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Warum wir Standards für Chatbots brauchen

Eva Werner 31.10.2018 Lesezeit 4 Min

Welche Chancen bringen Chatbots? Was sind die Risiken? Und was passiert, wenn Chatbots irgendwann in der Lage sind, unsere Stimme zu imitieren? Darüber konnte WIRED am Rande des diesjährigen Chatbot Summits in Berlin mit Yoav Barel sprechen, dem Gründer des Branchentreffens.

WIRED: Wie erkennt man, dass man mit einem Chatbot spricht?
Yoav Barel: Das ist schwer erkennbar. Chatbots können so tun, als ob sie keine wären. Wir brauchen deshalb Standards. Es muss reguliert oder standardisiert werden, dass klar markiert ist: "Ich bin ein Chatbot".

WIRED: Kann das denn weltweit geregelt werden?
Barel: Warum nicht? Es gibt ja einen weltweiten Standard für SMS. Auch HTML ist ein Standard. Standards für Bots brauchen aber Zeit. Das wird sicher fünf Jahre dauern. Ich erwarte aber, dass die Marktführer sicherstellen, dass die Verbraucher nicht getäuscht werden.

WIRED: Es gibt bereits Software, die die eigene Stimme simulieren kann, wenn sie genug Material hat. Das kann beängstigend sein, wenn man sich vorstellt, dass man irgendwann glaubt, mit jemandem zu sprechen. Aber in Wahrheit ist es eine Maschine, die nur vorgibt, diese Person zu sein. Man denke nur daran, dass derjenige vielleicht schon tot ist.
Barel: Ich denke nicht, dass es beängstigend ist. Ok, doch. Es kann beängstigend sein. Jeder technologische Fortschritt hat auch einen beängstigenden Faktor, wenn er wirklich innovativ ist. Aber da geht es dann wieder darum, dass Standards vorgegeben werden. Wenn man nur die Stimme des Vaters hören will, so wie man das Bild des Vaters besitzt, dann ist es völlig in Ordnung. Es darf aber nicht missbraucht werden. Sicherlich kann es möglich sein, dass Bots während einer gesamten Konversation vorgeben, Menschen zu sein. Das kann jemand mit bösen Absichten veranlassen. Bots werden dazu in der Lage sein. Aber darum geht es ja eigentlich nicht. Wir hoffen, dass der Alltag durch Bots leichter wird.

WIRED: Und wie konkret sollen Bots den Alltag erleichtern?
Barel: Es gab viel Hype um Bots, es gab viele unrealistische Erwartungen. Jetzt verstehen wir, was möglich ist und was nicht möglich ist. Ich denke, dass in zwei oder drei Jahren viele Menschen in Deutschland Bots für ihren Alltag nutzen werden. Dann werden wir anfangen, Bots zum Beispiel dafür zu nutzen, um unsere Bankkonten zu überprüfen. Anstatt eine Bank-App zu benutzen, können wir einfach WhatsApp fragen: "Hey, wie ist mein Kontostand?" Das können wir alles z.B. über WhatsApp klären. Wir brauchen keine Apps mehr dafür.

WIRED: Gibt es bereits Chatbot-Dienste, die ich verwenden kann, um lästige Kommunikation mit Chatbots oder mit Unternehmen oder Behörden zu übernehmen?
Barel: Noch nicht, aber die wird es geben. Es wird z.B. Chatbots geben, die mit dem Chatbot des Restaurants sprechen.

WIRED: Was ist das größte Risiko von Chatbots?
Barel: Leute können süchtig nach Bots werden. Diese Technologie soll uns helfen, Dinge zu erledigen. Sie darf aber kein Ersatz für unsere sozialen Bedürfnisse sein. Menschen sind ja jetzt schon süchtig nach Facebook und Fernsehen wie nach Zucker.

WIRED: Welche Art von Chatbots wird sich durchsetzen? Text, Voice oder Video?
Barel: Das kommt immer darauf an, wo man gerade ist, was am besten passt. Alle drei Versionen werden ihre Berechtigung haben. Zu welchen Prozentsätzen was genutzt wird, kann ich nicht vorhersagen.

WIRED: Warum haben Sie sich entschieden, einen Chatbot-Summit ins Leben zu rufen? Und warum neben ihrer Heimat Israel auch in Berlin, nicht etwa in - sagen wir - im Silicon Valley?
Barel: Ich wollte die Fachleute zusammenbringen, die meine Leidenschaft teilen, mit Hilfe von Natural-Language-Technologie die Konsumentenerlebnisse zu verbessern. Da gab es noch eine Marktlücke. In den USA gibt es schon genug Konferenzen. Aber in Europa fehlte so eine Gemeinschaft. Berlin war dafür der geeignete Platz. Es gibt dort das richtige Startup-Ecosystem.