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Was bringen Wunderpillen für mehr Konzentration und Schönheit wirklich?

Lisa Ksienrzyk 02.12.2018 Lesezeit 4 Min

Viele Start-ups und etablierte Hersteller werben damit, dass ihre Kapseln den Kunden schöner, besser, schlauer machen. Ein Experte behauptet das Gegenteil.

Essen soll nicht nur schmecken, sondern auch einen Nutzen haben. Kunden greifen auf proteinreiche Lebensmittel zurück, um mehr Muskeln aufzubauen. Sie trinken kalorienreichen Mahlzeitenersatz, um Zeit fürs Essen zu sparen. Und sie schlucken Pillen, um sich allgemein besser zu fühlen. Biohacking heißt hier das Stichwort. Unter der Kategorie Performance Food bieten zahlreiche Start-ups Produkte an, die die Leistung steigern, das Immunsystem stärken, die Stimmung aufhellen, den Schlaf oder gar die Schönheit verbessern sollen. Veluvia, Primal State und Ono Labs sind nur drei von vielen.

Dabei ist Performance Food nur ein anderes Wort für Nahrungsergänzungsmittel. Und die sieht der Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Gerd Glaeske kritisch.

Herr Glaeske, haben Nahrungsergänzungsmittel eine Wirkung?

Ich glaube nicht, dass es positive und messbare Wirkungen auf die Gesundheit gibt. Wenn man sich vernünftig ernährt, also nicht nur von Burger oder Smoothies, nimmt man mit der Ernährung alles auf, was der Organismus braucht. Ich sehe es allerdings als wahrscheinlich an, dass es negative Wirkungen geben kann. Unter dem Strich gibt es keine einzige methodisch vernünftige Studie, die zeigt, dass die Versprechen der Hersteller eingehalten werden. Die picken sich meist die einzelnen Substanzen heraus und werben mit deren theoretisch denkbaren Vorteilen. Solche Dinge ärgern mich. Ich würde daher niemandem dazu raten, solche Produkte zu kaufen. Vieles ist überflüssig, bestenfalls nur teuer, schlimmstenfalls auch noch gefährlich.

Eine Kollegin hat über vier Tage Kapseln eingenommen, die ihr Energie-Level steigern sollten. In dem Zeitraum klagte sie über Übelkeit und Bauchschmerzen. Kann das von dem Nahrungsergänzungsmittel kommen?

Das ist auf alle Fälle denkbar. Nebenwirkungen und allergische Reaktionen können durchaus vorkommen. Bei manchen Vitaminen kann es zum Beispiel zu überhöhten Dosierungen kommen, bei Vitamin D oder Betacarotin. Es kann auch Wechselwirkungen mit Arzneimitteln geben.

Es werden immer wieder Hersteller abgemahnt, weil sie die Höchstmengen von bestimmten Nährstoffen überschreiten. Das kann zu Kopfschmerzen oder Übelkeit führen. Müssen Nebenwirkungen grundsätzlich nicht aufgeschrieben werden?

Nein. Nahrungsergänzungsmittel werden als Lebensmittel eingestuft. Und bei Lebensmitteln steht ja auch meist nicht drauf, dass sie allergische Reaktionen hervorrufen. Nahrungsergänzungsmittel durchlaufen keine konkrete Zulassung wie Arzneimittel, auch die Überwachung ist meiner Meinung nach ungenügend. Theoretisch müssten die Überwachungsbehörden durch die Apotheken, Supermärkte und Drogerien ziehen und alles rausholen, was problematisch ist oder als Arzneimittel zugelassen werden müsste, zum Beispiel hochdosiertes Vitamin E oder Melatonin.

Das heißt, die Hersteller können alles behaupten und wahllos Zutaten beimischen?

Ja, solange das keine Länderbehörde überprüft und die Gesundheitsversprechen sich an die Vorschriften halten, können Unternehmen alles Mögliche machen und behaupten.

Warum sagen dann viele Menschen, dass sie einen Effekt spüren?

Die Selbstheilungskräfte des Körpers und die Placebo-Wirkung sind stark und sollten nicht unterschätzt werden. Wer sich etwas aus Überzeugung kauft und dafür bezahlt, der hat auch nach der Einnahme das Gefühl, dass es das Richtige ist und dass es wirkt. Ich würde Placebos nicht schlechtreden, wenn sie therapeutisch genutzt werden. Aber wenn Anbieter von vornherein auf den Placebo-Effekt setzen, obwohl die Nutzer nicht krank sind oder eine Therapie benötigen, sondern es nur um die Ergänzung einer eigentlich ausreichenden Ernährung geht, dann finde ich das eine Unverschämtheit. Zumal die Hersteller für die Mittel viel Geld verlangen.

Die Produkte sind aus Ihrer Sicht also teuer, halten nicht, was sie versprechen und verursachen möglicherweise Nebenwirkungen. Warum nehmen die Leute überhaupt Nahrungsergänzungsmittel zu sich?

Viele haben ein schlechtes Gewissen bei ihren Ernährungsgewohnheiten. Sie glauben auch, dass sie nicht mehr alles bekommen, was sie brauchen. Das machen sich die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln zunutze, deshalb werden sie angeboten und gekauft. Ich bin davon überzeugt, dass nur etwa fünf Prozent der Menschen weniger Nährstoffe aufnehmen, als sie eigentlich benötigen – beispielsweise Vitamin B12 bei Veganern oder Folsäure bei Schwangeren. Diese Menschen sind dann aber auf ganz bestimmte Stoffe angewiesen, die sie dann hochdosiert als Therapie oder zur Vorbeugung eines Mangels einnehmen sollten.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene
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