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Mozilla Firefox: Der nette Browser hat Marktanteil verloren, verfolgt aber weiter eine große Mission

Madlen Schäfer 28.09.2018 Lesezeit 9 Min

WIRED hat bei Mozilla in Berlin vorbeigeschaut und die Macher des Firefox kennengelernt. Um den Internetbrowser, der früher Marktführer in Deutschland war, ist es zwar etwas stiller geworden, seit Google mit dem Chrome das Netz dominiert. Doch die Mozilla-Community ist ohnehin nicht auf plumpe Marktmacht aus, sondern auf ein besseres Internet für alle.

Seit einem Jahr treibt auf einem Gewerbehof in Berlin ein ganz besonderer Fuchs sein Unwesen. Anders als bei anderen Stadtfüchsen, steht hinter ihm eine weltweite Community. Man könnte fast sagen: eine regelrechte Internet-Bewegung. Einige ihrer Mitglieder arbeiten hier in Kreuzberg hauptberuflich für Mozilla, dessen Markenzeichen der feuerrote Firefox ist. Auf zwei Etagen mit rund 2.100 Quadratmetern sind 80 Leute beschäftigt. Wer in ihr Büro hinein will, muss sich erst am Empfang eintragen – natürlich digital, per Tablet. Wie zur Begrüßung sitzt auf dem Tresen im Eingangsbereich ein Rudel Plüsch-Füchse.

Bei Mozilla geht es familiär zu

Angefangen hat es in Deutschland für die Mozilla Foundation, die nicht gewinnorientiert ist, und ihren Firefox, den sie selbst den „Browser mit Herz“ nennt, aber viel kleiner. Erst ein Coworking-Space, dann ein kleines Büro an der Jannowitzbrücke, erinnert sich Dominik Strohmeier, der seit mehr als fünf Jahren für Mozilla arbeitet. Aktuell ist er als Staff Product Researcher für die Performance und Qualität von Firefox zuständig. „Wir sind bewusst mit dem Wachstum umgegangen”, sagt er. Das familiäre Klima hätten sie sich weiterhin erhalten. Dafür sorge vor allem ein Möbelstück: der Küchentisch. „Wir essen immer alle gemeinsam an einem Tisch”, sagt Strohmeier. Deshalb wuchs mit der Anzahl der Mitarbeiter auch die Größe des Tischs.

Die gesamte Mozilla-Familie wäre allerdings zu groß für einen einzigen Tisch: Neben den weltweit rund 1.100 Mitarbeitern gibt es 10.500 Menschen, die sich Mozillians nennen. Das sind Freiwillige, die dabei mithelfen, das Open-Source-Projekt weiterzuentwickeln. Die Hauptarbeit von Mozilla findet natürlich im Netz statt, wozu also ein schickes Büro mitten in Berlin? „Firefox ist in Deutschland sehr beliebt, weil sich viele Nutzer Gedanken um ihre Privatsphäre und ihre Daten machen”, erklärt Frederik Braun, Staff Security Engineer & Country Ambassador. Gerade in Deutschland wollte Mozilla deshalb sichtbarer werden.

Wenn es um Privatsphäre geht, ist unbequem das neue sexy

Hinter dem Firefox steckt die hehre Vision von Mozilla: ein freies Internet für jedermann, ein Internet, „in dem der Einzelne sein eigenes Erlebnis gestalten kann und Einfluss, Sicherheit und Unabhängigkeit besitzt.” Diese Idee weltweit bekannt zu machen – und den Internetbrowser dazu gleich mit –, dafür ist auch die Kulturwissenschaftlerin Anja Fordon zuständig. Früher träumte sie davon, bei Mozilla zu arbeiten. Jetzt ist sie dort Social Strategist. „Ich will meine Zeit für etwas einsetzen, was einen größeren Wert hat“, sagt sie, „nicht reiche Menschen noch reicher machen.”

Seit zwei Jahren arbeitet auch Cathleen Berger für die Mozilla Corporation. Sie entwickelt globale Strategien für die Foundation und war davor beim Auswärtigen Amt. Zu ihren Erfolgserlebnissen gehört der öffentliche Druck, der durch ihre Mitarbeit auf die G20-Staaten, also die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, erzeugt werden konnte. Zusammen mit 100 anderen Organisationen forderte Mozilla von ihnen, den Schutz und die Sicherheit von Nutzerdaten weltweit zu gewährleisten, um das Vertrauen ins Internet zu retten. Die G20-Machthaber wurden außerdem dazu aufgefordert, das Internet als öffentliche Ressource, die für jeden zugänglich ist, zu bewahren. „Aufgeben ist keine Option, weil bestimmte Dinge nicht ignoriert werden dürfen”, sagt Cathleen Berger. Wenn es ein Internet für alle sein soll, müssen auch alle daran teilhaben dürfen. Und wenn es um Privatsphäre im Netz geht, dann sei unbequem das neue sexy, ist sich ihre Kollegin Anja Fordon sicher.

