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SpaceX schießt heute Gemüsegärten und Kunst ins All

Michael Förtsch 03.12.2018 Lesezeit 5 Min

Heute Abend wird SpaceX eine Rakete ins All feuern, die Dutzende größere und kleine Satelliten aussetzen soll. Darunter sind auch einige exotische Experimente. Beispielsweise ein Gemüsegarten und ein zusammengefaltetes Kunstwerk, das die kommenden Monate am Nachthimmel funkeln soll.

Es wird einer der größten Satelliten-Huckepack-Flüge überhaupt. Um 19:30 Uhr an diesem Montag soll SpaceX eine Falcon 9 von der Vandenberg Air Force Base in Kalifornien, USA ins All starten. Die soll ganze 64 Satelliten im Erdorbit aussetzen – was natürlich live auf Youtube verfolgt werden kann. Mehr hat bislang nur Indien geschafft. Nämlich mit seiner PSLV-Rakete, die vor einem Jahr gleich 104 Satelliten ins All hievte. Organisiert wird die SSO-A getaufte Mission vom Raumfahrtunternehmen Spaceflight Industries. Das hat den Flug der SpaceX-Rakete schon vor drei Jahren für rund 60 Millionen US-Dollar geordert und seitdem Mitfluggelegenheiten an allerlei Kunden weiterverkauft. Dadurch befindet sich eine wirklich bunte Mischung aus Experimenten, High-Tech-Gerät und anderen Projekten an Bord.

Unter den Mitreisenden sind 15 vergleichsweise große Microsats, die unter anderem vom Google-Unternehmen Planet zur Erdbeobachtung genutzt werden. Bei den 49 restlichen Passagieren handelt es sich hingegen um sogenannte CubeSats. Die rund Schuhkarton-großen Satelliten werden seit Jahren vermehrt eingesetzt und taugen sowohl zur Kommunikation, Erd- und Wetterüberwachung oder auch als Träger von kleinen Forschungsversuchen. Die meisten davon wurden von Universitäten und Start-ups konstruiert. Einer stammt zudem von einem Künstler, der damit eine nicht unumstrittene Skulptur im All schaffen will.

Eine Skulptur im All

Der US-Künstler Trevor Paglen, der unter anderem an der Snowden-Dokumentation Citizenfour beteiligt war und geheime Militäreinrichtungen fotografierte, will mit dem heutigen Start der SpaceX-Rakete seinen über Jahre hinweg geplanten Orbital Reflector im All platzieren. Der soll nicht das erste aber bislang größte Kunstwerk in der Erdumlaufbahn werden. Dabei handelt es sich um einen CubeSat, der in Zusammenarbeit mit dem Nevada Museum of Art und den Raumfahrtingenieuren von Spaceflight Services und Global Western entstand.

Nach dem der kleine Satellit im Orbit angekommen ist, soll er Solarpaneele ausfahren, Sonnenenergie tanken und dann eine Klappe öffnen. Durch die wird dann eine Polyester-Folie freigelassen, die mit stark reflektierendem Titandioxidpulver beschichtet wurde. Binnen einiger Stunden soll die sich zu einer 30 Meter langen Diamantform entfalten, die durch ihre spiegelnde Oberfläche von der Erde aus mit bloßem Auge sichtbar sei. Rund zwei Monate soll sich der Satellit im All halten können und mit der App Star Walk 2 verfolgbar sein, um seine Überflüge abzupassen. Sein Aufblitzen am Himmel soll dem Aufleuchten der Iridium-Flares gleichen.

Paglen sagt, er wolle mit dem Orbital Reflector „einen Grund schaffen, in den Himmel zu schauen.“ Wissenschaftler kritisieren dieses und andere derartige Kunstprojekte jedoch mittlerweile recht scharf. Denn solche Satelliten würden keinen tatsächlichen Wert oder eine nützliche Funktion mitbringen, sondern nur zur Vermüllung des Erdorbit beitragen.

Ein weiteres Kunstwerk, das mit ins All fliegt kommt vom Los Angeles County Museum of Art. Dabei handelt es sich um eine kleine 24-Karat-Gold-Statue von Robert Henry Lawrence Jr., dem ersten afroamerikanischen Raumfahreranwärter. Er sollte zur Besatzung des geplanten Manned Orbiting Laboratory gehören. Allerdings starb er bei einem Testflug in einer F-104 Starfighter.

Ein Gemüsegarten für den Mars

Auch ein Experiment des DLR ist bei der Mission SSO-A mit dabei. Der Microsat EuCropis soll zwei Mini-Gewächshäuser ins All bringen und dort durch Rotation für sechs Monate die Schwerkraft des Mondes und weitere sechs Monate die Gravitation auf dem Mars simulieren. Ein Drucktank soll für irdische Atmosphäre und LED-Lampen für einen Tag-Nacht-Zyklus sorgen. Über ein Dutzend Kameras werden dabei im Auge behalten, ob und wie unter diesen Bedingungen aus einzelnen Samen essbare und gesunde Zwergtomaten wachsen. Aus künstlichem Urin wird zudem Dünger gewonnen. Kleine Augentierchen, Filteranlagen und andere Mikroorganismen sollen überschüssiges Ammoniak abbauen und Sauerstoff generieren.

Während seines Fluges im All wird EuCropis vom Raumfahrtkontrollzentrum in Oberpfaffenhofen und dem Nutzerzentrum für Weltraumexperimente in Köln überwacht und mit Kommandos versorgt. Das Ziel des aufwendigen Experimentes ist es, herauszufinden, ob und wie gut sich Astronauten auf Langzeitmissionen in Habitaten auf dem Mond und Mars oder auch auf einem Raumschiff bei einer mehrmonatigen Mission mit frischem Gemüse versorgen könnten. Wobei einige der getesteten Technologien ebenso auf der Erde bei vertikalen Farmen in Hochhäusern oder in unzugänglichen Forschungsaußenposten an den Polen einsetzbar wären.

Die weiteren Mitreisenden

Ebenfalls an Bord der Rakete ist ein CubeSat der University of North Carolina in Wilmington, der hochaufgelöste Aufnahmen der Meere anfertigen soll. Er soll als Testlauf für ein umfassendes Ozeanüberwachungssystem herhalten, das es vereinfachen soll, Strömungen und Temperaturveränderungen in den Weltmeeren zu protokollieren. Der von der King Mongkut’s University of Technology North Bangkok konstruierte Mini-Satellit KNACKSAT soll ebenfalls fotografieren: Seine Aufnahmen der Erdoberfläche sollen im Internet frei zugänglich gemacht und an thailändischen Schulen genutzt werden.

Gänzlich kommerziell sind hingegen die Satelliten Centauri 1 und 2 des Start-ups Fleet. Mit ihnen will das Unternehmen einen Schritt hin zu einem umfassenden Satelliten-gestützten Internet of Things tun, das es ermöglicht, beispielsweise Frachtschiffe auf dem Ozean, LKWs im Outback von Australien oder aber auch sonst vom Internet losgelöste Geräte, Sensoren und Recheneinrichtungen sowohl Daten senden und empfangen zu lassen.

Insgesamt kommen die Satelliten bei SSO-A aus 17 verschiedenen Ländern – darunter auch die Schweiz, Südkorea, Großbritannien, Kanada und Brasilien. Im Orbit angekommen, soll es zwischen sechs und acht Stunden dauern, alle Satelliten freizulassen. Denn sie müssen nach und nach aus einem komplexen Gerüst ausgeklinkt und mit einem leichten Schubs angestoßen werden, um nicht miteinander zu kollidieren.