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Strafanzeige nach Millionen-ICO: Ärger für Chef des Berliner Start-ups Copytrack

Wolfgang Kerler 13.09.2018 Lesezeit 11 Min

Mitten im Hype um Bitcoin, Kryptowährungen und Blockchain kündigte das Berliner Start-up Copytrack ein Initial Coin Offering an. Der Verkauf von Krypotoken spülte Anfang des Jahres Millionen ein. Doch nun gibt es Ärger. Ein anonymer Investor fühlt sich getäuscht und hat den Copytrack-Chef angezeigt. Mehrere Anleger wollen klagen. WIRED hat zu den Vorwürfen recherchiert.

Ein Nutzer von Reddit ärgert sich. „Sind wir getäuscht worden?“, fragt er – und gibt an, beim Initial Coin Offering (ICO) von Copytrack investiert zu haben. Er beschwert sich über den massiven Preisverfall des Kryptotokens. Um über 90 Prozent ist sein Wert seit dem ICO eingebrochen. Der User schreibt außerdem, dass er davon ausgegangen sei, sein Geld in eine etablierte und profitable Firma zu stecken – nicht in ein Unternehmen in Singapur ohne eigene Umsätze. Doch dahin sei der Erlös des ICO offenbar geflossen. Am Ende fragt er: „Sollte ich mich an einer Klage beteiligen?“

WIRED hat zum Copytrack-ICO recherchiert, der von Dezember 2017 bis Februar 2018 durchgeführt wurde, und am Ende zwischen neun Millionen und rund 15 Millionen Euro einbrachte – je nachdem, welche Krypto-Seite man befragt. Die Anzahl der Anleger ist dabei etwas unklar. Laut einem Facebook-Post von Copytrack haben über 20.000 Investoren beim ICO mitgemacht, in einer Mitteilung auf ihrer Webseite spricht die Firma von knapp 8.200.

Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Berliner Copytrack GmbH. Gegründet wurde sie Ende 2015 und bietet – ähnlich wie PicRights, ImageRights oder Pixray – eine Plattform, bei der Fotografen und Fotoagenturen ihre Bilder hochladen können, damit nach diesen im Netz gesucht wird. Copytrack meldet dann Seiten, auf denen die Aufnahmen gezeigt werden. Sollten unrechtmäßige Veröffentlichungen darunter sein, versucht Copytrack für die Urheberrechtsverletzung nachträglich Geld einzutreiben. Für die Nutzer ist das kostenlos. Im Erfolgsfall kassiert Copytrack aber Provision.

Berliner Start-up sprach von „unserem Sale“

Anfang Dezember 2017 präsentierte Copytrack einen ehrgeizigen Plan: Es solle ein globales Urheberrechtsregister auf Blockchain-Basis geschaffen werden, das sogar zum Marktplatz werden soll, auf dem Fotografen Lizenzen für ihre Bilder verkaufen können. Ein ICO sollte das Kapital für das Projekt bringen. Mitte Dezember 2017 begann der Vorverkauf der auf Ethereum basierten Copytrack-Token. Von Mitte Januar bis Mitte Februar 2018 lief dann der öffentliche Sale. Die Frage, die nun einige stellen: An wen gingen eigentlich die Millionen aus dem ICO? An das Start-up in Berlin? Oder gab es da noch eine andere Firma?

In sozialen Netzwerken sprach die Berliner Copytrack GmbH während des ICO jedenfalls von „unserem Projekt“ und „unserem Sale“. Die Pressemitteilung der Firma stellte das Blockchain-Projekt als nächsten „Meilenstein“ dar. Und im Werbeclip für den ICO wurden Geschäftszahlen genannt, die sich ebenfalls auf das deutsche Start-up bezogen. Auf die Frage von WIRED, warum sich die GmbH damals dazu entschied, von „ihrem“ ICO zu sprechen, antwortet Firmenchef Marcus Schmitt: „Das ist mir so nicht bekannt.“

In einem Video, das während des ICOs in der deutschen Firmenzentrale aufgenommen wurde, erklärte CEO Schmitt noch: „Wir sind einer der wenigen ICOs, bei dem ein bestehendes Business präsentiert werden kann.“ Auf der Website Copytrack.io, die von der Berliner GmbH betrieben wurde, konnte man die Token kaufen. Auch dort war vom „bestehenden Geschäft“ die Rede. Ein nicht zu übersehender, roter Button mit der Aufschrift VISIT OUR BUSINESS WEBSITE führte auf die Seite des Berliner Start-ups. Auf Copytrack.io stand außerdem eine Art Prospekt zum ICO zum Download bereit, das Whitepaper. WIRED hat es sich genauer angesehen.

