor einigen Jahren mit einer Minderheitenbeteiligung bei what3words eingestiegen. Als erstes Firmengebäude in Deutschland ist die Konzernzentrale in Berlin dann auch mit der Drei-Wort-Adresse verziert: lebendig.webseiten.auflösen. Darüber hinaus gäbe es sicher noch einige Möglichkeiten, bei der Bahn what3words-Adressen zum Wohle der Kunden einzusetzen. Damit könnte, zum Beispiel, der Standort der richtigen Zugtüren am Gleis angegeben werden. Das wäre besonders hilfreich, wenn sich mal wieder kurzfristig die Wagenreihung ändert.

Bei DB Schenker macht man seit heute Nägel mit Köpfen. Ab sofort können Kunden ihre Lieferung über das Online-Portal des Logistikers auch mit dem neuen Adresssystem buchen. Damit könnte sich ein Wert verbessern, der kürzlich durch eine Studie ermittelt wurde: Demnach gibt es bei 73 Prozent aller Sendungen in Deutschland Probleme beim Auffinden der richtigen Privat- oder Firmenadresse. In über einem Viertel der Fälle funktioniert die Lieferung nicht ohne zusätzliche Informationen. Das what3words-System könnte das überflüssig machen.

In der Praxis sind verschiedene Einsatzformen denkbar: So könnte ein Fahrer seine Zielkoordinaten eintippen oder einsprechen. Alternativ könnte ein Kunde dem Fahrer einen QR-Code zusenden, über den dieser dann zu seinem exakten Ziel gelotst wird. So bestünde nicht das Risiko, dass der Fahrer sich ein Wort falsch gemerkt hat. Hat sich in der Ladezone etwas geändert, etwa weil Zugangswege verbaut wurden, könnte der Fahrer aber wieder zum Zug kommen und quasi als das „Auge des Unternehmens“ vor Ort eine freie Route finden, per Drei-Wort-Code markieren und künftige Lieferungen durch andere Fahrer damit beschleunigen. Das Ganze soll weltweit funktionieren. Arbeitet man allerdings mit Partnern aus dem Ausland zusammen, macht es Sinn, eine gemeinsame Sprache zu nutzen und die englischsprachige Version von what3words einzusetzen.

Neben DB Schenker glaubt auch Daimler an die Vorteile der neuen Technik. Für die Navigationstechnik der aktuellen Mercedes-Modelle greift man auf die what3words zurück. In einem Werbevideo erklärt Mercedes-Benz, was das bringen soll.

Das System soll sich besonders für die Sprachsteuerung eignen

Einen weiteren Vorteil der Buchstabensuppe betont Giles Rhys Jones, der Marketing-Chef des britischen Start-Ups, im Gespräch mit WIRED: „Jetzige Adress-Systeme sind nicht besonders gut für Sprachbefehle geeignet. Das wird in Zukunft aber immer wichtiger.“ Mit den drei gesprochenen Wörtern könne künftig jeder problemlos mit Hilfe der eigenen Stimme ans Ziel gelangen. Gerade in London sei dies mit den herkömmlichen Adressen teilweise nervenaufreiben. Die Church Street, zum Beispiel, existiere hier nämlich 40-mal, so Rhys Jones.

Im Hinblick auf die steigende Bedeutung von Sprachsteuerungen ist das Start-up von der Regel abgewichen, alle Wörter-Kombinationen komplett dem Zufall zu überlassen. So sollen ähnlich klingende Wort-Adressen nicht zu Orten führen, die sich in räumlicher Nähe zueinander befinden. Sagt man seinem Navigationssystem, dass man zu table.chair.damp möchte, meint man einen Ort an der US-amerikanischen Ostküste. Versteht das Auto aber irrtümlich table.chair.lamp, geht es zwar auch an die Ostküste – allerdings die von Australien. Diese extremen Entfernungen sollen verhindern, dass man irrtümlich falschen Routen folgt. Wer würde nicht stutzig werden, wenn die Fahrt ins nächste Einkaufszentrum plötzlich mehrere Tage dauern soll?