Firefox hat Marktanteil an Googles Chrome verloren

Von seinem Sexappeal scheint der Firefox allerdings etwas verloren zu haben, zumindest wenn man sich Statistiken über die Marktanteile von Internetbrowsern anschaut. Weltweit musste der Firefox federn lassen, vor allem in Deutschland. Erreichet er hier 2010 noch einen Höchstwert von rund 62 Prozent, kommt er heute nur noch auf einen Marktanteil von gut 26 Prozent. Vor allem der Google Chrome konnte im Gegenzug viele User für sich gewinnen. Mit fast 38 Prozent ist er die Nummer eins in Deutschland.

Angesprochen auf diesen Bedeutungsverlust reagieren die meisten im Berliner Büro eher skeptisch. Die Daten zum Marktanteil hätten keine verlässliche Aussagekraft, heißt es. So würde die mobile Browsernutzung nicht richtig erfasst. Außerdem sei für Firefox die Zahl der aktiven Nutzer interessanter. Laut dem aktuellen Data Report von Mozilla nutzen hierzulande 26,5 Millionen Menschen den Firefox. So wirklich über die Marktsituation reden, will aber erst einmal niemand. Keiner hält sich für einen Experten auf diesem Gebiet.

Die Philosophie der Mitbestimmung, die innerhalb der weltweiten Mozilla-Community herrscht, wird auch im Büro gelebt. Das Team darf bei allem mitreden. Es geht ohnehin sehr kommunikativ zu. Inmitten der Großraumbüros finden sich immer wieder kleine Räume, fast wie Telefonzellen. In diese können sich die Mitarbeiter zurückziehen, um mit anderen Kollegen weltweit via Video zu telefonieren.

In einer kleinen Werkstatt können Hardware-Bastler werkeln. Für etwas Entspannung sorgt eine Hängematte in einem Durchgangszimmer. Und natürlich fehlt auch die Zockerecke samt Tischtennisplatte nicht. Alles hat den Chic eines gängigen Start-up-Büros. Die Büros sind minimalistisch eingerichtet. Die einzigen Farbtupfer in der sonst grau und schwarz gehaltenen Einrichtung sind die Konferenzräume. Sie tragen Namen wie „Fuchsia“, „FireBrick“ oder „Gainsboro“. Die Farbgeber des Raums entstammen den HTML-Farben nach W3C-Standard.

Mozilla freut sich, wenn auch die Konkurrenz besser wird

Es ist Mittagszeit, die gesamte Belegschaft trifft sich in der Küche und bedient sich am kostenlosen Buffet. Und tatsächlich: Am langen Küchentisch unterhalten sich die unterschiedlichsten Mitarbeiter. Da bietet sich die Chance, noch ein paar Fragen zu stellen. Christopher Arnold, Strategic Developement Principal, ist aus den USA für ein Jahr nach Berlin gekommen. Er hat eine Meinung zum verlorenen Marktanteil: „Je mehr Unternehmen und Einzelpersonen sich an diesem Kampf um Innovation beteiligen, desto größer ist der Gesamtnutzen für das Ökosystem. In diesem Sinne wurde das Mozilla-Projekt geboren. Meiner Meinung nach funktioniert es großartig”, sagt er.

Das soll wohl heißen: Weil es bei Mozilla darum geht, das gesamte Internet für alle besser zu machen, freut man sich sogar darüber, wenn der Konkurrenzkampf auch die Wettbewerber besser macht.

Du arbeitest für Mozilla? Danke dir!

