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Nach 25 Jahren und 200 Kolumnen bin ich jetzt WIREDless

Johnny Haeusler 20.12.2018 Lesezeit 4 Min

Auch unser Kolumnist Johnny Haeusler nimmt Abschied von WIRED.de – mit einem Rückblick, der bis ins Jahr 1993 reicht.

Als 1993 die erste Print-Ausgabe von WIRED erschien, war ich noch regelmäßig mit meiner Band in den USA unterwegs. Und auch dort online, damals mit einem PowerBook Duo, dessen Modem sich mit dem Internet verbinden ließ, indem man die Telefondose im Hotel aufschraubte und am Anschluss zwei Kabel mittels Krokodilklemmen befestigte. Der Zugang erfolgte über CompuServe, den Internet-Serviceprovider, ohne den wir heute keine GIFs hätten.

Es waren aufregende Zeiten, in denen ich mich ein wenig als „Cyber Punk“ fühlte, in obskuren Newsgroups herumtrieb und allen, die es nicht hören wollten, von der unglaublich vernetzten Zukunft berichtete, die auf uns zukommen würde …

WIRED wurde neben Indie-Magazinen wie boing boing zur regelmäßigen Lektüre. Das Vorbild Mondo 2000 fand ich irre cool, insgesamt aber war es mir zu hippieesk, zu verschwurbelt. WIRED hingegen konnte ich verstehen. Und endlich konnte ich über die Menschen und Themen lesen, die mich interessierten und die in Deutschland allerhöchstens ein Nischendasein führten. Bruce Sterling. William Gibson. Game-Entwicklerinnen, Digital-Designerinnen. Über Hackerkultur und neue Unternehmen, die Großes vorhatten. Die ersten Jahre der gedruckten WIRED-US-Ausgaben sammelte ich.

Mit den Jahren ließ meine Begeisterung jedoch etwas nach. Die kalifornische Sicht auf die Welt erschien mir immer weltfremder, es ging häufiger um den „perfekten Menschen“, das „ewige Leben“ … und Technologie schien die Lösung für jedes Problem der Welt zu sein.

Im Herzen Tech-positiv

Dass meine WIRED-Sammlung irgendwann in den Müll flog, war zwar kein Protest gegen diese Haltung, sondern Teil einer meiner sehr seltenen, dann aber umso radikaleren Aufräumaktionen, trotzdem auch Ausdruck meiner Entfernung von WIRED als Nerd-Bibel. Mein Zugang zu WIRED wurde etwas seltener und vor allem realistischer. Gerade die Online-Version versöhnte mich aber schnell wieder, mit etwas Abstand genossen lag WIRED thematisch nämlich doch oft weit vorne. Und so verfolgte ich das Magazin weiterhin, kaufte hin und wieder die gedruckte Ausgabe wegen toller Themen und dem immer großartigen und innovativen Design (die Cover!), stieß regelmäßig auf spannende Online-Artikel und mochte die Marke einfach sehr.

Und ich freute ich mich, als 2011 WIRED endlich in Deutschland an den Start ging, und noch mehr, dass ich seit Ende 2014 selbst Autor für die Online-Ausgabe sein konnte. Ich wollte ein kleiner Teil einer deutschen WIRED-Version sein, vielleicht nicht ganz so kalifornisch begeistert, aber im Herzen Tech-positiv und gerade deshalb auf der Suche nach den Herausforderungen der digitalen Welt, aber eben auch nach Lösungen.

In Deutschland gibt es Bedarf für die Marke WIRED

Rund 200 Kolumnen müssten es sein, die ich in den vergangenen Jahren für WIRED Germany geschrieben habe, und ich glaube, einige davon waren ganz gut – Spaß gemacht hat mir das Recherchieren und Verfassen der Texte immer, ganz besonders, weil die Zusammenarbeit mit dem Team von Beginn bis Ende problemlos, freundlich und inspirierend war. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön an alle im Team, mit denen ich in den letzten Jahren zu tun haben durfte. Und natürlich auch an die Leserinnen, die hier regelmäßig vorbeigeschaut haben und in den üblichen Kanälen ihr Feedback hinterließen.

Ich werde WIRED Germany vermissen. Als Heimat für diese Kolumne, aber auch ganz generell in der deutschsprachigen Medienlandschaft. Dass sich der Verlag in Zukunft auf andere Themen konzentrieren möchte und daher von WIRED Abstand nimmt, impliziert, dass digitale Themen hierzulande ein Randthema bei Werbekunden wären. Dabei hatte wired.de kein Problem, auch Werbekunden aus dem Bereich „Luxus und Lifestyle“ zu gewinnen. Zudem haben die Zugriffszahlen von wired.de bewiesen, dass es in Deutschland Bedarf für die Marke WIRED und ihre Themen gibt. Eine deutsche Version von WIRED hat also durchaus ihren Platz.

Offenbar aber vorerst nicht mehr. Warten wir aufs Update.

Es war schön mit euch!