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Von allen Sinnen: Wie Technologie den Menschen erweitert

Karsten Lemm 04.09.2018 Lesezeit 7 Min

Von Natur aus beschränkt? Kein Problem: Sensoren, Implantate, Algorithmen helfen dem Menschen, über sich hinauszuwachsen und den eigenen Körper besser zu verstehen – aber die neue Transparenz hat auch eine dunkle Seite.

Jeder Blick, jeder Atemzug, jedes gesprochene Wort enthält versteckte Botschaften: Die Pupillen weiten sich, wenn wir aufgeregt sind; Ärger lässt die Stimme schriller werden; und je nach Gemütslage verändert sich die chemische Zusammensetzung der Stoffe, die sich im Atem messen lassen. „Unsere Körper erzählen Geschichten“, sagt Poppy Crum. „Sie strahlen sie förmlich in die Umwelt ab.“

Für Crum, studierte Neurologin und Chef-Wissenschaftlerin beim Audiospezialisten Dolby, könnte es nichts Aufregenderes geben. Begeistert steht sie am Montag beim IFA+ Summit in Berlin auf der Bühne, um zu beschreiben, wie sich aus den subtilen Signalen der Natur ein Bild der unbewussten Absichten zeichnen lässt.

Unsere Sinne, mit denen wir Menschen andere Menschen wahrnehmen, mögen nicht ausreichen, um alle Feinheiten zu erfassen – wie sollten wir etwa erkennen, dass sich der Hautwiderstand unter Stress verändert? Erst wenn sich Schweiß auf der Stirn bildet oder die Stimme stockt, ist das Signal auffällig genug, um unseren Augen und Ohren zu zeigen, wie es dem anderen geht.

Poppy Crum glaubt, dass uns die Überwachung unseres Körpers unser Leben einfacher und komfortabler gestalten könnte.

Technologie kennt solche Beschränkungen nicht, kann viel sensibler Dinge wahrnehmen. Kameras, die uns ins Auge schauen, winzige Messgeräte in den Ohren, Sensoren auf der Haut: All das vermag zu sagen, wie es uns gerade geht, wie wir uns fühlen, was tatsächlich in uns vorgeht – und ob sich hinter dem strahlenden Lächeln womöglich Wut verbirgt oder die Trauer nur vorgetäuscht ist.

Wenn uns die Technik kennt, kann sie uns helfen

In ihrem Vortrag spricht Crum vom „Ende der Pokerface-Ära“, weil viele Körpersignale vom Unterbewusstsein gesteuert werden, sich also kaum kontrollieren lassen. „Die Dynamik der Stimme gleicht einer reichen Landschaft“, schwärmt Crum. „Was wir sagen und wie wir es sagen, erzählt Geschichten, die viel tiefer gehen, als wir bisher immer dachten.“ Zusammen mit anderen Signalen entstehe ein Bild des wahren Ichs, sichtbar gemacht mithilfe komplexer Sensoren und Algorithmen. „Technologie wird schon bald mehr über uns wissen als wir selbst“, sagt Crum. Sie sieht ein Zeitalter „beispielloser Authentizität“ nahen.

Der Kalifornierin ist bewusst, dass so viel ungewollte Transparenz reflexhaft Ängste vor Überwachung und Spionage auslöst. „Es gibt viele heikle Aspekte bei diesem Thema“, räumt Crum ein. Technologisch aber sei die Entwicklung unabwendbar, deshalb reiche es nicht, ihr lediglich mit Bedenken zu begegnen. „Wir müssen die Entwicklung proaktiv mitbestimmen.“

Aus Sicht der Wissenschaftlerin überwiegen klar die Vorteile: Räume, die uns beobachten, könnten automatisch Temperatur und Luftfeuchtigkeit anpassen, um unser Wohlbefinden zu erhöhen – selbst wenn wir zu vertieft in Arbeit sind, um zu erkennen, wie sich langsam Stress aufbaut. Sensoren am Körper könnten medizinisch verlässliche Mess-Ergebnisse liefern, um ein Langzeitbild unserer Gesundheit zu erhalten und Alarm zu schlagen, sobald sich Krankheiten entwickeln.

„Von Natur aus sind wir Menschen sehr schlecht darin, subtile Veränderungen zu erkennen“, erklärt Crum im Gespräch mit WIRED am Rande der Konferenz. „Unsere Geräte dagegen können Bescheid wissen.“ Sie sieht darin eine Chance zur „Demokratisierung der Medizin“, ist sich aber zugleich bewusst, welche Gefahren eines Missbrauchs die Technologie birgt. „Vor uns liegt ein langer Weg, der Wachsamkeit und ständiges Abwägen verlangt“, erklärt Crum. „Doch für viele Anwendungen wird sich die Anstrengung lohnen.“

Bei Dolby forscht Crum mit ihrem Team daran, Entertainment-Erlebnisse individuell zu gestalten: Wissen die Geräte, wie wir uns gerade fühlen, könnten sie zum Beispiel Bild und Ton für die jeweilige Gemütslage anpassen – etwa die Lautstärke senken, wenn wir Entspannung brauchen, oder Bass und Farben betonen, um uns tiefer in das Geschehen hineinzuziehen. Im Idealfall, erklärt Crum, stehe am Ende „ein Erlebnis, das auf jeden Einzelnen optimal abgestimmt ist“.

