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Stell dir vor, es fotografieren wieder Google Autos – und keiner sieht hin!

Johnny Haeusler 28.06.2018 Lesezeit 4 Min

Erneut sind Google Autos auf deutschen Straßen unterwegs, diesmal mit höher auflösenden Kameras, aber nicht mehr für Street View. Unser Kolumnist Johnny Haeusler wundert sich nur ein bisschen, dass es diesmal kaum Kritik gibt. Immerhin wird schon wieder öffentlicher Raum zu kommerziellen Zwecken fotografiert. Die wahren Herausforderungen sieht er aber eh woanders.

Nicht nur im Ruhrgebiet sind wieder mit 360-Grad-Kameras ausgestattete Google-Fahrzeuge unterwegs, auch in Berlin habe ich einen Wagen gesichtet. Als Google vor rund acht Jahren damit begann, deutsche Straßen für den Dienst Street View zu fotografieren, ging große Empörung durch die Presselandschaft. Falschinformationen machten die Runde („Jeder kann dann sehen, wenn ich auf meinem Balkon liege!“) und Hauseigentümerinnen ließen die Außenansichten ihrer Immobilien unkenntlich machen. Google hatte 2011 rund 200 Leute eingestellt, um dem Wunsch der Deutschen nach Datschenschutz nachzukommen und einzelne Hausansichten zu verpixeln.

Die Empörung über die neuen Sichtungen der Google Cars hält sich nun in sehr überschaubaren Grenzen, tatsächlich habe ich keinen einzigen Artikel gefunden, der sich darüber aufregt. Und das, obwohl die neuen Fotografien durchaus ein Thema sein könnten, denn Google erneuert mit den neuen Daten eben nicht Street View – davon hat das Unternehmen seit dem damaligen Stress und angeblich wegen der neuen DSGVO Abstand genommen. Nein, diesmal sammelt Google Fotos allein für den Kartendienst Google Maps.

Die Google-Kameras erkennen diesmal sogar Schilder mit Öffnungszeiten

Da die neuen Kameras viel höher auflösend sind als vor einem knappen Jahrzehnt, werden „Straßennamen und -schilder, Streckenführungen und Informationen über Geschäfte“ fotografiert. Sogar Schilder mit Öffnungszeiten sollen die fahrenden Kameras erkennen können, nach der Auswertung der Bilder durch „Algorithmen und Mustererkennungssysteme“ und der Integration dieser Auswertungen zur Korrektur von Google Maps soll das Material gelöscht werden.

Dass nun mobile Kameras von Google, die selbst die kleinen Schilder an Geschäften erkennen und „lesen“ können – und somit potentiell auch Namensschilder – für keinen weiteren Eklat in der Bundesrepublik sorgen, kann zum einen der fehlenden Medienaufregung zugeschrieben werden. Dabei könnten inzwischen verfügbare neuere Technologien wie die Gesichtserkennung – die ja durchaus auch bei den jetzt angelegten Datenbanken der Straßenfotografie zum Einsatz kommen könnten – doch eigentlich noch viel mehr Grund für Protest oder wenigstens kritische journalistische Nachfragen sein.

Vielleicht haben wir uns aber auch an diese neuen Technologien bereits gewöhnt, vielleicht haben wir aus der übertriebenen Hysterie bei der Einführung von Street View gelernt und erkannt: Alles nicht halb so wild, wie befürchtet. Letztendlich aber, das ist meine Vermutung, haben wir als einzelne, mehr oder weniger organisierte Privatpersonen einfach aufgegeben. Der Geist ist längst aus der Flasche, und selbst, wenn Brian Brackeen, CEO der Gesichtserkennungsfirma Kairos, davor warnt, noch nicht perfektionierte Systeme auch in Bereichen der Strafverfolgung einzusetzen, wissen wir in Wirklichkeit: Das passiert längst.

KI steht nicht mehr nur Forschern und Konzernen zur Verfügung

Seitdem Unternehmen wie Amazon per API Zugriff auf ihre Gesichtserkennung, die auch Prominente erkennen kann, als Service anbieten, und seitdem die New York Times mit Hilfe eben dieses Services eine eigene Software entwickelt und zur freien Verfügung gestellt hat, die US-Kongressmitglieder erkennt, müssen wir akzeptieren, dass Gesichtserkennung und andere Technologien, die man dem Bereich „Künstliche Intelligenz“ zuordnen kann, Realität sind. Und die eben nicht mehr nur wenigen Forschungsinstituten oder Großunternehmen zur Verfügung stehen, sondern auch Unternehmen wie Aktivistinnen, der Strafverfolgung wie Täterinnen, demokratischen wie totalitären Regierungen. Immer schneller werden Technologien, die noch vor wenigen Jahren geradezu magischen Charakter hatten, zu beinahe alltäglichen Tatsachen, die von fast allen genutzt werden können.

Nun sind das alles im Detail wahrscheinlich keine Meldungen und Erkenntnisse, die jeden Hausverpixler in Deutschland dazu veranlasst haben, sich nicht mehr über Google Cars zu ärgern. Dennoch hat sich – glaube ich – im kollektiven Bewusstsein die Tatsache manifestiert, dass jede technische Errungenschaft immer für gute und schlechte Zwecke eingesetzt werden kann, dass eine Technologie also nicht per se gut oder schlecht sein muss.

Technologie kann nicht gestoppt, höchstens kontrolliert werden

Kommt nun noch die auch nicht ganz unwichtige Erkenntnis hinzu, dass verfügbare Technologien vor allem nicht gestoppt, sondern höchstens so gut wie möglich kontrolliert werden können, dann sind wir endlich bei der wirklich nötigen Debatte um den technologischen Fortschritt angelangt, nämlich der ethischen. Diese Diskussion zu führen, die Fragen nach der modernen Welt zu beantworten, in der wir wirklich in Frieden und Freiheit leben und arbeiten wollen und können, sollte Aufgabe aller Konferenzen und ThinkTanks sein, die aus dem Boden sprießen.

Ach ja, und sie muss Aufgabe einer angemessenen und weitsichtigen Politik sein, die sich mit „4.0“-Zusätzen zwar gerne der Disruption aller möglichen Branchen widmet und Großaufträge für Flugtaxis vergibt, die wirklich dringenden Fragen aber nicht in und mit der breiten Öffentlichkeit diskutiert oder gar beantwortet.

Als Fazit bleibt daher, dass weiterhin hohe zivilgesellschaftliche Wachsamkeit vonnöten ist. Vielleicht war der Protest gegen Street View etwas zu hoch gekocht und übersensibel. Die kritische Beobachtung und Bewertung dessen, was mit Technologien möglich ist und zugelassen wird, darf jedoch nicht aufhören.