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Sex-Tech: Können Roboter im Bett den Menschen ersetzen?

Cindy Michel 27.06.2018 Lesezeit 9 Min

VR-Porn, High-Tech-Vibratoren oder Roboter, die einen zum Orgasmus bringen: Sex-Tech ist längst in unseren Schlafzimmern angekommen. Doch können künstlich intelligente Roboter wirklich den menschlichen Partner ersetzen? „Sie können viel, aber das nicht!“, meint Erotikforscherin Mal Harrison. Warum sie so denkt und weshalb wir trotzdem Tech brauchen, um öffentlich über Sex zu sprechen, erklärte sie im Gespräch mit WIRED Germany beim Tech-Open-Air (TOA).

Sex-Tech ist eines der heißesten Themen, das jedes Jahr beim TOA in Berlin die Säle restlos füllt. Die meist weiblichen Speakerinnen nehmen kein Blatt vor den Mund, analysieren den Status Quo der Branche, die jährlich immerhin einen Umsatz von über 30 Milliarden US-Dollar erzielt. Sie diskutieren die Zukunft der Liebe und der Leidenschaft – mit oder ohne Technologie. In diesem Jahr geht es um die Evolution des Sexlebens. Erotikforscherin Mal Harrison erläutert, wie Technologie unser Sexualverhalten verändert und überlegt, wie viele Menschen sich in gar nicht allzu ferner Zeit als technosexuell outen könnten.

Auf der Bühne wirkt Mal Harrison schüchtern, fast ein bisschen zerbrechlich. Die Amerikanerin klammert sich an ihre handgeschriebenen Karten, liest ab. Doch sie setzt bewusst Pointen, weiß genau, wann sie für Lacher und wann für Empörung sorgt, blickt halb provozierend, halb kokettierend mit einem Grinsen auf den Lippen an immer genau den richtigen Stellen ins Publikum. Sie spielt mit den Zuschauern, setzt ihre erotische Ausstrahlung gekonnt ein. Das scheint zu funktionieren.

Harrison: Wir müssen an unserer „erotischen Intelligenz“ arbeiten

Nach ihrem Talk scharen sich weibliche wie männliche Techies um die Gründerin des Center of Erotic Intelligence, wollen weiter mit ihr diskutieren, über Sexualpraktiken mit Robotern, Feminismus, Gadgets, die es noch zu erfinden gilt und manche sogar über die „Essenz des sexuellen Seins“. Geduldig erläutert sie der Crowd im Gang noch einmal, dass der Mensch dringend an seiner erotischen Intelligenz arbeiten müsse. Harrison definiert diese als Zusammenspiel von extremen Körper- wie Selbstbewusstsein, kreativem Vorstellungsvermögen und sozialer wie emotionaler Intelligenz.

Als auch der letzte analoge Follower sich verabschiedet hat, zieht sie eine kurze schwarze Bomberjacke über ihr Top im Kirschenmuster, auf dem Rücken der Jacke prangt in goldenen Lettern: „Respect The Pussie“. „Ich liebe diese Jacke“, sagt sie und lächelt. „Wollen wir das Interview gleich hier führen?“

WIRED: Neue Technologien, neue Möglichkeiten: Was bringt uns Sex-Tech?
Mal Harrison: Zu Sex-Tech zähle ich alles, was uns in sexueller wie romantischer Weise weiterbringt. Viele denken da sofort an VR-Porn oder Vibratoren, aber eigentlich beginnt die Geschichte des Sex-Tech mit der Erfindung des Feuers, stell dir den Spaß vor, als sich unsere Vorfahren das erste mal vor dem Feuer geliebt haben...Wir spulen vor, Mitte des 19. Jahrhunderts kam dann das Kondom und später die Pille dazu. Erst heute haben wir es mit VR-Porn oder KI-Sex-Robotern zu tun. Klar können wir damit Spaß haben und spannende Dinge ausprobieren, aber das ist es nicht mal. Das Besondere an diesem Sektor ist, dass wir die Diskussion über sexuelle Gesundheit und Aufklärung plötzlich in aller Öffentlichkeit führen können. Bislang waren diese Themen ziemlich tabu. Wenn sich überhaupt jemand traute, darüber zu sprechen, dann hinter vorgehaltener Hand und oft mit Schamröte im Gesicht. Aber jetzt, wo Sex mit Tech in Verbindung gebracht wird, sprechen wir plötzlich darüber. Tech hat das Gespräch über Sex salonfähig gemacht.

