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Machen der Hyperloop und Drohnen die Stadt überflüssig?

Cindy Michel 25.06.2018 Lesezeit 4 Min

Menschenmassen drängen sich in U-Bahnen. Auf den Straßen stauen sich hupende Autos und erschwingliche Wohnungen gibt es schon lange nicht mehr – egal, wie schlecht die Luft und brütend heiß es im Sommer ist. Deutsche Metropolen platzen aus allen Nähten. „Nicht mehr lange“, meint Georg Polzer. Denn der Gründer des Daten-Unternehmens Teralytics glaubt, dass Künstliche Intelligenzen und neue Transportkonzepte das Stadtleben abschaffen werden. Wie er sich das vorstellt, erklärte er WIRED Germany beim Technologiefestival Tech-Open-Air (TOA).

Der Saal 3 im Berliner Funkhaus war an diesem finalen Tag des TOA bis auf den letzten Platz belegt. Vor der Türe staute es sich kurzzeitig. Diejenigen, die später kamen, mussten warten und darauf hoffen, dass ihnen noch jemand Platz macht und sie sich noch in den Vortrag von Georg Polzer drängen können. Denn die steile These des 29-jährigen Gründers provoziert und inspiriert: „Keine Städte mehr bis 2050 – wie KI urbanes Leben redundant machen wird!“ Er träumt davon, dass Hyperloop, autonome Fahrzeuge, Drohnen und andere Transportvisionen die Stadt überflüssig machen.

Der schlanke Schweizer mit Harry-Potter-Brille und verwuscheltem Haar sollte wissen, wovon er spricht. Denn er steht hinter dem Start-up Teralytics. Das Unternehmen, ein Spin-off der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH), erfasst die Bewegungen von einer halben Milliarde Mobiltelefon-Nutzern weltweit und evaluiert diese anonymisierten Daten - und will damit "verändern, wie sich die Welt bewegt." Denn seine Informationen stellt das Unternehmen dann Städteplanern, Autoherstellern, Wissenschaftlern und Betreibern von Shared-Mobility-Unternehmen zur Verfügung. So sollen Verkehrs- wie Moblitätskonzepte in Zukunft effektiver gestaltet werden.

WIRED Germany traf Georg Polzer, den das Forbes Magazin 2015 als einen der 30 under 30“ auszeichnete, nach seinem TOA-Talk. Während eines Spaziergangs entlang des Berliner Straßenverkehrs erläutert er zwischen Hupen und Auspuffgasen seine reizvolle wie auch streitbare Zukunftsvision.

WIRED: Du behauptest, dass ab 2050 ein Leben in Städten nicht mehr wichtig sein wird. Wie das?
Georg Polzer:
2030 wird diese Entwicklung starten. Da werden die ersten Menschen merken, dass Transportwege und Transportmittel besser werden. Dann wird man langsam feststellen, dass die Wege kürzer werden, man immer schneller von A nach B kommt. In den darauffolgenden 20 Jahren werden immer mehr Menschen realisieren, dass sie nicht mehr im Moloch der Stadt wohnen müssen, um etwa schnell in die Arbeit zu gelangen.

Wie soll das mobile Leben in der Zukunft konkret aussehen?
Polzer:
Abends sitzt man in seinem Garten oder am See, hat seine Ruhe und Vogelgezwitscher. Am Morgen springt man in den Hyperloop oder die Ride-Sharing-Drohne und ist binnen kürzester Zeit in der Stadt, kein Stau, kein Stress. Dank der schnellen Transportwege hat man das Gefühl, dass man immer noch in der Stadt lebt, ohne auf saubere Luft und Natur verzichten zu müssen. Auch in den Städten wird es grüner, denn mit einer steigenden Anzahl von fliegenden Fahrzeugen wird der Bedarf an einem alles überspannenden Straßennetz geringer. Die Natur kommt zurück.

Mit den Daten von Teralytics sollen diese schnellen Transportwege ermöglicht werden?
Polzer:
Genau, mit unseren Daten kann man Transportwege viel effizienter planen, dort anlegen, wo sie wirklich notwendig sind. Wie etwa beim Beispiel Brücken: Wenn man weiß, wie viele Menschen wann und mit welchen Verkehrsmitteln etwa einen Fluss überqueren müssen, dann weiß ich nicht nur wo Bedarf ist, sondern auch welche Art von Brücke man bauen müsste.

Ohne Daten geht bei Teralytics nichts. Woher stammen denn die?
Polzer:
Wir arbeiten mit Telekom-Netzwerkbetreibern zusammen. Von ihnen bekommen wir anonymisierte Mobilfunkdaten. Wir sehen, wie Telefone zwischen Mobilfunktürmen hin und her wechseln – so können wir erfassen, wie viele Leute respektive Gruppen gerade etwa mit dem Auto unterwegs sind oder den Zug nehmen. In Deutschland haben wir Zugriff auf etwa 40 Millionen Telefone, in den USA auf 70 Millionen. Die Menge an Daten, die wir von der Telekom bekommen ist natürlich enorm. Da haben wir es mit Petabytes von Daten zu tun.

Gibt es noch andere Datenquellen, die man anzapfen könnte?
Polzer:
Meines Erachtens gibt es aktuell grundsätzlich nur drei Möglichkeiten, um derartige Mobilitätsdaten überhaupt zu erheben: Google Android, Apple und eben die Telekom. Google und Apple werden diese Daten Verkehrsbetreibern nicht zur Verfügung stellen. Deshalb glaube ich, gibt es aktuell nur die Möglichkeit über die Telekom.

Sind diese Daten denn tatsächlich repräsentativ für die ganze Gesellschaft ?
Polzer:
Ja, auf jeden Fall, denn die Telekom hat einen sehr großen Marktanteil. Das ist uns auch sehr wichtig, denn es kommt ja immer darauf an, mit welchen Trainingsdaten ich meine Algorithmen füttere. Wenn ich diese also nur mit Informationen über reiche Digital Natives füttere, dann wird die KI auch nur für sie planen und die Bedürfnisse von allen anderen außer Acht lassen. Wir wollen garantieren, dass alle Teile der Bevölkerung letztlich von günstigen, schnellen Transportmitteln profitieren können.