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San Francisco wird für Normalverdiener unbezahlbar – werden sie schon durch Roboter ersetzt?

Dominik Bardow 07.12.2018 Lesezeit 6 Min

Ein Vollzeit-Job in einem Restaurant oder an der Kasse reicht in San Francisco nicht mehr, um die explodierenden Mieten zu bezahlen. Verantwortlich sind Google- und Facebook-Mitarbeiter. Gleichzeitig kommen gerade in der Silicon-Valley-Hauptstadt immer mehr Service-Roboter zum Einsatz. Die echte Bedrohung für den Arbeitsmarkt sind aber automatisierte Supermärkte.

Die Zukunft liegt in der Folsom Street 680. Dort, mitten in San Francisco, befindet sich das Roboter-Restaurant „Creator“. Die Hamburger werden hier nicht von Menschen zubereitet, sondern von einer Maschine. Die vollautomatische Fast-Food-Filiale sorgte bei ihrer Eröffnung vergangenen Sommer weltweit für Schlagzeilen. Es wirkte wie der erste Schritt in eine durchtechnisierte Zukunft, die ohne menschliche Mitarbeiter auskommt. So etwas macht natürlich nicht nur WIRED neugierig: Wie funktioniert und wie schmeckt das?

Auch fünf Monate nach der Eröffnung stehen in Downtown San Francisco die Kunden Schlange für den Roboter-Burger. „Creator“ öffnet derzeit nur an drei Tagen die Woche, für jeweils zweieinhalb Stunden zur Mittagszeit. Die Maschine soll ihre Kapazität erst langsam erhöhen, dabei kann sie bereits jetzt bis zu 120 Burger die Stunde produzieren.

Im Roboter-Restaurant arbeiten erstaunlich viele Menschen

Die erste Überraschung erlebt der Besucher schon am Eingang der verglasten Ladenfront: Menschen. Echte Menschen nehmen noch in der Schlange die Bestellung auf und tippen sie in ein Tablet ein. „Ich dachte, das Restaurant ist voll-robotisch?“ „Noch nicht“, antwortet die Angestellte, lacht und gibt die Bestellung ein: Jeder Burger kostet hier sechs Dollar.

Schnell nachgezählt: Elf Mitarbeiter kommen hier zur Mittagszeit auf etwa 40 Kunden. Das sind mehr als in normalen Burgerläden. Drei Angestellte nehmen Bestellungen auf, drei geben die fertigen Burger am Tresen aus. Zwei Mitarbeiter bereiten in der Küche die Zutaten vor, die übrigen Menschen befüllen die Maschine. Die ist vier Meter lang, wurde über acht Jahre entwickelt, hat knapp eine Million Dollar gekostet – und sieht aus wie eine Schulkantine mit Fließband.

Wie durch eine Rohrpost rutschen die Brötchen zu einer Toaster-Rampe. Von dort fallen sie auf ein Förderband. Aus weiteren durchsichtigen Röhren regnen Gurken, Zwiebeln und Tomaten kleingehäckselt herab auf das weiterwandernde Brötchen. Dazu kommen noch Salat, Soße und Käse, aus einem Ofen rutscht das Hackfleisch heran – fertig ist der Burger, in unter fünf Minuten. Abholen muss man ihn selbst.

Und er schmeckt: okay. Ein Burger eben. Gutes Fleisch, bisschen viel Zwiebeln. An der Rezeptur können sie noch arbeiten. Aber es geht hier offenbar eher um die Optik: Der Laden wirkt mit seinen hohen Decken, dem weißen Interieur samt hölzernen Tischen und der säuselnden Lounge-Musik im Hintergrund eher wie ein skandinavisches Designermöbelgeschäft. Vor der gläsernen Maschine stehen Schaulustige und machen Fotos. Der Apparat wirkt eher wie eine Attraktion für Hipster in der Mittagspause als ein Prototyp, den Fast-Food-Ketten demnächst kopieren könnten.

Eine Ein-Zimmer-Wohnung in San Francisco kostet 3334 Dollar

„Freundlich, oder?“, sagt der Filialleiter. „Wir halten es gern nett und entspannt.“ Statt Angestellte einzusparen, sollen sie hier Zeit zur Weiterbildung erhalten: Fünf Prozent ihrer Arbeitszeit stehen ihnen angeblich zum Lesen frei. Bei einer Acht-Stunden-Schicht wären das 24 Minuten pro Tag.