WIRED: Welches Sex-Tech-Gadget benutzt du täglich?
Harrison: Auf jeden Fall meine Hormon-App. Basierend auf meinem Zyklus erläutert sie mir jeden Tag aufs Neue an, wie mich meine Hormone beeinflussen. Sie zeigt mir an, wie viel Lust auf Sex ich haben werde oder wie groß mein Appetit sein wird. Sie schlägt mir sogar bestimmte Nahrungsmittel vor, um meine Stimmungsschwankungen und Energiehaushalt in den Griff zu bekommen. Sie hilft mir, bewusster mit meinem Körper umzugehen und ihn zu verstehen. Ziemlich gute Sache.

Roboter, KI hin oder her, kann man nicht erobern. Wo bleibt da der Spaß?

Mal Harrison

WIRED: Roboter sind derzeit überall gefragt. Im All, in Hollywood, beim Militär und neuerdings auch im Bett. Welche positiven Effekte kann der Sex mit einer Maschine auf Menschen haben?
Harrison: Mit einem Sexbot könnte etwa eine Frau experimentieren und erfahren, wie sie am besten zum Orgasmus kommt – ohne all diese aufreibenden Gedanken, die ihr womöglich durch den Kopf schießen, wenn sie mit einem echten Menschen im Bett ist. Sie müsste sich also keine Sorgen darüber machen, ob sie sich rasiert oder geduscht hat. Und sie müsste sich vor allem nicht um das Ego des Bots sorgen oder ob er lange genug durchhält. Sie könnte sich einfach nur auf sich und den Sex konzentrieren, herausfinden, welcher Winkel und Stellung für sie am schönsten ist.

WIRED: Gut für Frauen. Aber was ist mit den Männern?
Harrison: Der Sex mit Maschinen könnte vor allem für all jene Männer gut sein, die unter Druck stehen, sich davor fürchten, nicht gut genug im Bett zu sein. Mit einem Roboter könnten sie diese Ängste verlieren. Und heterosexuelle Männer, die grundsätzlich einfach mehr Sex als ihre Frauen wollen, können natürlich auch von Sexbots profitieren. Angeblich könne man so sogar Ehen retten. Ich habe von einem Sex-Puppen-Hersteller gehört, der behauptet, Sex-Puppen hätten seine Ehe gerettet, da seine Frau nicht so oft wolle wie er. Wir müssen uns nur immer vor Augen halten, dass es sich dabei tatsächlich um Maschinen und unbelebte Materie handelt und sie nicht mit echten Menschen verwechseln.

WIRED: Wäre es bedenklich, wenn der ein oder andere grundsätzlich lieber mit Maschinen als Menschen Sex hat?
Harrison: Das kommt darauf an. Weil Roboter es einem so einfach machen, versteifen sich manche Menschen auf Maschinen und versuchen immer weniger mit echten Menschen in Kontakt zu treten. Das wiederum wirkt sich negativ auf ihre soziale Intelligenz aus, mindert diese. Genau diese ist es aber, die den Menschen fehlt, die überhaupt erst nicht genügend Sex bekommen haben – und deswegen auf Puppen oder Roboter zurückgreifen. Sexbots können so falsche Vertrautheit oder falsche Intimität fördern – wenn der Mensch das merkt, wird das seelische Leid nur noch größer.

WIRED: Also sollten wir grundsätzlich die Finger von Roboter-Sex lassen?
Harrison: Nein, nein. Wie gesagt, er hat seine Vorteile. Wir müssen nur ganz bewusst damit umgehen. Wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass es sich dabei niemals um echte Menschen handelt, die uns ehrlich und ernsthaft begehren können, dann können sie sicherlich tolle Spielzeuge sein, die eine Menge Spaß machen – vorausgesetzt, sie werden noch leichter und billiger. Für mich persönlich gibt es nichts aufregenderes und spannenderes, als einen Menschen zum allerersten Mal zu entkleiden und diesen dann erstmalig nackt und schutzlos zu sehen. Es ist ein Moment der Akzeptanz, der Absicherung, der Bestätigung – der Moment, in dem man sich lebendig fühlt. Ein Sexbot wird einem niemals dieses Gefühl geben können. Einen Roboter, KI hin oder her, kann man auch nicht wirklich erobern. Wo bleibt da der Spaß?