ICO-Millionen gingen an eine Firma in Singapur

„Copytrack ist heute ein schnell wachsendes Unternehmen mit Sitz im Herzen Berlins,“ heißt es in der Einleitung des Whitepapers. Es folgen mehrere Seiten, auf denen das Geschäftsmodell und die bisherige Entwicklung der Firma beschrieben wird – inklusive der stetig steigenden Nutzerzahlen. Auch ein Zeitplan findet sich im Whitepaper. Er beginnt mit der Unternehmensgründung im Dezember 2015 und reicht über den ICO bis ins Jahr 2019. Sogar Fotos der Berliner Copytrack-Mitarbeiter sind zu sehen.

Auf Seite 23 stößt man dann auf den vielleicht wichtigsten Satz des Dokuments: Der Distributor des Tokens, also der Verkäufer, werde ein Partner der Copytrack Pte. Ltd. sein, steht dort. Details zu dieser Firma liefert das Whitepaper nicht. Es findet sich auch kein Hinweis darauf, dass die Copytrack Pte. Ltd. keine Tochtergesellschaft der gleichnamigen deutschen GmbH ist – und auch sonst keine gesellschaftsrechtlichen Verbindungen zum Berliner Start-up unterhält. Unerwähnt bleibt ebenso, dass die Pte. Ltd. deshalb nicht einfach auf den tausenden Nutzern der deutschen GmbH und der Datenbank der von ihnen hoch geladenen Bilder aufbauen kann.

Die Copytrack Pte. Ltd., an die der Millionen-Erlös aus dem ICO ging, ist ein unabhängiges Unternehmen mit Sitz in Singapur. Gegründet wurde es erst ein paar Wochen vor dem ICO, im Oktober 2017. So steht es in einem Handelsregisterauszug, der WIRED vorliegt. Den Großteil der Anteile, jeweils 45 Prozent, hielten demnach zwei deutsche Gesellschaften: die WH13 UG und die Front Equity GmbH. Anfangs war außerdem die Tokyomaru Pte. Ltd. mit 10 Prozent beteiligt. Daraus ergibt sich zumindest eine personelle Verbindung zum Berliner Start-up: Denn der alleinige Gesellschafter der Front Equity und der Tokyomaru ist Marcus Schmitt, der CEO der Copytrack GmbH. Die WH13UG wiederum gehört Stefan Bär, dem Technologiechef des Start-ups.

Hier liegt der Verdacht einer Täuschung nahe.

Steffen Hartmann, Rechtsanwalt

„Erst wird im Whitepaper erzählt, dass die Firma seit Ende 2015 erfolgreich am Markt und mittlerweile in 140 Ländern aktiv ist“, sagt Steffen Hartmann, Rechtsanwalt bei der Kanzlei CLLB mit Büros in München und Berlin. „Und dann liest man am Ende, dass die eigentliche Firma hinter dem ICO gar nicht in Deutschland sitzt, sondern in Singapur – und erst im Oktober 2017 gegründet wurde.“ Für Hartmann passt das nicht zusammen. „Hier liegt der Verdacht einer Täuschung nahe“, sagt er im Gespräch mit WIRED. „Ein Investor muss genau wissen, in welche Gesellschaft er investiert.“

Strafanzeige gegen Copytrack-Chef Marcus Schmitt

Im Namen eines Anlegers, der anonym bleiben will, hat seine Kanzlei Strafanzeige gegen Marcus Schmitt erstattet. Marcus Schmitt ist nicht nur Chef der Berliner Copytrack GmbH, sondern auch Geschäftsführer der Copytrack Pte. Ltd. in Singapur, die vor zwei Monaten in Concensum Pte. Ltd. umbenannt wurde. Die Anzeige liegt WIRED vor. Die Münchner Staatsanwaltschaft bestätigt, dass diese Anfang August einging. Ein Ermittlungsverfahren sei eingetragen worden.