Ob diese Sicherung in der Praxis funktioniert, wird sich noch zeigen. Im Fall von DB-Schenker soll ein solches Risiko weiter minimiert werden, indem die Fahrer möglichst wenige Eingaben selbst machen sollen. Immerhin kann man Zielkoordinaten auch per Link versenden. Jones sieht hier auch einen Vorteil gegenüber dem GPS-System. Hat man dort nur eine der Ziffern leicht verfälscht, führt einen das Navigationssystem möglicherweise ungefähr an den Ort, den man erreichen möchte. Doch dort angekommen merkt man dann, dass man das Ziel dennoch um einige Kilometer verfehlt hat. Das kann im Drei-Wort-System nicht passieren, da die Wörter keinem Muster folgen wie logische Zahlen.

Rettungskräfte könnten leichter ihr Ziel finden

Das herkömmliche Adresssystem ersetzen will Rhys Jones übrigens gar nicht. What3words will eine sinnvolle Ergänzung für bestimmte Anwendungen anbieten – zum Beispiel, wenn es um Leben und Tod geht. Denn neben den deutschen Konzernen nutzen auch das philippinische Rote Kreuz oder britische Polizei- und Feuerwehr-Einheiten das Drei-Wörter-System. Zwar gibt es nicht in jeder Stadt 40 Church Streets. Doch auch in Orten, in denen die richtige Straße mithilfe der herkömmlichen Adresse angefahren wird, könnten Rettungskräfte von what3words profitieren. Auf größeren Geländen könnten sie den exakten Einsatzort finden. Denkbar ist auch, dass der Einsatzleiter exakte Standorte für das Abstellen der Fahrzeuge verteilt, damit auch für nachrückende Kräfte genug Platz ist.

Noch größer werden die Vorteile in den Regionen, in denen es bisher gar kein Adresssystem gibt, etwa in der grönländischen Arktis, dem australischen Outback oder in vielen Slums. Nach UN-Schätzungen haben vier Milliarden Menschen derzeit keine verlässliche Möglichkeit, den Standort ihrer Wohnung anzugeben, obwohl dies zum Beispiel für bestimmte Sozialleistungen wichtig wäre. Auch ihnen könnte mit what3words geholfen werden.

Auf dem Mond gibt es keine Postleitzahlen

Erik Wirsing von DB Schenker ist mit seinen Gedanken sogar schon einen Schritt weiter: „Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren ernsthaft über Transportlösungen zum Mond oder gar zum Mars reden“, sagt er zu WIRED. Dort gebe es naturgemäß kein gut ausgebautes Straßennetz. Ein System, wie das von what3words könnte dort also die Lösung sein. Allerdings, räumt Wirsing schmunzelnd ein, sei es wohl noch nicht an der Zeit, über Postkarten vom Mond zu reden.

Deutlich greifbarer sei da die Paketzustellung durch Liefer-Drohnen, die auch in Deutschland bereits erfolgreich getestet wurde. Könne man den Drohnen eines der kleinen Quadrate als eindeutiges Ziel nennen, würde das die autonomen Transportprozesse deutlich vereinfachen. Statt nur einer Hausnummer könnte man der Drohne gleich die Landezone auf der Dachterrasse vorgeben.

Seine Skepsis hat Erik Wirsing längst abgelegt. Mehr noch: Heute sagt er, dass what3words das Unternehmen ist, dass er jenen Menschen vor Augen führt, denen er das Start-up-Wesen überhaupt erstmal vermitteln will. Die Briten stünden für eine einfache Idee, die eine Revolution auslösen könnte, findet er. Und dabei nutzten sie die Möglichkeiten der Digitalisierung, ohne den Faktor Mensch aus dem Fokus zu verlieren.

WIRED wäre in Süd-Äthiopien gut aufgehoben

Auch wenn die Wörter einmalig aufgestellt und nun unabänderlich sind: Die WIRED-Redaktion muss nicht zwangsläufig mit der Adresszuordnung bewegte.reifen.turnen leben. Drei Meter weiter rechts heißt es nämlich schon danken.abbilden.jetzt. Passt schon besser. Natürlich gäbe es auch die Adresse technik.journalismus.interessant. Dazu müsste die Redaktion aber ins südliche Äthiopien ziehen. Das wäre für ein hübsches Wortspiel ein bisschen zu viel Aufwand.