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So kämpfen Guerilla-Redakteure auf Wikipedia gegen Verschwörungstheorien

Louise Matsakis (WIRED US) 31.07.2018 Lesezeit 8 Min

Wer sorgt dafür, dass sich Verschwörungstheorien, Aberglaube und Pseudowissenschaft bei Wikipedia oft nicht lange halten? Eine Gruppe von Guerilla-Redakteuren aus der ganzen Welt. Sie müssen sich mit angeblichen Entführungen durch Aliens genauso herumschlagen wie mit bizarren Gesundheitstipps von Gwyneth Paltrow.

In ihrem früheren Leben hat Susan Gerbic Babys fotografiert, in einem Kaufhaus im kalifornischen Städtchen Salinas, etwa 150 Kilometer südlich von San Francisco. Inzwischen hat die 55-Jährige ihr Leben etwas ganz anderem gewidmet: Wikipedia.

Gerbic gehört der Skeptikerbewegung an, die gegen Pseudowissenschaft und Aberglauben vorgehen will – und zwar mit kritischem Denken, wissenschaftlicher Forschung und empirischer Beweisführung. Im Jahr 2010 startete Gerbic ein Wikipedia-Projekt zur „Verbesserung der skeptischen Inhalte“ der Enzyklopädie. Seitdem schreibt sie neue Artikel und verbessert vorhandene. Zu ihren Themen gehören Menschen, die behaupten, übernatürliche Fähigkeiten zu haben, oder Gruppen, die glauben, dass die Erde flach sei.

Heute hat das Projekt Guerrilla Skepticism on Wikipedia, kurz GSoW, mehr als 120 ehrenamtliche Redakteure aus aller Welt, die Susan Gerbic selbst rekrutiert und ausgebildet hat. Sie sind gemeinsam verantwortlich für einige der meistgelesenen Artikel der Website zu Scientology, UFOs oder Impfstoffen.

YouTube, Google und Facebook setzen auf Wikipedia

In den letzten Jahren haben sich Unternehmen wie YouTube, Google und Facebook an Wikipedia gewandt, um die Verbreitung von Fehlinformationen und Verschwörungstheorien auf ihren eigenen Plattformen zu bekämpfen. Die Enzyklopädie ist zwar nicht völlig immun gegen Manipulationen, hat sich aber als weitgehend zuverlässige Quelle für korrekte Informationen erwiesen. Auch Dank Susan Gerbic und ihren Mitstreitern: Das GSoW-Projekt entlarvt oft die gleichen schädlichen Verschwörungstheorien, mit denen die großen Plattformen zu kämpfen haben, was bedeutet, dass die Redakteure von GSoW eine wichtige Rolle in diesem Kampf spielen.

GSoW-Redakteure haben gemeinsam mehr als 630 Wikipedia-Seiten erstellt oder komplett neu geschrieben, die zusammen über 28 Millionen Seitenaufrufe verzeichneten. Sie arbeiten dabei in mehreren Sprachen – neben Englisch auch in Spanisch, Französisch und Arabisch. Eine private Gruppe auf Facebook, die Secret Cabal genannt wird, fungiert als eine Art Dienststelle, wo die Mitglieder über ihre Bearbeitungen diskutieren und entscheiden, welche Artikel als nächstes in Angriff genommen werden sollen.

Die gewählten Themen bieten einen Einblick in die verschiedenen Möglichkeiten, wie Menschen auf Wikipedia landen und wie sie Informationen im Internet allgemein finden. Nehmen wir Stan Romanek, einen UFO-Fan, der sagt, er sei von Außerirdischen kontaktiert worden. Die GSoW-Redakteure schrieben seinen Wikipedia-Artikel vor einigen Jahren und arbeiteten dabei einige Informationen ein, die Zweifel an seinen Behauptungen aufkommen ließen – zum Beispiel ein Interview, in dem Romanek zugab, einige seiner Beweise gefälscht zu haben. Im Juli letzten Jahres wurde die Seite wieder relevant, als Netflix einen Dokumentarfilm mit dem Titel Extraordinary: The Stan Romanek Story aus dem Jahr 2013 in seinem Streaming-Service aufnahm. Der Traffic auf Romaneks Wikipedia-Seite stieg in diesem Monat deutlich an und erreichte an einem Tag fast 45.000 Besucher.