Natürlich arbeiten viele Mitarbeiter ständig daran, den Firefox für seine User zu optimieren. „Was Nutzer wollen, ist nicht immer einfach herauszufinden“, sagt Dominik Strohmeier. Dafür gebe es unterschiedliche Methoden, zum Beispiel Test-Pilotversionen, Umfragen oder Treffen mit den Nutzern. „User-Treffen sind richtig emotional“, sagt Emanuela Damiani, die als Senior User Experience Designer Hausbesuche bei Nutzern macht, um deren Meinung zu erfahren. Manchmal bekommt sie aber sogar in der U-Bahn Feedback für ihre Arbeit, wenn sie ein T-Shirt von Mozilla trägt. „Sie fragen dann erstaunt: Du arbeitest für Mozilla? Danke dir!“

Trotzdem: Viele Nutzer kennen die Idee und die Mission von Mozilla noch nicht. Während in Nordamerika vielen Menschen die Mozilla Foundation ein Begriff sei, würden Europäer hauptsächlich den Browser Firefox kennen. Dennoch sei es leicht, Mitarbeiter zu finden, berichtet Senior Recruiter Rohina Harboth. Das liege daran, dass die Bewerber das Gefühl hätten, gemeinsam mit der Community noch mehr lernen zu können. „Wir wollen, dass Menschen bei uns für das Internet und nicht für einen Browser coden“, sagt sie. Das Konzept scheint aufzugehen. „Ich arbeite schon seit über 15 Jahren als Softwareentwicklerin, aber bei Mozilla habe ich wieder das Gefühl, trotzdem jeden Tag etwas Neues dazuzulernen”, sagt Software Engineer Ola Gasidlo.

Zuletzt gab es Kritik am Firefox

Der Firefox steht bei vielen Usern für Sicherheit und Privatsphäre beim Surfen. Der gute Ruf ist seit dem vergangenen Jahr aber etwas angekratzt. In den USA hatte Firefox bei Nutzern ungefragt ein Add-On installiert, um so die Serie „Mr. Robot“ zu bewerben. Die User waren enttäuscht, Firefox musste schnell zurückrudern. War das vielleicht ein erster Schritt in Richtung weniger Privatsphäre? In Berlin beschwichtigt man.

Das sei gar nicht so einfach möglich, weil die Mozilla Foundation dem Mission Statement, also zehn festgelegten Prinzipien verpflichtet sei, erklärt Engineering Manager Georg Fritzsche. „Wir haben grundlegende Prinzipien. Alles, was wir machen, ist transparent für den Nutzer. Wenn wir Daten erheben, dann zu dem Zweck, das Produkt für die Nutzer besser zu machen. Wir verkaufen keine Daten.” Vor jeder Analyse werde genau geprüft, welche Daten erhoben werden können. Diese würden maximal 180 Tage gespeichert. Außerdem werde die Sicherheit werde ständig optimiert. Dafür sorgt unter anderem der Engineering Manager Ethan Tseng. „Alle Browser haben ähnliche Features, aber wir arbeiten daran, einen Standard zu entwickeln”, sagt er.

Als Beispiel dafür nennt er den Tracking-Schutz. Der Firefox war 2009 der erste Browser, der eine Do-Not-Track-Funktion bekam. Ist diese aktiviert, wird den Anbietern von Websites signalisiert, dass der Nutzer nicht möchte, dass sein Surfverhalten mitverfolgt wird. In den folgenden Jahren erhielten auch die Konkurrenten wie der Internet Explorer und der Google Chrome diese Funktion.

Mozilla hat auch Geld von Google bekommen

Kritik muss sich Mozilla auch deshalb immer wieder anhören, weil die Foundation von großen Konzernen finanziell unterstützt wird. Im Jahr 2012 investierte Google 280 Millionen US-Dollar. Auch die laufenden Einnahmen kommen zu einem großen Teil von Internetriesen wie Google, Microsoft, Yahoo, Amazon oder eBay, denn deren Suchfunktionen sind in den Firefox integriert.

Doch gerade diese Firmen stehen für viele User nicht gerade für Privatsphäre und den unbedenklichen Umgang mit Daten. Doch auch hier will Mozilla Kritiker beruhigen. „Unsere Partnerschaften sind sehr wichtig, Einfluss auf die Entwicklung unserer Produkte nehmen sie aber nicht”, sagt die Sprecherin Alice Fleischmann. „Geld, dass wir verdienen, investieren wir direkt wieder ins Produkt.” Mozilla dürfe schließlich gar keinen Profit machen.

Ein Team von Weltverbesserern

Im Berliner Büro hat man jedenfalls den Eindruck, von motivierten Weltverbesserern umgeben zu sein. Und obwohl Mozilla inzwischen professioneller geworden ist als in den Anfangsjahren, bleibe die Community hinter dem Open-Source-Projekt der Erfolgsfaktor des Firefox, das versichern hier alle. Es gehe eben nicht nur darum, zu konsumieren, sondern es Menschen zu ermöglichen, das Internet aktiv mitzugestalten.