Auf die Frage, warum im Whitepaper nicht genau erklärt wurde, dass nicht die Berliner Copytrack GmbH, sondern die Copytrack Pte. Ltd. in Singapur den ICO durchführte, antwortet Marcus Schmitt: „Das Whitepaper war klar in zwei Teile 'TODAY' & 'POST-ICO' gegliedert.“ Gesellschaftsrechtliche Informationen gehörten in einen Legal Dislcaimer, nicht in die Produktbeschreibung, so Schmitt. „Eine Täuschung liegt hier nicht vor.“

Es finden sich weitere Vorwürfe in der Strafanzeige. So werden etwa die Büros in Tokio und New York erwähnt, die laut Whitepaper im Mai 2017 eröffnet wurden, laut einer Pressemitteilung von Copytrack sogar schon im August 2016. In der Strafanzeige wird der Verdacht geäußert, dass es diese Auslandsniederlassungen gar nicht gibt. Um das zu überprüfen, wollte WIRED im New Yorker Büro vorbeischauen. Doch unter der Adresse in der Fifth Avenue, wenige Blocks vom Empire State Building entfernt, war kein Copytrack-Mitarbeiter anzutreffen. Nichts wies auf das Unternehmen hin. Laut Etagenplan gehörte die Zimmernummer zur Firma SAGE Workspace – und die bietet ihrer Website zufolge „prestigeträchtige“ virtuelle Büros an.

Die Empfangsdame von SAGE konnte mit dem Namen Copytrack zunächst nichts anfangen, tippte ihn jedoch in ihren Computer und sagte dann: „Die Firma empfängt keine Besucher, also können Sie dort leider niemanden treffen.“ Bei Anrufen auf der New Yorker Telefonnummer meldete sich eine Frauenstimme mit dem Satz „Hi, you’ve reached Copytrack G-M-B-H“. Danach folgte die Weiterleitung an einen Anrufbeantworter. Googelt man die Adresse von Copytrack in Tokio, findet man dort ebenfalls einen Dienstleister, der „virtuelle Büros“ anbietet.

Was hat das zu bedeuten? Gegenüber WIRED erklärt Firmenchef Schmitt, die Mitarbeiter des Kundenservice säßen in Berlin. „Sowohl in New York als auch in Tokio nehmen Office Services für uns Anrufe entgegen.“ Nicht beantwortete Anrufe seien ärgerlich, man gehe der Sache nach.

Unklarheiten bei der Darstellung der Mitarbeiter

Auch an der Präsentation des Copytrack-Teams im Whitepaper werden in der Strafanzeige Zweifel angemeldet. Auch sie bestätigten sich bei der WIRED-Recherche. Im Paper sind drei Mitarbeiter zu sehen, die für Software-Entwicklung und Qualitätssicherung zuständig gewesen sein sollen. Laut ihren Profilen in Karrierenetzwerken waren sie aber nie bei Copytrack angestellt. Auf WIRED-Anfrage sagt Marcus Schmitt, die Mitarbeiter seien für einen Gesellschafter von Copytrack tätig. „Sie waren damals im Team und sind auch heute im Team.“

Vier weitere Mitarbeiter hatten die Berliner GmbH laut ihren Profilen zum Start des öffentlichen Token-Verkaufs bereits verlassen. Einen Fall bestätigt Marcus Schmitt. Die drei anderen Personen „unterstützten“ Copytrack weiterhin, so Schmitt, sie hätten sich aber jeweils entschiedenen, einen Master zu machen, für Prüfungen eine Auszeit zu nehmen oder ihren Horizont zu erweitern.

Jemand, der sich zum ersten Mal anmeldet, wird nicht gleich als Spitzenkunde eingeordnet.

Marcus Schmitt, Copytrack

In der umfangreichen Strafanzeige werden zahlreiche weitere Punkte aus dem Whitepaper in Frage gestellt. Es geht dabei, zum Beispiel, um das Volumen der monatlichen Schadenersatzforderungen oder die Anzahl der bei Copytrack hochgeladenen Bilder. Zum Teil ist die Argumentation sehr kleinteilig. Der Tenor ist allerdings recht eindeutig: Die Copytrack GmbH stelle sich größer und erfolgreicher dar als sie eigentlich sei. Copytrack-Chef Schmitt widerspricht gegenüber WIRED den Vorwürfen.

Der Anzeigensteller zweifelt auch an den Copytrack-Aussagen zur eingesetzten Suchtechnologie. So ist im Whitepaper von einem „Hochleistungs-Web-Crawler“ die Rede und einem „einzigartigen Bilderabgleich“. In der Anzeige wird jedoch ausgeführt, dass die Bilderfunde bei Copytrack fast immer mit den ersten Treffern einer simplen Rückwarts-Bildersuche bei Google übereinstimmten. Daher wird der Verdacht geäußert, Copytrack übernehme einfach Ergebnisse von Google.