Das war kein Zufall; Plattformen wie Netflix sorgen regelmäßig für Traffic auf Wikipedia. GSoW schrieb auch die Seite für What the Health, einen Dokumentarfilm über Veganer, der ebenfalls letztes Jahr veröffentlicht wurde und wegen seiner Behauptungen über die Risiken des Verzehrs von Fleisch und Milchprodukten kritisiert wurde. Mittlerweile hat der Wikipedia-Artikel über 600.000 Seitenaufrufe. Aber es muss nicht gleich Netflix sein. Gerbics Team muss ebenso oft auf zweifelhafte Behauptungen von Familien und Freunden reagieren.

Die Leute schickten mir Links zu Wundermitteln im Internet, wonach man Karottensaft und Sauerstofftherapie ausprobieren sollte.

Robin Cantin, GSoW-Redakteur

Robin Cantin, 47, ein Beamter aus Montreal, der auf Französisch und Englisch redigiert, kam letztes Jahr zu GSoW. Mehrere Menschen aus seinem Umfeld hatten damals eine Krebs-Diagnose bekommen. Daher verschickten Freunde mit guten Absichten unwissenschaftliche Gesundheitsinfos, die sie irgendwo im Netz gefunden hatten. „Die Leute schickten mir Links zu Wundermitteln im Internet, wonach man Karottensaft und Sauerstofftherapie ausprobieren sollte“, sagt Cantin. „Wikipedia gab klare Informationen zu solchen komischen Dingen. Wikipedia-Autoren behaupteten, sowas könnte Probleme lösen, die ich selbst erlebte.“

Seit seinem Eintritt bei GSoW hat Cantin auch deshalb auch an Seiten für medizinische Wundermittel gearbeitet. Besonders gerne schreibt er auch die Artikel über echte Wissenschaftler, zum Beispiel über Jennifer Gunter, eine kanadisch-amerikanische Gynäkologin und Autorin. Sie wurde bekannt durch ihre kritischen Kommentare zu absurden Gesundheitstipps, die Prominente manchmal abgeben. Sie ist die Ärztin, die andere Frauen darauf hinwies, dass es keine gute Idee ist, sich Jade-Eier in die Vagina zu stecken, obwohl das auf der Internetplattform Goop behauptet wurde. Goop gehört der Hollywood-Schauspielerin Gwyneth Paltrow.

Selbst Olympioniken verwenden zweifelhafte Baumwollklebebänder

Rob Palmer, 60, ein GSoW-Redakteur aus New Jersey, sagt, er habe auch Artikel geschrieben, um ganz gezielt Behauptungen von Freunden und Familie zu widerlegen. Er hörte, wie seine Mitarbeiter von den gesundheitlichen Vorteilen eines elastischen therapeutischen Klebebandes schwärmten, des inzwischen weit verbreiteten kinesiologischen Tapes. Dabei handelt es sich um eine Art Baumwollklebeband, das angeblich zur Behandlung von Schmerzen getragen wird. Daher beschloss er, sich damit auseinanderzusetzen. Es stellte sich heraus, dass in wissenschaftlichen Untersuchungen nur wenige reale gesundheitliche Vorteile im Zusammenhang mit dem Tragen des Bandes gefunden wurden. Also arbeitete Palmer dies bei Wikipedia in den Artikel ein.

Viele Sportler vertrauen mittlerweile auf Kinesio-Tapes. Ihr Nutzen ist wissenschaftlich aber kaum belegt.

Trotzdem wurde das obskure klebrige Bauwollband von zahlreichen Athleten während der Olympischen Winterspiele in Südkorea Anfang des Jahres getragen, wie Palmer betont. „Ich habe es bei den Eiskunstläufern gesehen, da war ich schon sehr enttäuscht“, sagt Palmer. „Es ruinierte das ganze Outfit!“

Palmer und andere GSoW-Redakteure helfen auch, Suchmaschinenanfragen zu beantworten, für die es nur wenige unvoreingenommene und relativ vertrauenswürdige Ergebnisse gibt. Wenn man beispielsweise bei Google auf Englisch „elastisches Therapieband“ eingibt, tauchen wahrscheinlich einige Firmen auf, die ihr Produkt verkaufen wollen. Es gibt auch einen schwer zu lesenden Artikel aus einer medizinischen Zeitschrift, aber zum größten Teil ist die Wikipedia-Seite, die Palmer geschrieben hat, eine der wenigen zugänglichen und unvoreingenommenen Ressourcen für Sportler oder andere, die daran interessiert sind, das Band zu benutzen.

