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Krypto-Mining in der Kälte: In diesem norwegischen Stollen werden jetzt Bitcoins geschürft

Roman Maas 01.11.2018 Lesezeit 9 Min

Um Kryptowährungen zu schürfen braucht es Energie. Viel Energie. Neue Bitcoins zu erschaffen ist inzwischen so teuer geworden, das Krypto-Miner wie die Northern Bitcoin AG aus Frankfurt ihre Rechner an ungewöhnlichen Orten aufstellen – zum Beispiel in einer alten Mine in Norwegen. Kann das die Lösung sein? WIRED-Autor Roman Maas hat sich das Datencenter unter einem Fjord angesehen.

Tosende Wassermassen stürzen einen zerklüfteten Hang hinunter. Die Gischt bildet mannsgroße Wolken. Ich folge dem Strom nach oben und komme an einen Stausee. Das Wasserkraftwerk, durch das ein Großteil des Sees abfließt, versorgt die Umgebung seit über hundert Jahren mit Strom. Und es ist nicht das einzige. Seit dem Ende der Eiszeit, als die Fjordlandschaft entstanden ist, fließen hier unzählige Wasserfälle und Stromschnellen von den Gebirgsmassiven in die Täler. Natürliche Kraft, die die Norweger effizient nutzen. Dutzende Kraftwerke stehen in der Region des Nordfjords. Manche schauen aus wie Scheunen am Hang, erzeugen aber Megawatt-Leistungen.

Billiger Strom lockt Krypto-Miner

Norwegen gewinnt etwa 95 Prozent seiner Energie aus erneuerbarer Wasserkraft. Grüner geht es kaum. Und günstiger auch nicht. Die Norweger zahlen im Durchschnitt etwa ein Drittel von dem, was die Deutschen für Strom ausgeben. Diese billigen Strompreise und das kalte Wasser haben die Northern Bitcoin AG an den Nordfjord gelockt. Die in Frankfurt ansässigen Krypto-Miner schürfen digitales Gold – und zwar dort, wo die Bedingungen für sie optimal sind. An diesem Wochenende haben sie einige Journalisten nach Sandane eingeladen, einen kleinen Ort direkt am Gloppefjord. Ganz in der Nähe steht ihre Bitcoin-Mine. Passenderweise ist sie in einer alten Gesteinsmine untergebracht.

An Kryptowährungen hat mich vor allem die Idee der Dezentralität fasziniert. Die Blockchain macht es möglich, unabhängige Währungssysteme zu erschaffen, die nicht von Nationen oder Finanzinstituten abhängig sind. Die Technologie lässt sich nicht von einer zentralen Macht steuern – und sie könnte dafür sorgen, dass wir den freien Informationsaustausch des Internets auf unsere persönlichen Daten und Besitztümer übertragen können.

Der Bitcoin ist ein Energiefresser

Doch trotz dieser Möglichkeiten bekam mein Enthusiasmus bezüglich Bitcoin und Blockchain einen Dämpfer, als ich realisierte, wie viel Energie zum Betreiben der dezentralen Maschinerie gebraucht wird. Eine aktuelle Studie schätzt, dass Bitcoin bis Ende dieses Jahres ein halbes Prozent der weltweiten Stromversorgung in Anspruch nehmen könnte. Und dabei sind Kryptowährungen noch lange nicht im Mainstream angekommen, sondern dienen vielerorts bloß Investoren als neuartiges Spekulationsobjekt.

Der Treibstoff für das dezentrale Netzwerk kommt in den meisten Teilen der Welt aus fossilen Brennstoffen. Aber wird das so bleiben? China, das Land wo geschätzte 70 Prozent der gesammelten Hashrate des Bitcoin-Netzwerkes kontrolliert werden, wurde wegen des billigen Stroms zum Mekka für Krypto-Mining. Dort produzierten die Kohlekraftwerke einen großen Überschuss an Energie, wodurch Wind- und Solaranlagen abreguliert wurden. Die Schürfer machten sich diesen Überschuss zunutze und ließen ihre Maschinen heiß laufen. Doch mittlerweile ist der chinesischen Regierung die Produktion der kaum kontrollierbaren Währungen nicht mehr geheuer. Außerdem will sie die schmutzigen Kohle-Überschüsse und die Verschwendung erneuerbarer Energien stoppen. Lokale Behörden sollen Krypto-Miner dazu bewegen, ihren Stromverbrauch zu senken. Diese wandern daher in Gebiete aus, in denen die Energie effizienter fließt.