„Creator“ tut alles, um möglichst harmlos zu wirken. Und doch empfinden manche die Roboter-Restaurants als eine Bedrohung. Es gibt immer mehr davon in den USA, gerade in San Francisco, wo fast täglich technische Neuheiten aus dem benachbarten Silicon Valley herüberschwappen. Die Ankunft der Tech-Konzerne, allen voran Google und Facebook, hat der Stadt aber nicht nur genutzt. Die Mieten sind in der ganzen Gegend nach oben geschnellt. 3334 Dollar kostet eine Ein-Zimmer-Wohnung mittlerweile im Schnitt. Für Angestellte von Tech-Konzernen kein Problem. Dei Facebook liegt das mittlere Jahresgehalt bei fast einer Viertelmillion Dollar. Für andere Menschen ist das jedoch kaum bezahlbar.

Obdachlose prägen das Stadtbild, in UN-Berichten wird San Francisco neben Slums von Mumbai oder Delhi aufgeführt. Nur wenige Blocks vom „Creator“-Restaurant demonstrieren Hotelangestellte. Sie recken Schilder hoch und rufen, dass sie sich trotz zwei oder mehr Jobs das Leben in der Stadt nicht mehr leisten können. Den Menschen, die aus den Bürogebäuden zur Mittagspause kommen, scheint das ziemlich egal zu sein. Sie stehen Schlange vor Hot-Dog-Ständen oder veganen Restaurants. Hauptsache Preis, Tempo und Qualität stimmen, egal, ob es Arbeitsplätze kostet.

Überzeugt der Kaffee vom Robo-Barista?

An diese Zielgruppe wendet sich auch „Cafe X“. Hier servieren Roboter Kaffee. Es gibt bereits drei Filialen in Downtown. Am Fenster des kleinen Ladens steht „Wir stellen ein“ und tatsächlich stehen zwei menschliche Mitarbeiter drinnen. „Mein Job ist es, den Kunden beim Bestellen zu helfen und aufzupassen, dass die Maschine nicht durchdreht“, sagt einer von ihnen. Die Maschine dreht tatsächlich durch, aber mit Absicht: Hinter einer Glasscheibe steht ein Roboterarm, der Tanz-Moves vollführt, während aus einem ganz normalen Automaten hinter ihm Kaffee in einen Becher läuft. Schließlich stellt der Roboterarm den Kaffee an die Ausgabe, wo der Kunde aufpassen muss, ihn nicht zu verschütten. Der Kaffee ist laut Menü vom Typ „Intelligentsia“ und schmeckt: furchtbar. Bitter und doch wässrig, das muss man erstmal hinkriegen. Oder vielleicht ist der Kaffeegeschmack der Amerikaner auch einfach anders. Eine echte Konkurrenz für Baristas ist das jedenfalls noch nicht.

Gefährlich könnte dem einfachen Arbeiter da eher eine Neuerung werden, die ein paar Blocks weiter steht: „Amazon Go“, ein vollautomatischer Supermarkt. Die erste Filiale eröffnete Anfang 2018 in Seattle, der Internet-Händler bewirbt das System als „Just walk out“-Technologie. Wer den Eckladen betritt, muss die „Amazon Go“-App auf seinem Handy haben und einen Barcode einscannen, um durch die Eingangsschranke zu kommen. Dann kann der Kunde aus den Supermarktregalen in die Tasche stecken, was er will, und einfach hinausgehen. Bezahlt wird automatisch über die App. Möglich soll das über die Verbindung von mehreren Sensoren sein, ähnlich wie bei selbstfahrenden Autos.

Der vollautomatische Supermarkt könnte wirklich Jobs kosten

Im Laden sind auffällig viele Kameras zu sehen, dazu stehen mehr Mitarbeiter als Kunden herum. Vielleicht traut Amazon der eigenen Technik noch nicht ganz. Aber wenn die irgendwann ausgereift ist: Wozu braucht man dann noch Kassen und Kassierer? Zumindest zum schnellen Shoppen in der Mittagspause scheint das reizvoll. Der Internet-Händler hat erst im vergangenen Jahr die Riesensupermarktkette „Whole Foods“ gekauft, wo auf jeden Kunden oft noch eine Kasse kommt. Nicht auszudenken, wie viele Jobs verloren gingen, würde hier auf vollautomatisch umgestellt. Von Datenschutzbedenken ganz zu schweigen.

Am Ende kauft der WIRED-Reporter dann doch nichts bei „Amazon Go“. Die App ist nicht auf dem Handy und irgendwie ist vom Burger und Roboterkaffee der Appetit vergangen.