Wikipedia-Seiten sind auch besonders wichtig in den Suchergebnissen, da Google oft Informationen aus ihnen in seine „Knowledge Panels“ einbindet, also die Informationsfenster, die angezeigt werden, bevor der Nutzer auf eine andere Website klickt. Wenn Wikipedia-Artikel bewusst verunstaltet werden, zeigen diese Boxen manchmal ungenaue und problematische Inhalte an.

YouTube will mit Wikipedia Falschinformationen bekämpfen

Anfang des Jahres kündigte YouTube eine neue Funktion zur Bekämpfung der Verbreitung von Fehlinformationen auf seiner Plattform an, nachdem zahlreiche Berichte dokumentiert hatten, wie die Empfehlungsalgorithmen immer radikalere Inhalte suggerierten. Neben einigen Videos zu Verschwörungstheorien wird das Unternehmen nun auch auf Ressourcen von Drittanbietern wie Wikipedia verweisen, um den Zuschauern genauere Informationen zur Verfügung zu stellen.

Die Ankündigung kam für die Redakteure von Wikipedia und die Wikimedia Foundation, die die Enzyklopädie erst möglich macht, überraschend. Einige kritisierten YouTube, dessen Muttergesellschaft gerade einen Gewinn von 3,2 Milliarden Dollar gemeldet hat, für die Auslagerung von Content-Moderation an eine von Freiwilligen geführte Organisation. „Ich finde es erstaunlich, dass reiche Unternehmen wie Google und YouTube so etwas machen“, sagt Gerbic. GSoW erwartet einen Anstieg des Besucheraufkommens auf Wikipedia-Seiten über Verschwörungstheorien und plant daher Änderungen an verwandten Artikeln. Es gibt auch das Potenzial für Vandalismus, obwohl Wikipedia über Sicherheitsvorkehrungen verfügt, wie die Möglichkeit für Administratoren, Seiten zu sperren. Dennoch zeige die Entscheidung von YouTube, sich auf Wikipedia zu verlassen, „dass wir erfolgreich sind und ich freue mich sehr darüber“, sagt Gerbic. „Genau dafür ist mein Team ausgebildet.“

Es ist gar nicht so einfach, Wikipedia-Artikel zu bearbeiten

Technisch gesehen kann theoretisch jeder Wikipedia-Seiten bearbeiten, aber die Seite wurde in der Praxis als übermäßig bürokratisch. Für Neulinge ist sie schwer zu verstehen. Zum Beispiel müssen alle Änderungen in einer besonderen Auszeichnungssprache namens Wikitext vorgenommen werden, was ziemlich mühsam sein kann. Die GSoW-Gründerin Susan Gerbic kämpfte vor Jahren selbst mit ihren ersten Bearbeitungen.

Daher entwickelte sie ein umfassendes Trainingsprogramm für neue GSoW-Mitglieder, das Fähigkeiten und Tricks vermittelt, die jemand, der alleine arbeitet, erst nach einigen Jahren beherrschen kann. Darüber hinaus bietet GSoW den Redakteuren eine Community für zusätzliche Unterstützung und Zusammenarbeit. Wikipedia besteht aus Tausenden von WikiProjects – Gruppen von Redakteuren, die gemeinsam an Artikeln zu ähnlichen Themen arbeiten – aber nicht alle bieten das gleiche Ausbildungsniveau wie Gerbic.

Die GSoW-Mitglieder sagen, dass ihre Arbeit größtenteils von anderen Wikipedia-Redakteuren begrüßt wird, die in der Regel detailorientiert sind und ähnlich großen Wert auf wissenschaftliche Erkenntnisse legen. „Alles, was nicht unterstützt wird, was nicht aus einer sicheren Quelle kommt, hält sich dort nicht lange. [Wikipedia] hat sehr starke Antikörper. Wenn die Bots es nicht finden, dann wird es irgendein Redakteur tun“, sagt Patrick Maher, 36, ein GSoW-Editor, der gerne an kontroversen Seiten arbeitet, wie der für den Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln, der manchmal fälschlicherweise mit Autismus in Verbindung gebracht wurde.

Das heißt aber nicht, dass Gerbic und ihr Team nie unter Druck gesetzt werden. Als sie an der Seite für Tyler Henry arbeiteten – ein berühmter Hellseher, der behauptet, mit den Toten kommunizieren zu können – versuchte ein anderer Redakteur, ihre Updates zu löschen. Der Redakteur, sagt Palmer, hat versucht, die Seite so zu überarbeiten, dass sie keine Quellen mehr zitiert, die die übernatürlichen Fähigkeiten von Henry in Frage stellen. Diese Änderungen wurden aber schnell von einem anderen Wikipedia-Editor wieder aufgehoben.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com
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