Bei einer Stichprobe für WIRED lieferte Copytrack ebenfalls dieselben Funde wie die Google-Suche. Marcus Schmitt sagt dazu, es gebe verschiedene technische Verfahren für verschiedene Kundengruppen. „Jemand, der sich zum ersten Mal anmeldet, wird nicht gleich als Spitzenkunde eingeordnet und erhält erst einmal Treffer aus einer Standardsuche.“

Was würde die Blockchain von Copytrack bringen?

In der in weiten Strecken sehr detaillierten Strafanzeige werden am Ende auch grundsätzliche Zweifel an der Idee hinter dem Millionen-ICO geäußert – Zweifel, die Brancheninsider teilen, mit denen WIRED gesprochen hat. Sie glauben nicht, dass ein dezentrales, globales Urheberrechtsregister auf der Blockchain, das später zum Marktplatz für Bild-Lizenzen werden soll, wirklich funktionieren kann.

Etwas vereinfacht soll es laut Whitepaper so ablaufen: Ein Fotograf registriert sich und lädt ein Bild hoch. Copytrack überprüft, ob er der Urheber ist. Anschließend wird ein digitaler Fingerabdruck der Aufnahme erstellt. Dieser wird auf der Blockchain gespeichert. Der Nutzer erhält ein PDF-Zertifikat über seine Urheberschaft. Im Anschluss durchforstet Copytrack das Internet, um Seiten zu finden, auf denen die Bilder verwendet werden, um mögliche Rechteverletzungen zu ahnden. Die Marktplatz-Funktion soll später folgen. Als Zahlungsmittel soll der Copytrack-Token dienen.

Das ist lächerlich. Es hat vor einem Gericht überhaupt keinen Wert.

Paul Melcher

„Das mag in der Theorie gut klingen“, sagt dazu Paul Melcher, der früher selbst eine Bildagentur hatte und nun Unternehmen aus der Visual-Tech-Branche berät. Doch praktisch sehe er keine Möglichkeit, wie Copytrack bei jedem Bild prüfen wolle, ob der Nutzer wirklich der Urheber sei. „Selbst die Seriennummer einer Kamera oder RAW-Files sind dafür kein Beweis.“ RAW-Dateien sind die unbearbeiteten Originalaufnahmen. „Beim Urheberrecht ist entscheidend, wer das Foto geschossen hat, nicht wessen Kamera oder wessen Datei es ist“, so Melcher.

Joe Naylor, der CEO von ImageRights, einem Konkurrenten von Copytrack, kann sich zwar sinnvolle Anwendungen für die Blockchain vorstellen. Diese gehöre aber nicht dazu, sagt er zu WIRED. Er zweifelt auch an der Idee eines Marktplatzes, auf dem mit Kryptotoken bezahlt werden soll. „Welche Käufer, gerade wenn es sich dabei um Unternehmen mit engen Zeitvorgaben und strengen internen Richtlinien handelt, würden sich denn die Mühe machen und das Risiko eingehen, die Copytrack-Kryptowährung zu kaufen, nur um für eine einzelne Lizenz zu bezahlen?“

CEO verteidigt das Blockchain-Projekt

Marcus Schmitt verteidigt gegenüber WIRED die Idee des Global Copyright Registers. Er verwies auf acht verschiedene Merkmale, die geprüft würden, um die Urheberschaft eines Nutzers festzustellen, darunter die Kamera-Seriennummer und die stichprobenhafte Anforderung von RAW-Dateien. Das Vertrauen werde die Concensum, ehemals Copytrack Pte. Ltd., noch aufbauen. „Wenn ein deutscher Richter zum tausendsten Mal ein Concensum-Zertifikat vorgelegt bekommt, dessen Angaben stimmen, dann wird er dem Zertifikat Vertrauen schenken“, so Schmitt. Zur Kritik am Token sagt er, Nutzer müssten diesen nicht verwenden, es würden auch traditionelle Zahlungsmethoden angeboten.

Bei der Anwaltskanzlei CLLB haben sich inzwischen mehrere Investoren gemeldet, die sich Copytrack-Token gekauft und durch deren Kursverfall Geld verloren haben. Eine Klage sei in Vorbereitung, teilt CLLB mit. Zum Zeitpunkt der Artikelveröffentlichung ist ein CPY-Token weniger als drei Cent wert.