Ich würde einen Roboter, der mir die Nägel macht, einem Sexbot vorziehen!

Mal Harrison

WIRED: Die echte Liebe gibt es also deines Erachtens nur unter Menschen. Dann wäre es doch optimal, wenn Androiden uns helfen könnten, unsere menschlichen Beziehungen zu verbessern?
Harrison: Absolut. Wenn intelligente Maschinen erkennen könnten, wann wir erregt oder angespannt sind, uns fürchten oder aufregen, könnten sie uns helfen, die jeweilige Situation zu meistern. Sie könnten uns etwa verschiedene Optionen aufzeigen, wie wir reagieren könnten – so könnten uns Maschinen unterstützen, unsere emotionale Intelligenz zu verbessern. Außerdem, alles was ein Android für uns erledigen kann, damit wir mehr Zeit für uns und andere Menschen haben, sollte man ihm beibringen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich würde einem Sexbot einen Roboter vorziehen, der einen perfekten Martini mixen kann, das Haus putzt und meine Nägel macht, dann hätte ich nämlich mehr Zeit für Sex.

WIRED: Eine Welt, in der Roboter mit uns Geschlechtsverkehr haben oder unsere Nägel machen ist auch ein Ort, an dem man vielleicht nicht mehr zwischen Mensch und Maschine unterscheiden kann. Wie sieht es da mit Ethik und Moral aus?
Harrison: Die großen Fragen, die wir uns selbst stellen sollten: Könnte die Entwicklung andere Menschen verletzen? Oder könnte sie in ferner Zukunft sogar der Menschheit schaden? Ein Unternehmen in Japan etwa produziert Sex-Roboter, die wie Kinder aussehen. Die sogenannten Pedobots, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, sollen schon bald auf den Markt kommen. Angeblich sollen sie Pädophile davon abhalten, sich an Kindern zu vergreifen. Bislang gibt es meines Erachtens dazu überhaupt keine empirischen Belege. All diese Jahre, die ich nun schon damit verbringe, die menschliche Sexualität und erotische Psyche des Menschen zu erforschen, haben mir gezeigt, wie unterschiedlich wir alle sind. Somit sicher auch der Effekt, der ein Pedobot auf die Menschen haben wird. Jeder wird anders darauf reagieren. Bei manchen Pädophilen könnte der Einsatz von Kinder-Sex-Robotern funktionieren und ihr krankhaftes Bedürfnis stillen. Bei anderen wird er aber das Verlangen, Kinder zu misshandeln, nur noch verstärken. Das ist nur ein Beispiel, das zeigt, wir brauchen die öffentliche Diskussion. Nicht nur über Sex-Tech, sondern generell über Sex.

WIRED: Wie hat Technologie unsere Art zu lieben verändert?
Harrison: Sie hat uns die Augen für Möglichkeiten geöffnet, die wir uns bisher nicht mal in unseren kühnsten Träumen vorstellen konnten. Wir können mehr erforschen, kreativer aktiv werden – vor allem in unseren Schlafzimmern. Doch in der Vielzahl der neuen Möglichkeiten liegt auch die Crux: Bei Dating-Apps etwa scheint es, als hätten wir eine schier unbegrenzte Auswahl an möglichen Partnern – dennoch können wir uns auf keinen so richtig festlegen. Das hat mit dem Paradox of Choice zu tun. Die Studie belegt, dass unser Gehirn nach fünf bis neun Optionen einfach dicht macht – und wir uns für gar nichts mehr entscheiden können. Das frustriert. Und wenn wir nicht aufpassen, unterdrückt uns die neue Technologie.

WIRED: Kannst du mir dafür ein Beispiel nennen?
Harrison: Etliche Menschen lernen aus Pornos, wie Geschlechtsverkehr auszusehen hat, anstatt sich einfach auf eine Person einzulassen und mit dieser, dieses wunderbare Feld zu erforschen. Die Kehrseite dabei ist, dass Sex zu einer Performance wird, anstatt das zu sein, was es eigentlich sein soll – und zwar Genuss.