Die Mensch-Maschine

Für Menschen, die mit Implantaten experimentieren, ist die Erweiterung der Sinne längst Alltag geworden. Der Kybernetik-Pionier Kevin Warwick, Autor und emeritierter Professor der Coventry University, verdiente sich durch jahrzehntelange Versuche mit Elektronik, die er sich einpflanzen ließ, den Spitznamen Capitain Cyborg. Ein RFID-Chip im Arm erlaubte ihm, die Tür zum Büro ohne herkömmlichen Schlüssel zu öffnen, und das Gebäude begrüßte ihn freundlich mit „Hallo Professor Warwick“, wenn er eintrat. Mit Elektroden im Gehirn gelang es ihm, einen Roboterarm zu steuern, der auf einem anderen Kontinent stand.

„Mit dieser Technologie müssen Gehirn und Körper nicht am selben Ort sein“, freut sich Warwick bei seinem IFA-Vortrag. Der Mensch als Einheit aus Geist und Körper, so hat uns die Natur erfunden – „aber so muss es ja nicht bleiben“, sagt Warwick. „Das ist doch langweilig!“ Auch die Art, wie wir seit Jahrtausenden kommunizieren, findet er „ziemlich jämmerlich“. Gedanken, blitzschnell im Gehirn geformt, müssen mühsam in Worte gefasst und dann noch übertragen werden. Wäre es nicht viel praktischer, wenn wir uns zufunken könnten, was wir sagen wollen, direkt von Gehirn zu Gehirn?

Er sieht nicht so aus aber: Kevin Warwick ist ein Cyborg. Über Jahre hinweg hat er sich verschiedene Chips und Dioden in den Körper implantiert.

Warwicks Frau ließ sich Elektroden implantieren, um einen kleinen Schritt in diese Richtung zu gehen. „Wir verbanden unsere Nervensysteme miteinander“, erzählt der Brite, „und wann immer sie ihre Finger zusammenpresste, erhielt mein Gehirn ein Signal.“ Von Gendankübertragung ist das freilich noch weit entfernt, deshalb forscht Warwick seit Jahren daran, besser zu verstehen, wie der biologische Denkapparat funktioniert, um ihn im Labor nachzubauen.

Eines Tages könnte die Technologie Schlaganfallpatienten die Rehabilitation erleichtern oder Blinden helfen, wieder Sehen zu lernen, hofft Warwick. Seine wahre Begeisterung aber gilt der Aussicht, der Natur ein Upgrade zu verpassen, indem Biologie und Technologie miteinander verschmelzen. „Es gibt viele Wege dazu“, glaubt Warwick, und wenn es gelingt, die Fähigkeiten des Körpers zu erweitern, „können wir anfangen, unsere Welt viel besser zu verstehen.“

Die spanische Künstlerin Moon Ribas versucht das, indem sie mit seismografischen Implantaten Erdbeben erspürt: Wann immer sich der Planet rüttelt und schüttelt, empfängt ihr Körper einen winzigen Impuls. „Ich fühle mich, als hätte ich einen zweiten Herzschlag in meinem Inneren“, erzählt Ribas. „Den Herzschlag der Erde.“

Moon Ribas spürt, wenn die Erde bebt und verwandelt das Rütteln und Schütteln der Erdkruste in Kunst.

Ribas versucht, ihre Erlebnisse in Form von Kunstprojekten mit anderen zu teilen. In Tanz-Veranstaltungen warten Teilnehmer gemeinsam darauf, dass Ribas’ Implantate ein Signal aktueller Erdbeben erhalten. „Das kann zehn Minuten dauern oder auch zehn Stunden“, erzählt sie. „Die Erde ist wie ein Choreograph, der den Tanz bestimmt.“

Zum Abschluss der Konferenz führt sie ein anderes Projekt vor: Auf wenige Minuten komprimiert, zeigt sie durch lautes und leises Trommeln, wie stark Deutschlands Erdkruste über Jahrzehnte hinweg von Beben erschüttert wurde. Mal prasseln Ribas’ Stöcke auf das Instrument ein, mal berühren sie kaum das Trommelfell.

Auch hier gibt die Natur den Rhythmus vor, spürbar aber wird er erst durch das Zusammenspiel von Mensch und Technologie – weil die Künstlerin die nüchternen Messungen und Zahlenreihen in eine Performance verwandelt hat, die der Natur entgegenkommt: Wer im Publikum sitzt, muss nur Augen und Ohren offenhalten, um ein Fest für die Sinne zu erleben.