Krypto-Mining in den Tiefen der Berge

So grün wie der Strom, der hier zum Schürfen der Kryptowährung eingesetzt wird, ist auch der Eingang der Lefdal-Mine erleuchtet, in die das Team von Northern Bitcoin eingeladen hat. In den gewaltigen schwarzen Tunneln erzeugen die Scheinwerfer die Atmosphäre einer Superschurkenhöhle. In Wirklichkeit sollen sie wohl an Olivin erinnern – also an den olivfarbenen Stein, der hier früher für die Stahlindustrie abgebaut wurde.

Die zerklüfteten Gänge sind fünfzehn Meter hoch und so breit, dass zwei Schwertransporter problemlos nebeneinander fahren können. 500 Meter weit ragen die Schächte in den Berg. Auf fünf Ebenen geht es 160 Meter in die Tiefe. 120.000 Quadratmeter können hier unten im Gestein genutzt werden. Die maximale Stromkapazität beträgt 200 Megawatt. Das ist genug Platz und Energie für über 1.500 mit Technik vollgepackte LKW-Container, aus denen das Datencenter besteht, das jetzt in die Mine eingezogen ist.

So funktioniert das Mining von Bitcoins

Im Gegensatz zum klassischen Papiergeld, in Abgrenzung zu den Kryptowährungen oft Fiat-Währungen genannt, gibt es beim Bitcoin weder Regierung noch Zentralbank, die neues Geld in Umlauf bringen. Stattdessen müssen neue Coins „geschürft“ werden – und zwar mit einer speziellen Software, die aufwendige Algorithmen ausführt. Wer die Rechenpower zu Lösung der komplexen Aufgaben bereitstellt, wird dafür mit neuen Bitcoins belohnt. Die Miner sind auch Prüfer, die gleichzeitig mit der Lösung der mathematischen Probleme die in der Blockchain getätigte Transaktionen verifizieren und in neuen Datenblöcken festhalten. So treiben sie das System voran.

Die Schwierigkeit der Algorithmen steigt kontinuierlich, gleichzeitig sinkt die Frequenz, mit der neue Coins freigeschaltet werden. Das Mining wird aufwendiger – und braucht immer mehr Rechenpower. Konnte sich früher noch jeder Laptopbesitzer am Bitcoin-Rausch beteiligen, lohnt sich Mining heute nur noch mit ASICs bestückten Spezialrechnern. Diese Application-Specific Integrated Circuit Chips haben den Bitcoin-Algorithmus in ihrer Architektur integriert und sind dementsprechend super-effizient.

Im Bitcoin-Protokoll ist festgelegt, dass es maximal 21 Millionen Bitcoins geben darf. Irgendwann sind also alle Bitcoins geschürft. Das dürfte zwar erst in etwa 100 Jahren der Fall sein. Aber schon um 2032 wird es wohl aufhören, für Profi-Miner lukrativ zu sein. Dann können sie nur noch Geld verdienen, wenn sie Transaktionsgebühren verlangen. Zumindest, wenn die Menschen bis dahin keine Währungsabspaltungen mit noch mehr Coins geschaffen haben.

Die Mine ist bombensicher

Wie in jeder Mine gibt es auch in der norwegischen „Bitcoin-Mine“ genaue Sicherheitsvorkehrungen. Im Besucher-Container werden wir damit vertraut gemacht. Die Maßnahmen haben aber nichts mit Schutzhelmen oder Evakuierungsplänen zu tun, sondern mit Datenschutz. Denn nicht nur Bitcoin-Schürfer lagern hier ihre Container, sondern auch Großkunden, die ihre Daten in absoluter Sicherheit wissen wollen. Ihre Namen sollen nicht verraten werden.

Die Mine ist gut versteckt und bombenfest. Elektromagnetische Impulsattacken von außen haben im Berg keine Chance. Selbst Sonneneruptionen, die jederzeit Elektronik im globalen Ausmaß zerstören könnten, schaffen es laut den Minenarbeitern nicht durchs Gestein. Die einzige natürliche Gefahr für den unterirdischen Datenstollen wären kataklysmische Wassereinbrüche. Der ansteigende Meeresspiegel sollte den Krypto-Minern also nicht völlig egal sein.

