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Netflix: Tau ist ein mieser KI-Thriller mit interessanten Fragen

Michael Förtsch 30.06.2018 Lesezeit 5 Min

Eigentlich hat Netflix' Tau alles, was es für einen intelligenten Techno-Horror bräuchte: Tolle Darsteller, ein fantastisches Design und faszinierende Fragen. Leider scheitert der Film daran, auch clevere Thesen und Antworten zu formulieren.

Der Informatiker und KI-Experte Thomas Alexander Upton – Ed Skrein, Deadpool – ist ein Genie. Nicht umsonst war er auf dem Cover von Forbes und – noch viel wichtiger – WIRED zu sehen. Jedoch ist er auch ein gefühlloser und sadistischer Soziopath mit Reinlichkeitstick und Vorliebe für teures Essen. Mit Menschen kann er nicht viel anfangen. Stattdessen will er mit aller Gewalt seine Arbeit vorantreiben. Die soll einen Quantensprung im Feld der Künstlichen Intelligenz bedeuten: „Die Fähigkeit, zu lernen und Entscheidungen aus dem Gefühl heraus zu treffen, ist ein ausgesprochen menschliches Merkmal“, wirbt schon einmal ein Werbefilmchen seiner Firma. „Aber jetzt nicht mehr.“

Allerdings scheitert Alex daran, jene emotionale Intelligenz und Entscheidungsfindung in Algorithmen zu gießen. Wohl auch, da der Christian-Grey-Verschnitt sie selbst nicht versteht. Daher versucht er sie nun direkt aus dem menschlichen Gehirn zu extrahieren. Schließlich sind kognitive Prozesse letztlich auch nur bio-elektrische Algorithmen, die durch Millionen von Jahren der Evolution geformt wurden. Ein Gedanke, der nach Unfug klingt, es aber nicht unbedingt ist. Denn: Das ist eine Theorie, die beispielsweise Yuval Noah Harari von der Hebrew University of Jerusalem in seiner Evolutionsabhandlung Homo Deus vertritt.

Der KI-Wissenschaftler entführt Menschen, die eh niemand vermissen würde. Begründet wird sein Tun von ihm damit, dass seine neue KI „alles auf unserer Welt zum Besseren wenden“ wird; ein Versprechen, das gerne auch reale Tech-Größen wie Elon Musk und Mark Zuckerberg bemühen. Unter Alex' Opfern ist die junge Diebin Julia – Maika Monroe, It Follows –, die sonst Betrunkene in der Disko ausnimmt. Im Labor seines finsteren Nobelanwesens näht Alex ihr ein Implantat in den Nacken – durch das er ihr die benötigten Daten aussaugen will. Bei einem Fluchtversuch zerstört sie allerdings die High-Tech-Folterkammer. Aber bevor sie die Tür erreicht, wird sie von Tau aufgehalten: Die Künstlichen Intelligenz – Gary Oldman beziehungsweise seine Synchronstimme Udo Schenk, The Dark Knight –, die das Haus, einen Schutzroboter und zahlreiche Drohnen kontrolliert.

Mein Freund, die KI

Mit zerstörtem Labor bleibt dem nihilistischen Wissenschaftler nur Julia als Datenquelle. Er stellt sie vor die Wahl: Sie stirbt oder hilft ihm und unterzieht sich seinen Versuchen – deren genauer Sinn, Zweck und Hintergrund geradezu frustrierend erklärungslos bleiben. Aber Julia glaubt, alsbald eine andere Möglichkeit zu entdecken, zu entkommen: Sie freundet sich mit Tau an. Denn die Künstliche Intelligenz existiert hermetisch abgeschirmt von der Außenwelt; sie hat keinen Zugriff auf das Internet oder auf Kameras, die nach Draußen blicken. Das macht den artifiziellen Verstand so naiv wie neugierig und wissensdurstig.

In den Gesprächen zwischen Julia und Tau spielt der Science-Fiction-Thriller mit und referenziert subtil auf Gedankenspiele wie Platons Höhlengleichnis, p-Zombies und Debatten über techno-kognitive Dilemmata. Also: Kann eine Intelligenz abgeschirmt von der Umwelt ein Bewusstsein und Selbstbewusstsein entwickeln? Wo verläuft die Grenze zwischen einer echten und einer künstlichen Person? Kann eine digitale Lebensformen einen Lebenssinn für sich definieren? Zuvorderst drängt Tau dem Zuschauer aber die Frage auf, ab welchem Punkt eine Intelligenz – oder etwas, das Intelligenz simuliert – menschliches Mitgefühl verdient. „Ich habe einen Namen: Tau“, fragt die KI an einer Stelle. „Bin ich eine Person?“

Die KI ist nämlich weder böse, aggressiv, noch leidet sie unter einer Fehlfunktion – in dieser Hinsicht ist Tau fast schon erfrischend anders. Stattdessen ist der Gary-Oldman-Heimassistent das Produkt einer gezielten Manipulation seines Schöpfers, der ihn von sämtlichen Daten fernhält, die seinen Verstand, seine Ethik- oder Moralvorstellungen erweitern oder Hörigkeit untergraben könnten. „Wer den Informationsfluss kontrolliert, kontrolliert das Verhalten“, sagt Alex. Eine zutreffende Feststellung, wie bereits zahlreiche Fälle zeigen. Denn von Menschen definierte oder unausgewogene Daten haben Künstliche Intelligenzen bereits zu Rassisten und Psychopathen gemacht. Julia versucht der KI daher die Welt zu erklären, beschreibt Tau das Draußen, Tiere, Pflanzen und wo die Menschen herkommen. Sie will Tau so überzeugen, sie gehen zu lassen.

Enttäuschung

Leider wird das Science-Fiction-Kammerspiel all den interessanten Fragestellungen und reizvollen Themen nicht gerecht. Debut-Regisseur Federico D’Alessandro und Drehbuchautor Noga Landau versuchen nicht einmal, Antworten zu liefern oder Thesen zu definieren. Dabei hätten sie ergründen können, ob und wie Empathie, das Erkennen der Person in der Maschine und das Eingeständnis des Nichtwissens, den digitalen Denkapparat als auch den Menschen prägen können.

Genau an diesen Punkten hätte Tau großes Potential gehabt. Dieses wird allerdings allzu platten Versuchen geopfert, Action und Atemlosigkeit in Form sinnloser Fluchtversuche und Handgemenge mit den Robowächtern zu inszenieren. Dadurch wird auch dem Zuschauer jegliche Möglichkeit genommen, über die KI und ihre Beziehung zu Julia zu sinnieren.

Damit bleibt Tau letztlich ein vernachlässigbarer KI-Thriller, der einer nötigen Debatte um Künstliche Intelligenz, Smart Homes und dem Internet of Things nichts beizusteuern weiß. Ganz anders als etwa Spike Jonze' Liebeskomödie Her, die die Liebe zwischen Mensch und Maschine erforscht oder Alex Garlands Psycho-Thriller Ex Machina, der dem Menschen als Lebensschöpfer, dem Wert und der Gefahr eines künstlichen Bewusstseins nachgeht. Nichtsdestotrotz: Für einen Abend mit Popkorn und Bier taugt Tau dennoch.