Wasser ist auch das Element, das hier für Kühlung sorgt. Wie jeder PC-Bastler weiß, sind Wasserkühlungen das Nonplusultra, wenn es um Energieeffizienz geht. Das acht Grad kalte Wasser fließt vom Fjord problemlos in die Tiefen der Mine, wo es in ausgeklügelte Röhrensysteme geleitet wird. Die Rechner können so auf Maximalleistung laufen, ohne zu überhitzen. Die Temperatur in den Tunneln hält sich durchweg bei 9°C.

100 Bitcoin pro Tag

In den weißen Containern von Northern Bitcoin rattern die digitalen Minenwerkzeuge fleißig vor sich hin. 210 Miningcomputer passen in einen Container. Die Rechner sind High-End Modelle, Antminer S9 aus China mit jeweils 189 ASIC-Chips und einer Hashrate von 14 Tera-Hashes. Ein Container von Northern Bitcoin kann also mit einer geballten Arbeitsgeschwindigkeit von knapp 3.000 Tera-Hashes minen. Bald sollen neuere, schnellere ASIC-Modelle dazukommen. Das Ziel von Northern Bitcoin ist es, in den nächsten Monaten auf 280 Container aufzustocken, womit fünf Prozent des weltweiten Schürfanteils hier unter dem nordischen Fjord stattfinden würde. Die Ausbeute würde dann 100 Bitcoin pro Tag betragen. Weitere Minenstandorte sind geplant. Die so erwirtschafteten Coins verkauft die Minengesellschaft auf Krypto-Exchanges weiter. Darüber hinaus ist die Einrichtung von Mining-Pools geplant, bei denen sich jeder gegen Gebühr am nordischen Mining beteiligen und seine eigenen Coins schürfen kann. Erst kürzlich hat die Northern Bitcoin AG die Zusammenarbeit mit den chinesischen Schürfern der Rawpool-Gruppe bekannt gegeben.

Kein Zweifel an der Zukunft des Bitcoins

Die Mitarbeiter von Northern Bitcoin zweifeln vor den Journalisten nicht daran, dass Kryptowährungen, speziell Bitcoin, die Zukunft sind. Ob es in Deutschland jemals eine Massenadoption geben wird, ist aber selbst für sie fraglich. Als Use-Case führen sie Menschen in Ländern an, die kein so „stabiles“ Wirtschaftssystem wie wir haben. Die Tatsache, dass man sich digitale Geldwerte anschaffen kann, die sich ohne nationale Finanzinstitute ansparen und transferieren lassen, könne für viele Menschen noch überlebenswichtig werden. Aufgrund der dezentralen Natur des Netzwerkes ist es bei Umzug oder Flucht in ein anderes System nicht nötig, sein Kryptogeld physisch bei sich zu tragen.

Und die Gefahr, dass der Bitcoin durch besser entwickelte Kryptowährungen verdrängt wird? Die ist hier kein Thema. Es wird auch eher nebenbei erwähnt, dass die Miningrechner in der Mine seit einigen Wochen gar nicht mehr den klassischen Bitcoin (BTC), sondern den flexibleren Altcoin Bitcoin Cash (BCH) produzieren. Die Gewinnmarge bleibe in etwa die gleiche – und die Miningrechner könnten jederzeit zwischen den beiden Kryptowährungen switchen.

„Total verrückt, die ganze Krypto-Entwicklung und wie viel Energie das ganze frisst, oder?“, frage ich einen jungen Kollegen, als wir am mächtigen Wasserfall stehen. „Keine Frage!“ sagt er, „Aber sonstwo wird so viel mehr für sinnlosere Sachen verpulvert.“ Ich frage mich, ob die emissionsfreien Krypto-Schürfer hier etwas anderes als Bitcoins runterrauschen sehen. So oder so, wenn der letzte Coin gemint ist, wird das von der Zeit unbeeindruckte Wasserkraftwerk hier sicher immer noch Energie produzieren.

Hinweis: Der Besuch im norwegischen Datacenter fand auf Einladung der Northern Mining AG statt.